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Kolumne Unsere Woche
Eine Autostadt sucht neue Mobilität

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Ein Mobilitätskonzept für St. Ingbert könnte neue Wege aufzeigen. Doch die Mittelstadt ist autodominiert wie kaum eine andere im Saarland: Eine Herausforderung angesichts der Tatsache, dass annähernd jeder Fahrtüchtige ein Auto hat. Von Michael Aubert

St. Ingbert ist eine Autostadt. Das wurde bei der Auftaktveranstaltung zum Klimaschutz-Teilkonzept deutlich, zu dem die St. Ingberter am Dienstagabend von Raum- und Verkehrsplanern eingeladen waren – an einem einzigen Zahlenbeispiel: Von 1000 Einwohnern haben 778 von 779 „Fahrtüchtigen“ in der Mittelstadt ein Auto. Angesichts dieser Zahl darf die Entwicklung eines „Mobilitätskonzepts für die Zukunft“, in das 4000 Haushaltsbefragungen, Verkehrszählungen sowie Anregungen und Kritik von Bürgern mit einfließen, durchaus als ambitioniert bezeichnet werden. Die hohe Zahl an Autos in St. Ingbert zeigt: Mobilität hat sich quasi zu einem Grundrecht entwickelt, gehört zur Grundversorgung wie das Licht auf Schalterdruck.


Am Morgen darauf haben die Saar-Mobil-Busfahrer ihre Arbeit niedergelegt und für höhere Löhne sowie bessere Arbeitsbedingungen gestreikt. Hiervon dürften aber allenfalls die Autofahrer Notiz genommen haben, die aufgrund der Baustelle in der Poststraße im Verkehr stecken geblieben sind und das Treiben auf dem Rendezvous-Platz verfolgen konnten – während Fußgänger und Radfahrer an ihnen vorbeizogen. Ein Bild, das aussagekräftig genug war, um über neue Wege nachzudenken.

Ein Leben ohne Auto scheint aber nicht nur in St. Ingbert keine Alternative. Denn kurzfristig beschäftigt den bequemen Mensch eher andere Fragen: Wie soll ich zur Arbeit kommen, die Kinder in den Kindergarten oder zum Training bringen und wieder abholen? Etwa mit dem Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV)? Zu teuer und wenig attraktiv. Auch in der estnischen Hauptstadt Tallinn ist der Verkehr in der Innenstadt nicht zurückgegangen, weil der ÖPNV kostenlos ist, wie bei zeit-online zu lesen ist, sondern wegen extrem hoher innerstädtischer Parkgebühren.



Das wäre eine der Schrauben, an der eine Stadt drehen kann, wenn sie Autos aus ihrem Kern wirklich verbannen will. Gleichzeitig müsste aber auch der ÖPNV und das Radwegenetz ausgebaut und attraktiver werden.

Bis 2020 soll das Verkehrsgutachten fertig sein. Auf das Ergebnis darf man gespannt sein, zumal auf die 4000 befragten Haushalte statistisch je zwei Autos kommen.