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Interview zum Kinderbuchtag
„Bilderbücher zeigen, wie die Welt funktioniert“

Kennt sich mit Kinderbüchern aus: Ruth Rousselange leitet den Friedrich-Bödecker-Kreis im Saarland.
Kennt sich mit Kinderbüchern aus: Ruth Rousselange leitet den Friedrich-Bödecker-Kreis im Saarland. FOTO: M. Lavall
St. Ingbert. Der Ostermontag ist in diesem Jahr auch Internationaler Kinderbuchtag. Die SZ hat mit einer Expertin über die Bedeutung von Bilderbüchern gesprochen. Und sie nach Trends und Klassikern der Literatur für Kinder gefragt. Von Tobias Fuchs

Die Leser der Saarbrücker Zeitung kennen Ruth Rousselange als Kolumnistin. Doch die Autorin ist auch Geschäftsführerin des Friedrich-Bödecker-Kreises im Saarland. Der gemeinnützige Verein macht Kinder und Jugendliche mit Büchern vertraut, er organisiert Lesungen in Bildungseinrichtungen – vom Kindergarten bis zur Schule, in Büchereien und Jugendzentren. In den vergangenen Jahren kümmerte sich der Bödecker-Kreis verstärkt um die Sprach- und Leseförderung. Deshalb kennt Rousselange sich auch mit der Literatur für Kinder aus, die selbst noch nicht lesen können – oder es gerade lernen.


Welche Rolle spielen Bilderbücher in der Lebenswelt von Kindern?



RUTH ROUSSELANGE Bilderbücher zeigen dem Kind, wie die Welt funktioniert. Es kann sich durch sie in der Welt und im Alltag einordnen, sich selbst wiederentdecken. Dinge erkennen, Situationen, Notwendigkeiten, die der Alltag auch für kleine Kinder schon hat. Und natürlich die Schönheiten und Besonderheiten. Bilderbücher sind ein Instrument zur Wiederfindung des Kindes in seiner eigenen Welt.

Welche Bedeutung hat denn das Vorlesen für die kindliche Entwicklung?

ROUSSELANGE Das Vorlesen stärkt den Zusammenhalt zwischen Eltern und Kind, es ist eine erste Kommunikationsform. Da entsteht eine intime Situation, die emotional, aber auch rational ist, dem Kind wird ja Wissen vermittelt. Diese Eltern-Kind-Beziehung stärkt später auch die soziale Kompetenz des Kindes.

Wie hat sich denn das Angebot an Bilderbüchern in den letzten Jahren entwickelt?

ROUSSELANGE Gerade im Bilderbuchbereich hat sich der Markt enorm entwickelt. Es gibt mittlerweile eine riesige Vielfalt, teilweise sehr hochwertig gemachte Kinderbücher: in Leinen gebunden und von tollen Illustratoren umgesetzt. Liebe, Tod, Teufel – es gibt das alles. Neben dem ganz normalen Alltag begegnet einem wirklich Kritisches: Einsamkeit, Alleingelassenwerden, Kummer, der Verlust von Geschwistern. Aber auch die schönen Dinge des Lebens kommen vor: Familienzusammenhalt oder Freundschaft – immer noch mit die allerwichtigsten Themen.

Woran liegt diese Entwicklung?

ROUSSELANGE Man hat irgendwann entdeckt, dass das Kinder- und Jugendbuch ein sehr interessantes Segment ist, das sich offenbar gut verkaufen lässt. Festgestellt, dass Bücher trotz Digitalisierung noch stark nachgefragt werden. Und dass Eltern anspruchsvoll sind, alle möglichen Themen im Buch wiederfinden und ihrem Kind durch das Bilderbuch etwas vermitteln wollen. Dazu braucht es das entsprechende Angebot, das die Verlage offenbar gerne bereitstellen. Übrigens nicht nur die großen, sondern auch gerade kleine Verlage wie Tulipan oder Peter Hammer.

Haben sich die Ansprüche an Bilderbücher also verändert?

