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St. Ingbert
Förster Bodo und der Ruhestand

Zu Kindern hat Bodo Marschall einen besonderen Draht. Mit Puppen oder Pantomime erklärt er ihnen bereits seit vielen Jahren den Wald.
Zu Kindern hat Bodo Marschall einen besonderen Draht. Mit Puppen oder Pantomime erklärt er ihnen bereits seit vielen Jahren den Wald. FOTO: Foto: ATB
St. Ingbert. Zwar kehrt Bodo Marschall nach fast 45 Berufsjahren dem Förster-Dasein den Rücken, dem Wald bleibt er aber treu. Von Nina Drokur

„Mei Bub werr Förster.“ Das hat der Vater von Bodo Marshall immer gesagt. Bodo Marschall hatte als junger Bursche aber ganz anderes im Sinn. „Ich wollte immer Kunst studieren“, sagt der Mann, der heute mit langen grauen Haaren und fünf silbernen Ringen im linken Ohr, im Martin’s Café in der St. Ingberter Fußgängerzone sitzt und auf über 40 Berufsjahre im Wald zurückblickt. Heute kann der 63-Jährige sich nicht vorstellen je etwas anderes gemacht zu haben, sagt er, während er an einer Tasse Kaffee nippt. Spricht von seinem absoluten Traumberuf. „Es gibt Schicksalsfügungen, die kann man nicht vorhersehen.“


Anfang der 1970er Jahre musste er sich also auf Wunsch des Vaters als Förster bewerben. „Wie kann dieser Kelch an mir vorübergehen“, war der einzige Gedanke des damals 20-Jährigen. Ein Freigeist, an dem die 68er-Bewegung nicht spurlos vorbeigegangen ist. In voller Ledermontur, den Motorradhelm unterm Arm marschierte er zum Vorstellungsgespräch. Rund 20 andere junge Männer in grüner Tracht saßen dort, erzählt Marschall. Er zieht mit den Händen an seinem Hals, die imaginäre Krawatte zu. „Die Schlacht hab ich gewonnen“, dachte er. Weit gefehlt: „Herr Marschall, wir von der Forstverwaltung möchten den Ruf des Försters verändern. Weg von der Jagd hin zum technischen Beruf. Und da sind sie als Motorradfahrer...“ So begann sie, seine Karriere als Diplom Forstingenieur.

Während Marschall erzählt, bleiben in der Fußgängerzone immer wieder Passanten stehen – jung wie alt. Es werden Hände geschüttelt, kurze Geschichten über Urlaub und Wohlbefinden ausgetauscht. Auch die Schwiegermutter stoppt für ein kurzes herzliches Hallo. Später klopft ihm Stefan Ruffing auf die Schulter, der ehemalige Leiter des Kulturamtes. Sie haben in der Vergangenheit zusammengearbeitet, etwa an der PUR, der St. Ingberter Mountainbikestrecke. „Entschuldigung, sind Sie Herr Marschall?“, scherzt Ruffing und überreicht dem überraschten Bald-Rentner ein Schokoladeneis.



Auch im Ruhestand will Bodo Marschall weiter Kinderbücher schreiben, wie sein letztes Buch vom Februar „Mops Rüdiger und der wilde Wald“. Seine Bücher haben immer auch einen Lernaspekt.
Auch im Ruhestand will Bodo Marschall weiter Kinderbücher schreiben, wie sein letztes Buch vom Februar „Mops Rüdiger und der wilde Wald“. Seine Bücher haben immer auch einen Lernaspekt. FOTO: Selina Summer

1980, erzählt Marschall weiter, während er versucht den Kampf schmelzendes Eis gegen pralle Sonne zu gewinnen, 1980, nach seinem Studium wurde das Revier St. Ingbert Nord frei. Zum einen ein stadtnahes Gebiet, genau das richtige für Marschall, der nicht in die Walachei wollte. Zum anderen sein Heimatort, der Wald, in dem er aufgewachsen ist. Mit seiner ersten Amtshandlung hat er sich dann auch einen Kindheitstraum erfüllt und ein kleines unscheinbares Schlammloch zum Weiher ausgebaut. Die Rede ist vom Sioux-Weiher. Am Namen ist ebenfalls Marschall schuld. Er habe ihn mit „liebenswerter Penetranz“ so genannt. „Weil wir als Kinder dort Indianer gespielt haben.“ Heute steht unweit davon entfernt der vielleicht größte Schwenker der Welt. Auch Marschalls Verdienst.

Die ersten zehn Jahre habe er es schwer gehabt. „Herr Marschall, sie sind ein forstliches Versehen“, habe mal jemand zu ihm gesagt. Die Forstkultur und die Förster von damals seien nicht mit denen von heute zu vergleichen. Den Begriff der naturgemäßen Waldwirtschaft, diese Idee sei erst in den 1985er Jahren im Saarland angekommen. „Und die ist mir intravenös in Herz und Seele geflossen“, sagt Marschall. Das habe seinen Blick auf den Beruf verändert und aus der Notsituation einen Traumberuf werden lassen.

