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Wald in Gefahr
Förster: Es wird DAS Jahr für Käfer

Da im Wald oft große Bäume Schatten spenden, haben nur vereinzelt Bäume in den „Herbstmodus“ gewechselt. Allerdings hat hier der Sturm einige Bäume entwurzelt und Kronen abgebrochen.
Da im Wald oft große Bäume Schatten spenden, haben nur vereinzelt Bäume in den „Herbstmodus“ gewechselt. Allerdings hat hier der Sturm einige Bäume entwurzelt und Kronen abgebrochen. FOTO: Nina Drokur
St. Ingbert. Lang anhaltende Hitze hat die Bäume zermürbt. Schädlinge hingegen fühlen sich wohler denn je und haben jetzt leichtes Spiel. Von Nina Drokur

Wochenlang hatte die Hitzewelle das Land fest im Griff, erst in der vergangenen Woche haben sich die Regengötter etwas gütiger gezeigt. Die Temperaturen sind gleich ein paar Grad gesunken – eine willkommene Abwechslung nach den schweißtreibenden Wochen. Und die waren nicht nur für Menschen anstrengend. Pflanzen haben besonders unter der Dürre gelitten. Ob die kurzen Schauer in jüngster Zeit ausgereicht haben, den Wassermangel zu kompensieren?


„Die Lage ist nach wie vor brisant“, sagt Förster Michael Weber. „Die Regenschauer haben sicherlich gut getan und jeder Tropfen ist für die Natur wertvoll, aber letztendlich war es nicht die Welt. Es ist auch viel verdunstet“, sagt der für die Waldgebiete St. Ingbert Nord und Süd zuständige Fachmann. „Es muss schon stark und lange regnen, bis es auch auf dem Waldboden ankommt.“ Außerdem habe ein Sturm in der vergangenen Woche heftigen Schaden angerichtet. In seinem Revier seien insgesamt rund 600 Festmeter gefallen. Viele Bäume hätten keine Wipfel mehr.

Die frei stehenden Bäume am Straßenrand, ohne Schatten, hatten es in der anhaltenden Trockenperiode am schwersten. Dieser jungen Eiche an der L111 in St. Ingbert sind Hitzeschäden deutlich anzusehen.
Die frei stehenden Bäume am Straßenrand, ohne Schatten, hatten es in der anhaltenden Trockenperiode am schwersten. Dieser jungen Eiche an der L111 in St. Ingbert sind Hitzeschäden deutlich anzusehen. FOTO: Nina Drokur


Mit der Trockenperiode hatten die alten Bäume weniger Probleme. Ihre Wurzeln sind lang genug, um die tiefen Wasserschichten zu erreichen. Schlimm hat es dagegen die Jungpflanzen erwischt. Insbesondere die, die nicht durch Schatten älterer Bäume geschützt waren. Die Bäume am Straßenrand etwa sind der Umwelt restlos ausgesetzt. Ihnen sind die Hitzeschäden deutlich anzusehen: die Blätter sind eingerollt, getrocknet, abgefallen. Im Wald so erzählt Weber, haben nur vereinzelt Bäume frühzeitig in den „Herbstmodus“ gewechselt. Dort hat es vor allem junge Kulturpflanzen getroffen. „Die Bäume, die wir gepflanzt haben, haben es alle nicht geschafft oder werden es nicht schaffen“, bedauert Weber. Aber keine Panik, die Weihnachtsbäume werden dieses Jahr nicht knapp. „Der Großteil wird eh aus Dänemark importiert.“ Und die Pflanzen, die dieses Jahr im Dezember in die Wohnzimmer ziehen werden, stehen bereits einige Jahre. Die hat es dann durch die größeren Wurzeln nicht ganz so hart getroffen, vermutet Weber.

Ob sie dort, wo es zum Totalausfall unter den Kulturbäumen gekommen ist, nachpflanzen werden, kann der Forstmann noch nicht sagen. „Da müssen wir jetzt überlegen. Aber vielleicht haben wir nächstes Jahr genau das gleiche Spiel.“

Das Fraßbild des Buchdruckers sieht einem aufgeschlagenen Buch ähnlich.
Das Fraßbild des Buchdruckers sieht einem aufgeschlagenen Buch ähnlich. FOTO: Michael Weber

Nicht jede Baumart geht gleich mit dem Wetter um. Im St. Ingberter Wald gibt es rund 50 Prozent Buchen, zwölf Prozent Eichen und nur noch zehn Prozent Fichten zu sehen, weiß Weber. Die Fichte, die wie er sagt, als „Säuferin“ unter den Baumarten gilt, ist gegen die Hitze nicht gut gewappnet. „Es wird DAS Jahr für Käfer“, sagt Weber und erwartet einen nie da gewesenen Massenbefall. „Die Käfer fühlen sich durch die Wärme besonders wohl und gerade mit den Fichten haben sie sehr leichtes Spiel.“ Der Fichte fehlt das Wasser, um Harz zu produzieren. Harz braucht sie wiederum, um Schädlinge, wie den Buchdrucker, eine Unterart des Borkenkäfers abzuwehren. Ohne Harz ist sie ihm hilflos ausgeliefert. „Da kann man dann nur noch den Befall feststellen und den Baum aus dem Wald entfernen“, sagt Weber. Schließlich wirtschafte man naturnah. Das heißt ohne den Einsatz von Chemie. Die Larven der Käfer fressen sich unter der Rinde entlang. „Das sieht dann aus wie ein aufgeschlagenes Buch“, beschreibt Weber. Wasser komme dann nicht mehr von der Wurzel in die Krone, „nach zwei bis drei Wochen ist der Baum ausgetrocknet und stirbt.“ Den Befall sieht sein geschultes Auge sofort. Symptome seien etwa, Bohrmehlaustritt, eine verfärbte Krone oder wenn Rinde abfällt. Der befallene Baum sei nicht mehr zu retten. Wenn das Klima weiter so bleibt, wird sich die Fichte aus unseren Wäldern verabschieden. Da ist sich der Experte sicher. Als Förster, der auch an die Holzindustrie denken muss, stellt er sich deshalb die Frage nach Alternativen. Seit Jahrzehnten gebe es bereits Überlegungen, den Wald dem Klima entsprechend umzuwandeln, auf andere Baumarten zu setzen, wie etwa der Edelkastanie, die die Hitze vergleichsweise gut ab kann. Forschungsanstalten seien bundesweit mit dieser Thematik beschäftigt.

Der Borkenkäfer ist aber nicht der einzige Schädling, der sich des warmen Klimas erfreut. Auch der Eichenprozessionsspinner hat sich in diesem Jahr besonders wohlgefühlt. Er befällt, wie der Name schon sagt, hauptsächlich Eichen und kann sie kahl fressen. „Ein Mal kann so ein Baum das verkraften“, sagt Weber. „Ein zweites Mal ist der Baum nicht in der Lage einen Kahlfraß zu kompensieren“.

Buchdrucker haben diese Bäume im Betzental am Rotenkopf in St. Ingbert befallen.
Buchdrucker haben diese Bäume im Betzental am Rotenkopf in St. Ingbert befallen. FOTO: Michael Weber