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Der unbekannte Schuss

St. Ingbert. Naloxon ist eine Chance für alle, die sich gerade eine Überdosis gesetzt haben. Ärzte können das Mittel heute schon Heroinsüchtigen verschreiben. Nur wissen das die wenigsten, sagt Ärztekammerpräsident Josef Mischo. Alexander Manderscheid

Wenn man sich eine Überdosis Heroin setzt, passiert Folgendes: Man atmet weniger und immer weniger. Das Heroin wirkt dämpfend und entspannend auf den Körper. Die Herzfrequenz sinkt, man zieht vielleicht nur noch dreimal Luft in der Minute. Und dann kommt es zum Herzkreislaufstillstand. Man stirbt. Im vergangenen Jahr ist das außergewöhnlich vielen Menschen im Saarland passiert, meldet die Polizei , nämlich 27, davon 13 in Saarbrücken, von denen wiederum drei in Krankenhäusern gestorben sind. Ob alle genau diesen Weg in den Tod beschritten haben, ist nicht so einfach zu sagen. Obduktionen haben ergeben, dass bei sämtlichen Drogentoten Misch intoxikationen vorlagen, wie Josef Mischo erzählt. Der Präsident der Ärztekammer des Saarlandes ist gleichzeitig Vorsitzender der Arbeitsgruppe Drogen und Sucht in der Bundesärztekammer (BÄK). Misch intoxikation, das heißt, dass das Opfer seinem Körper gleichzeitig mehrere Giftstoffe zugemutet hat.


Das ist vielleicht das größte Problem in der Saarbrücker Drogenszene : Viele Konsumenten wissen nicht, was sie sich da überhaupt spritzen. Denn man darf nicht vergessen: Erstens ist Heroin , ein Opioid, bekanntlich illegal, und zweitens ist viel Geld im Spiel. Die Drogen werden hinter verschlossenen Türen zusammengebraut und mit billigen Substanzen gestreckt, um möglichst viel Kapital aus der Sache zu schlagen. Und das nimmt definitiv zu. Niemand kann sagen, was am Ende drinsteckt und wie hoch der Anteil des Heroins ist. So passiert es auch schneller, dass sich ein Junkie eine Überdosis setzt.

Zu diesem Schluss kommen Tina Bender, eine Ärztin, die im Saarbrücker Drogenhilfezentrum (DHZ) regelmäßig Abhängige ärztlich versorgt, und DHZ-Leiterin Eva Wache. Sie kennen sich in der Saarbrücker Szene aus, die, so Eva Wache, sich ja inzwischen im DHZ abspiele. Eine offene Drogenszene , auf der Straße, gebe es hier kaum noch. Wache kommt nicht umhin, Hausverbote auszusprechen, wenn Abhängige in der Einrichtung beim Dealen erwischt werden. Und deswegen gibt es immer wieder manche, die auf der Straße drücken, sich also eine Spritze setzen. "Aber eine Ansammlung von mehr als drei gibt es außerhalb des DHZ nicht", sagt Wache. Neben den gelungenen Resozialisationen und dem Rückgang der HIV-Neuinfektionen bei Abhängigen quasi auf Null ist das ein Erfolg des DHZ. Wenn Drogen zu kleinen Hotspots führen, wie beispielsweise an der Johanneskirche, dann handele es sich um Haschisch oder Amphetamine - ganz andere Szenen.



Amphetamine, dazu zählt Kokain , sind offenbar die am meisten konsumierten Drogen in Saarbrücken. Das entspricht auch dem Trend in ganz Deutschland. Laut Statistik der Polizei stehen die meisten Straftaten in Sachen Rauschgift im Zusammenhang mit Amphetaminen.

Kokain erreicht Saarbrücken in erster Linie aus den Niederlanden. Das gilt auch für Heroin . Crystal Meth spielt in Saarbrücken kaum eine Rolle, da es hauptsächlich aus Tschechien nach Deutschland gelangt und gleich hinter der Grenze in Bayern und Sachsen verbreitet wird. Die Art der Drogen ist also auch ein regionales Phänomen. Marihuana stammt überwiegend aus dem Eigenanbau, sagt die Polizei . Ihr bekannte Rauschgiftdelikte belaufen sich 2015 auf 710 im Regionalverband, davon 500 in der Landeshauptstadt. 2014 lagen die Zahlen ein wenig höher - entgegen dem Trend der Drogentoten.

Eva Wache sagt, dass der Konsum von Heroin durch alle Gesellschaftsschichten gehe. Das DHZ hat vor wenigen Monaten eine Erhebung unter denen unternommen, die die Einrichtung nutzen. 20 bis 25 Prozent der Abhängigen gehen demnach noch einer Arbeit nach, darunter viele Facharbeiter, auch welche mit Abitur und gar Uni-Abschluss. 20 Prozent derer, die das DHZ nutzen, sind Frauen. Von ihnen finanzieren viele ihre Sucht mit Prostitution.

"Ein Fixer braucht am Tag etwa 100 Euro", sagt Wache. Wer an Billigeres kommt, greift also zu. Das führt zu zweierlei: Erstens stößt die Polizei immer wieder auf Subutex in der Saarbrücker Szene. Dieses enorm starke Schmerzmittel schwappt von Frankreich aus über die Grenze.