Die Planung des 14 Meter hohen Monsterschwenkers lag in den Händen des Försters.
Die Planung des 14 Meter hohen Monsterschwenkers lag in den Händen des Försters. FOTO: Jung

In den 1990er Jahren war er dennoch fast nicht in St. Ingbert zu sehen. Erst ein kurzer Abstecher ins Forstrevier nach Wadern und ab 1990 ganz weg vom Förster hin zur Betriebsoptimierung. Sechs Umstrukturierungen hat er in seiner Laufbahn bei Saarforst mitgemacht. In acht Revieren gearbeitet und sieben Forstämtern, die es heute so gar nicht mehr gibt. 1999 kam er zurück in sein Heimat-Gebiet. „Das ist wie mit Kindern, wenn man die jeden Tag sieht, sieht man auch nicht wie sie wachsen. Nach zehn Jahren Abwesenheit wird einem erst bewusst, was der Wald für eine Dynamik hat, was der Wald für eine Kraft hat.“

In 40 Berufsjahren gab es einige prägende Momente. Etwa als 1975 ein alter Fichtenbestand am Wombacher Weiher in Flammen aufging. Bis zur Krone. Wie er als Jungspund neben den Feuerwehrmännern stand, der Strahl des Feuerwehrschlauchs wirkte fast wie ein Rinnsal im Vergleich zu den 40 Meter hohen Flammen, den Gedanken wird er nie vergessen, erzählt er. Wie klein, wie bescheiden man ist gegenüber der Naturgewalt, sei ihm da klar geworden.

Den Sioux-Weiher hat Bodo Marschall angelegt und ausgebaut – ein Kindheitstraum.
Den Sioux-Weiher hat Bodo Marschall angelegt und ausgebaut – ein Kindheitstraum. FOTO: Oliver Bergmann

Oder 1984, seine zweite Tochter war gerade zur Welt gekommen – insgesamt hat er fünf – gab es einen heftigen Sommersturm. Er stand im Krankenhaus, sah wie eine Birke mit der Krone fast den Boden küsste. „Ach Gott, mein Wald“, dachte er nur. „Von Schüren bis nach Spiesen, eine Schneise der Verwüstung“, beschreibt er.

Solche Erlebnisse verpackt er in Geschichten. Wie die des Stürmchens Lothar, das gerne Bäume umschubst. Eine Neuauflage dieser Geschichte für Vorschulkinder wird sein nächstes Kinderbuchprojekt. Kinderbücher wird er auch als Förster a.D., Förster außer Dienst, noch schreiben. „Das Repertoire ist unerschöpflich“, sagt Marschall. Und schließlich habe ihn die Arbeit mit Kindern sehr geprägt. Eine Riesenbank etwa habe er mit ihnen gebaut oder ein Piratenschiff. Aber egal was am Ende dabei rauskam. Viel spannender sei der Weg dorthin gewesen. „Die Kinder gehen mit in den Wald, suchen einen Baum aus, sind dabei, wenn er gefällt wird, dürfen die Rinde abmachen. Und ganz nebenbei fragen sie dann ‚Wieso ist das denn so nass unter der Rinde?‘“ Und dann kann Bodo Marschall anfangen zu erklären. Er möchte Kinder motivieren. „Sie sollen sich klar werden, dass sie was können, dass sie was sind.“ Mit der Arbeit mit Kindern habe er schon angefangen, lange bevor es den Begriff des Waldpädagogen gab. Hat Theater aufgeführt und Pantomime gelernt, um die Kinder in seinen Bann zu ziehen. Oft sei er deshalb ausgelacht worden. Verhöhnt als „Der mim Kasperl tanzt“. An hinschmeißen habe er dennoch nie gedacht. Der Gedanke sei ihm nie in den Sinn gekommen. „Es wäre für mich die größere Qual gewesen, es nicht zu machen.“ Und auch im Förster-Ruhestand geht er dieser seiner Berufung nach. Zusammen mit der Gemeinschaftsschule Neunkirchen hat er ein Konzept erarbeitet, wie man den Schülern den Schulstoff aller Fächer, egal ob Mathe, Deutsch oder Bio, mithilfe des Waldes näher bringen kann. „Die Welt mit dem Wald erklären“, lautet das Motto. „Der Wald ist ein Lebensgarant, der bewahrt werden muss“, sagt Marschall. Deshalb auch sein Apell an die „Dingmatter“: „Sie müssen sich bewusst machen, was der Wald für ein Kapital ist, sie müssen sich für den Wald einsetzen und mit Verstand hinterfragen. Aber nicht dumpf, öde und blöde. Nicht oberflächlich, die Welt ist nicht schwarz-weiß. Ich als Förster bin nicht der Gegner.“ Im Wald prallen viele Interessen aufeinander. Ökologische, ökonomische und soziale. Naturschützer, Holzindustrie, Waldspaziergänger etwa. Der Förster muss sie alle unter einen Hut bringen. Das Problem laut Marschall: „Dass es nur noch Individualisten gibt. Ich, ich, ich“, beschwert er sich. „Niemand ist in der Lage, das Ganze zu betrachten. Wenn das so weiter geht, geht das System kaputt.“

Nach vier Jahrzehnten übergibt er den Staffelstab an die nächste Generation. Am 1. August wird es offiziell. Sein Appell an die jungen Förster: „Versteckt euch nicht hinterm Bretterzaun. Ihr habt was zu erzählen. Macht’s Maul auf!“.