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Mobilität der Zukunft
St. Ingberter sollen Mobilität mitgestalten

Viele St. Ingberter interessierten sich bei der Auftaktveranstaltung zur Erstellung des Klimaschutzteilkonzepts, wie die Mobilität der Zukunft für ihre Stadt aussehen kann. Einer der Referenten war Philipp Hölderich (links).
Viele St. Ingberter interessierten sich bei der Auftaktveranstaltung zur Erstellung des Klimaschutzteilkonzepts, wie die Mobilität der Zukunft für ihre Stadt aussehen kann. Einer der Referenten war Philipp Hölderich (links). FOTO: Cornelia Jung
St. Ingbert. In der Mittelstadt entsteht ein Verkehrskonzept für die Zukunft. Bei dessen Entwicklung, sollen sich auch die Bürger einbringen. Von Cornelia Jung

Die Mittelstadt macht sich bereit für die Mobilität der Zukunft. Ein erster Schritt auf dem Weg zur Erstellung eines aussagekräftigen Verkehrsgutachtens ist die Aufnahme des Ist-Zustand durch eine Planersocietät mit Sitz in Karlsruhe, Dortmund und Bremen (wir berichteten). Verkehrszählungen, ein Stadtrundgang und die Auswertung von 4000 Haushaltsbefragungen mit Anregungen und Kritiken sind schon erfolgt, beziehungsweise in Arbeit.


Ein wichtiger Teil ist außerdem die direkte Einbeziehung der St. Ingberter Bürger, weshalb es am Dienstagabend eine öffentliche Auftaktveranstaltung zum Klimaschutzteilkonzept gab. Viele St. Ingberter waren der Einladung der Verkehrsplaner und der Stadt in den Kuppelsaal des Rathauses gefolgt – eine bunte Mischung aus Auto- und Fahrradfahrern, Fußgängern und gelegentlichen Nutzern des öffentlichen Nahverkehrs. „In St. Ingbert funktioniert der Verkehr noch ganz gut. Wir haben keine großen Staus“, stieg Oberbürgermeister Hans Wagner ins Thema ein, der aber im gleichen Atemzug eine Anzahl von bis zu 14 000 Fahrzeuge nannte, die sich an einigen Tagen durch manche St. Ingberter Straßen bewege.

Seit der Vorstellung des alten Verkehrsentwicklungsplan von 1994 habe sich viel getan, so dass man die Planungen den aktuelle Gegebenheiten und den künftigen Zielen der Stadt anpassen müsse. Dafür seien die Experten nach St. Ingbert geholt worden. Wie die Raum- und Verkehrsplaner Philipp Hölderich und Kevin Hillen in einem Impulsvortrag ausführten, müssten in ihrer Arbeit, deren Ergebnis Anfang 2020 vorliegen soll, viele Aspekte berücksichtigt werden: Der demografische und der Klimawandel, Lärmemissionen und vieles mehr.



„Mobilität hat vor allem etwas mit Lebensqualität zu tun“, so die jungen Gutachter. Bisher seien die jahrzehntelangen Planungen meist zugunsten des KFZ-Verkehrs ausgefallen. Das müsse man anders bewerten. Dänemark, das beispielsweise den Radfahrern größeren Raum gewährte und den Verkehr zunehmend aus den Städten heraushalte, könne hierbei Vorbild sein. Die Mobilität von morgen beinhalte auch Konzepte von Leihfahrzeugen, Car-Sharing und Mitfahrgelegenheiten. „Nutzen statt besitzen“ sei der Trend. „Wo will St. Ingbert hin?“, ist die zentrale Frage der Verkehrsplaner, denn man plane nicht nur für die nächsten paar Jahre.

Manches werde deshalb auch wie Zukunftsmusik klingen. In drei wechselnden Arbeitsgruppen kamen die anwesenden St. Ingberter mit den Verkehrsexperten, städtischen Mitarbeitern sowie dem Saar-Mobil-Geschäftsführer Arne Bach über alle Verkehrsbereiche ins Gespräch. Hier bekamen die Gutachter Hinweise, worauf sie bei ihren Recherchen vor Ort achten sollten. Hier sind einige davon: Potentielle Buskunden würden vom ÖPNV wegen der undurchsichtigen Tarif- und Wabenstruktur und der Kosten abgeschreckt, für Alltagsradfahrer fehlen nicht nur Wege sondern auch Beschilderungen und Querungshilfen für Fußgänger seien nicht immer barrierefrei. Auch das Gehweg-Parken, die Beleuchtung des Verkehrsraums und fehlende Infos zu den Leih-Fahrradboxen am Bahnhof wurden angesprochen.

Eins wurde bei den Diskussionsrunden deutlich – St. Ingbert ist autodominiert. Gemessen an 1000 Einwohnern hätten 778 von 779 „fahrtüchtigen“ St. Ingbertern ein Auto und damit sei die Stadt im Bundesvergleich ziemlich weit vorn. Da fragte sich ein Teilnehmer der Veranstaltung schon, ob das mit dem Titel „Nachhaltige Stadt“ zusammenpasse. Und ein Radfahrer meinte gar, der „innere Ring der Stadt ist als Rennbahn für Autos konzipiert“, wo er sich nicht traue, mit seinen Kindern Rad zu fahren. Alle St. Ingberter, die sich am Dienstag aktiv ins Gespräch einbrachten, verband ein Wunsch, den ein Besucher so formulierte: „Die heute hier sind, wollen was verändern und möchten, dass auch mal andere Verkehrsteilnehmer als nur die Kraftfahrer berücksichtigt werden.“

In den kommenden sechs Wochen sind alle St. Ingberter aufgerufen, sich mit Hinweisen und Vorschlägen zur Verkehrsmobilität auf einer Online-Plattform zu beteiligen.