Dort verschreiben es Ärzte an Patienten, die es brauchen. So gelangt es auf den Schwarzmarkt und in die Hände von Junkies in Saarbrücken, die damit das viel teurere Heroin ersetzen. Subutex ist aber ebenfalls ein Opioid und macht schnell süchtig.

Und zweitens: Der Junkie greift zu besagten Mixturen aus Heroin und anderen Stoffen, die in "irgendwelchen dreckigen Drogenküchen" (Ärztin Tina Bender) zusammengebraut wurden. Dieser unbekannte, verunreinigte Schuss kann schließlich zu Vergiftungen und Überdosis führen.

Hoffnung, die steigende Zahl an Drogentoten in Saarbrücken in den Griff zu bekommen, macht das Mittel Naloxon. Wenn Mediziner erklären wollen, was Naloxon ist, benutzen sie das Wort Antagonist. Naloxon ist ein Antagonist zu Heroin . Das bedeutet: Im Körper dockt es an den gleichen Stellen wie das Opioid an, hat aber die entgegengesetzte Wirkung. Hat sich ein Junkie also eine Überdosis Heroin gesetzt, injiziert man ihm Naloxon. Der Abhängige, der quasi schon wie tot da lag, wird binnen weniger Augenblicke wieder quicklebendig. Das Naloxon hat das Heroin verdrängt.Im Saarland gibt es derzeit die Diskussion, das Mittel in die Szene zu geben, bestätigt Eva Wache, die Leiterin des Saarbrücker Drogenhilfezentrums (DHZ). Intensiv befasst ist damit Saar-Ärztekammer-Präsident Josef Mischo.

Es gibt aber Fallstricke bei der Sache. Der enorme Effekt von Naloxon kann den Junkie dazu verleiten zu glauben, er sei wieder in Sicherheit. Das Heroin ist aber immer noch im Blut, und die Gefahr der Überdosis besteht weiterhin, da Naloxon nur kurz wirkt. Wer jetzt den Notarzt nicht ruft, weil er die Polizei fürchtet, oder sich sogar einen weiteren Schuss setzt, um den Rausch zurück zu bekommen, droht zu sterben.

Außerdem darf der Arzt das Mittel rein rechtlich nur dem verschreiben, der es braucht und wenn er es braucht. Der Junkie aber benötigt es zu einem unbestimmten, späteren Zeitpunkt. Und wenn es soweit ist, wird nicht er es im Überdosis-Delirium sein, der es sich in seine Vene spritzt, sondern jemand Drittes, vielleicht seine Freundin, die es nicht haben dürfte. Die Bundesärztekammer aber hat inzwischen "festgestellt", dass alle Beteiligten in einem Notfall durch Paragraf 34 StGB, den "Rechtfertigenden Notstand", gedeckt sind.

Schon jetzt kann also ein Arzt im Saarland einem Heroinabhängigen Naloxon verschreiben, sagt Josef Mischo. Nur viele Ärzte wissen das noch nicht. In einem Gespräch, zu dem sich vor allem Ärztekammer und Landesregierung in Person von Stefan Kolling als Drogenbeauftragter Ende Januar treffen, geht es eher darum, ein Modellprojekt zu Naloxon zusammen mit DHZ und Kassenärztliche Vereinigung (KV) auf den Weg zu bringen. Es soll Schulungen für Abhängige und mehr Information für die Ärzte bringen, um beide Seiten stärker in das Thema einzubinden. Allerdings, so merkt Mischo an, kann die Wirkung von Naloxon bei Mischintoxikationen sich unter Umständen kaum entfalten. Deswegen ist Mischo ein zweiter Weg zur Eindämmung der Drogentoten ein großes Anliegen: Mehr Ärzte sollen bei der Substitution mitmachen, bei der Heroin kontrolliert durch ein anderes Präparat ersetzt wird. "Es ist zwar unheimlich schwer, aus einer Abhängigkeit wieder herauszukommen", sagt Mischo, "und auch bei einer Substitution bleibt der Heroinsüchtige abhängig." Aber Untersuchungen hätten ergeben, dass viele wieder den Weg zurück in die Gesellschaft fänden und Jobs nachgingen. Und vor allem, so Mischo weiter: "Die Zahl der Todesfälle wird deutlich reduziert."

Die Zusatzqualifikation, die Ärzte für das Substitutions-Programm brauchen, sei nicht sonderlich aufwendig. Aber viele Mediziner scheuten die Teilnahme, weil die Richtlinien Unschärfen aufwiesen. Dadurch sei es auch schon passiert, dass Ärzte nach Unglücksfällen rechtlich in Bedrängnis gerieten. Diese Unschärfen will die Ärztekammer aber spätestens bis April dieses Jahres mit neuformulierten Richtlinien beseitigt haben.

Zum Thema:

Hintergrund Das Drogenhilfezentrum, 1992 gegründet, ist eine Anlaufstelle für Drogenabhängige. Es bietet Ausstiegs- und Überlebenshilfe. Zu den wichtigen Einrichtungen unter dem Dach des DHZ zählt neben Beratung und regelmäßiger Arztsprechstunde der Drogenkonsumraum, in dem dort registrierte Abhängige mitgebrachte Drogen unter hygienischen Bedingungen konsumieren können. avm

 Das Drogenhilfezentrum in der Brauerstraße. Foto: Becker&Bredel
Das Drogenhilfezentrum in der Brauerstraße. Foto: Becker&Bredel FOTO: Becker&Bredel