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Ein Bad in Schutt und Trümmern

An der alten aufgebrochenen Registrierkasse hängt ein menschliches Herz. Kein romantisch stilisiertes Plüschherzchen, sondern ein originalgetreues Modell aus Plastik. Wer sein Herz hier - zwischen Schutt, Glasscherben und zerstörter Wandverkleidung - verloren hat, weiß heute niemand mehr Von SZ-Redakteur Florian Rech

An der alten aufgebrochenen Registrierkasse hängt ein menschliches Herz. Kein romantisch stilisiertes Plüschherzchen, sondern ein originalgetreues Modell aus Plastik. Wer sein Herz hier - zwischen Schutt, Glasscherben und zerstörter Wandverkleidung - verloren hat, weiß heute niemand mehr. Seit zwölf Jahren schon klingt die alte Kasse mit dem Herzen nicht mehr, ist das Gebäude, in dem sie steht, längst abgeschrieben. Das alte St. Ingberter Stadtbad liegt in Trümmern. Durch die großen Fensterfronten fällt die fahle Wintersonne auf zerschlagene Waschbecken, kaputte Glasscheiben und schimmelige Wände.



Vor langer Zeit, im Jahr seiner Eröffnung 1956, war das Bad eines der modernsten im südwestdeutschen Raum, eine Perle seiner Art. Heute ist es lästig, eine Altlast, die den Grundstückspreis in die Tiefe drückt, sein Abriss beschlossene Sache. Im Herbst diesen Jahres soll die Abrissbirne einschlagen. Am 1. Januar 2001 wurden die Eingangstore des alten Stadtbades für immer verschlossen. Durch eingeschlagene Fenster und aufgebrochene Hintertüren kamen trotzdem weiter "Besucher". Viele Anzeichen weisen darauf hin, dass die St. Ingberter Stadtjugend das verlassene Bad für sich eroberte. Viele kamen, um zu sprühen. In 3,20 Meter "Wassertiefe" hat sich "King Nico" verewigt. "Yes Bitch" springt den Besuchern in der alten Herrenumkleide ins Auge. Naziparolen schmücken die Wände im ersten Stock. Andere Jugendliche kamen, um zu feiern, und tauchten die komplette Schwimmhalle in Kerzenlicht. Wieder andere kamen anscheinend nur, um ihrer Zerstörungswut freien Lauf zu lassen, zertrümmerten Toiletten, Scheiben, Holzverkleidungen und Schalttafeln. Im großen Becken, wo früher St. Ingberter schwimmen lernten, wäre heute nur noch ein Bad in Mixery-Dosen, Zigarettenkippen und Bauschutt möglich. Ein blassblaues Bikinioberteil dreht einsam seine Runden in einer großen Pfütze in der ehemaligen Damenumkleide. Von der Decke bröckelt der Putz auf umgeworfene Metallspinde. Regenwasser sickert durch die Wände. Die ehemaligen Saunaanlagen stehen zehn Zentimeter unter Wasser. Hinter der stellenweise aufgebrochenen Holzverkleidung bevölkern Schimmelpilzkolonien die feuchten Wände.

Die Keller des alten Bades waren in der Zeit nach der Schließung scheinbar weniger gut besucht. Hier herrscht absolute Dunkelheit. Wie die knorrigen Wurzeln eines großen grauen Baumes baumeln gekappte Stromleitungen in Büscheln in den Lichtkegel der Taschenlampe. An Decken und Wänden verlaufen Hunderte Wasserrohre. Überall Leitungen, Ventile, Druckmesser, Temperaturfühler: eine riesige Kirchenorgel der Wasserversorgung.

Ein grauer Schrank aus Metall liegt im ehemaligen Eingangsbereich des verlassenen Schwimmbades. Wo einst Badegäste ihre Wertsachen verstauten, stehen heute alle Türchen offen wie bei einem Adventskalender am 25. Dezember. Plünderer haben alle Schließfächer auf der Suche nach Wertvollem aufgebrochen. Im Kassenbereich sind noch die Spuren der früheren Angestellten zu finden. Mit sarkastischen Memos machten sie ihrem Frust über die Arbeitsbedingungen und die Schließung des Stadtbades Luft. "Man kann uns nicht entlassen. Sklaven müssen verkauft werden!" oder "Es handelt sich um einen Betrieb ohne Gewinn. Das war nicht beabsichtigt aber es ist so gekommen!" steht auf den Schmähbriefen.

Hat ein ehemaliger Angestellter sein Herz im alten Stadtbad gelassen? Oder war es einer der vielen "Besucher", die nach der Schließung des Bades kamen?

Das weiß man nicht. Aber wenn im Herbst ein Stück St. Ingberter Geschichte fällt, werden wohl die Herzen einiger Bürger bluten.