| 20:44 Uhr

Herbstkonzert
Naturklänge mit Alphorn und Maultrommel 

Die Piccolo-Flöte, gespielt von Ulrike Hempelmann (links), versuchte es beim Konzert des Städtischen Orchesters musikalisch mit dem Alphorn, gespielt von Franz Schüssele (rechts), aufzunehmen.
Die Piccolo-Flöte, gespielt von Ulrike Hempelmann (links), versuchte es beim Konzert des Städtischen Orchesters musikalisch mit dem Alphorn, gespielt von Franz Schüssele (rechts), aufzunehmen. FOTO: Cornelia Jung
St. Ingbert. Mit klassischen Melodien spielte das Städtische Orchester, was die Zuhörer gewohnt sind. Jetzt schlug man aber ganz andere Töne an.

„Vergessen Sie den Alltag mit zwei Stunden schöner Musik“, wünschte die Vorsitzende des Städtischen Orchesters, Ulrike Hempelmann, den Besuchern des Herbstkonzerts. Und es fiel den Gästen der Veranstaltung am vergangenen Sonntag in der vollbesetzten Stadthalle nicht schwer, sich auf die Musik einzulassen und dem Wunsch der Musikerin nachzukommen. Zumal es nicht nur das „normale“ Programm und Repertoire der Sinfoniker gab mit so beliebten Stücken wie Edward Elgars „Pomp & Circumstance“, dem Slawischen Tanz Nr. 8 von Dvořák oder Kompositionen von Flotow, Fučik, Delibes oder Franz Schubert, sondern auch kompositorische Seltenheiten mit eher ungewöhnlicher Instrumentenbesetzung.


So gab es ein Wiedersehen und -hören mit Franz Schüssele aus dem Schwarzwald und seinem Alphorn. Bereits 2013 war er zu Gast in St. Ingbert, das für ihn so eine Art musikalische Heimat ist, denn sein Rieseninstrument wurde dort nach seinen Vorstellungen gefertigt. Alphorn-Spezialist Schüssele, der auch Serpent spielt, ein schlangenförmiges Blasinstrument des 16. Jahrhunderts, nordische Lyra, und auf einigen von ihm selbst erfundenen Instrumenten wie Spazierstockalphorn oder Büchsentrompete, stellte sich selbst als „Naturtonreihe-Freak“ vor.

Kein Blasinstrument oder Alltagsgegenstand, der mit Unterstützung der menschlichen Stimme Naturtöne herausbringt, ist ihm fremd. Das brachte ihm Lehraufträge, Fernsehauftritte und mit seiner volkstümlichen Musikgruppe „d‘ Gälfiäßler“ einen Eintrag ins „Guinessbuch der Rekorde“ als die Band mit den meisten Musikinstrumenten, rund 150 Stück, ein. Dass „Herr Schüssele ohne Applaus“ auf die Bühne kam, wie Dirigent Anso Fiedler ans Publikum gerichtet feststellte, sollte aber nicht dem mangelnden Interesse oder der fehlenden Ehrerbietung angelastet werden, sondern eher dem Umstand, dass die Gäste fasziniert auf das lange Instrument und dessen Spieler schauten.



Die Zuhörer bekamen eine „Gratis-Einführung“ in das Instrument, das zwar manche an die Schweizer Berge denken lasse, aber alles andere als ein Schweizer Klangkörper sei. Früher habe es dieses Horn auf der ganzen Welt gegeben, meist gebraucht als einfaches Signalhorn. Man könne damit nur Töne der sogenannten Naturtonleiter spielen, so Schüssele: „Das klingt für heutige Ohren manchmal leicht schräg.“ Er demonstrierte es und bat die Zuhörer, darauf zu achten, bei welchen Tönen „sich Ihnen die Nackenhaare aufstellen“. Es seien erstaunlicherweise die Primzahlen, wie er sagte und zeigte damit, dass beim Instrumentenbau auch Physik und Mathematik nicht weit sind. Beim „Dialogue avec la nature“ von Jean Daetwyler trat Schüssele mit seinem XXL-Instrument nicht nur mit der kleinen Piccoloflöte, gespielt von Ulrike Hempelmann, in den Dialog, sondern mit dem ganzen Orchester. An manchen Stellen wirkte das Zusammenspiel schon beinahe meditativ.

Den Konzertbesuchern gefiel es, doch das „Concertino für Maultrommel“ von Johann Georg Albrechtsberger war nicht so recht für St. Ingberter Ohren gemacht. Hier lief die Maultrommel, ebenfalls gespielt von Franz Schüssele, dem Städtischen Orchester Rang ab. Die von Schüssele gespielte Maultrommel, ist zwar das kleinste Naturtoninstrument, dominierte aber den größeren Klangkörper. Man musste sich „einhören“. Und als das gelungen war, war das Maultrommel-Intermezzo auch schon wieder vorbei.

Das letzte offizielle Stück des Abends, die Carmen Suite Nr. 1 von Georges Bizet, bestritten Schüssele, sein nun „verkürztes“ Alphorn und das Orchester gemeinsam. „Ich habe es zum Didgeridoo gemacht, damit es auch zum Torero passt“, so der Multi-Instrumentalist. Als „Einleitung“ zu Carmen improvisierte er und nannte das Ergebnis „Nächtliches Getier in der Stierkampfarena“. Ja, nicht nur dieser Scherz kam gut beim Publikum an, sondern das ganze Konzert. Kurzweilig war es, abwechslungsreich und gut gespielt. Mit Schüssele zu musizieren machte scheinbar nicht nur dem Dirigenten Spaß, sondern auch seinen Musikern. Und weil es für beide Seiten ein Genuss war, gab es noch eine Zugabe obendrauf. „Was, das war es schon? So kurz?“, wunderte sich eine Zuhörerin, die gar nicht genug von dem Musik-Mix bekommmen konnte, nach gut zwei Stunden, „ich glaub‘, da muss ich mal mit den Musikern reden.“