ROUSSELANGE Es gibt einfach viel mehr. Früher wurden viele unterhaltende Bilderbücher produziert, aber natürlich auch sogenannte pädagogisch wertvolle. Inzwischen ist eine Sparte mit Bilderbüchern entstanden, die kleine Kunstwerke sind. Sowohl, was das Papier, die Haptik des Buches als auch die Illustration oder den Text betrifft. Der ist oft auch im Bilderbuch sehr literarisch. Natürlich wollen Eltern ein Buch, das irgendeinen Lerneffekt hat, eine Zusatzfunktion für das Kind. Aber das muss sich nicht unbedingt mit dem Wunsch des Kindes überschneiden. Wichtig ist, dass das Buch dem Kind Spaß macht.

Haben Sie den Eindruck, dass Eltern skrupulöser geworden sind, dass sie mit größerer Vorsicht ein Buch auswählen?

ROUSSELANGE Die Eltern sind eher aufgeschlossener für das, was man ihren Kindern vorsetzen kann. Deshalb wird auch so viel Unterschiedliches im Bilderbuch behandelt. Diese Nachfrage kommt von Eltern, die sich gerne um ihre Kinder kümmern, sich mit ihnen befassen und auseinandersetzen. Sie haben das Bedürfnis, die Welt in ihrer Gesamtheit zu erklären. Mit Positivem wie Negativem, guten wie schlechten Erfahrungen. Die etwas leichteren Themen verkaufen sich immer noch besser. Aber auch der Tod kommt im Bilderbuch vor – wie bei Kitty Crowther („Annie“, „Der Besuch vom kleinen Tod“, Anm.d.Red.).

Welche Trends gibt es beim Bilderbuch – mehr als das schöne Kinderbuch?

ROUSSELANGE Das kunstvoll gemachte Bilderbuch ist ein sehr auffallender Trend. Es vermittelt etwas über die Zeit, in der wir leben, über das Leben überhaupt. Viele Bücher sind fast philosophisch angehaucht. Natur, Tiere sind solche Themen, die es schon immer gab, man bekommt sehr gut gemachte Sachbücher schon für kleine Kinder.

Werden Klassiker wie der „Struwwelpeter“ oder „Max und Moritz“ heute noch gelesen – auch wenn sie Eltern pädagogisch mitunter fragwürdig erscheinen?

ROUSSELANGE Ja, gerade Kinder haben durchaus große Lust am anarchischen Element, wie es im „Struwwelpeter“ oder im „Max und Moritz“ vorkommt. Sie wollen nicht nur das Brave, Gewohnte, sondern manchmal lieber was Freches und Böses. Kinder gehen viel unbefangener damit um als die Erwachsenen. Sie sind an allem interessiert und finden das, was in diesen Büchern passiert, eher kurios, weil sie damit noch andere Bilder im Kopf verbinden als wir Erwachsene. Etwa, wenn dem Daumenlutscher im „Struwwelpeter“ der Daumen abgeschnitten wird. Kinder haben da eine andere, vielleicht auch eine freiere Sicht.

Welche Klassiker sollten in keinem Bücherregal fehlen?

ROUSSELANGE Erich Kästner sollte in keinem Regal fehlen. Ich habe „Emil und die Detektive“ und „Das doppelte Lottchen“ sehr geliebt, eigentlich alles von Kästner. Genauso „Heidi“ von Johanna Spyri. Auch die Enid Blyton-Bände hatte ich. Dann wären da natürlich Max Kruses „Urmel aus dem Eis“ oder die Bücher von Astrid Lindgren. Es gibt einfach so viele gute Bücher. Die guten sind an keine Zeit gebunden. Und die Lebenswelt, die dort vorkommt, die ist so plastisch greifbar und gefühlvoll umgesetzt, dass sich Kinder darin immer wiederfinden werden.

Welche Bilderbücher würden Sie aktuell empfehlen?

ROUSSELANGE Jon Klassen fällt mir immer wieder auf, ein kanadisch-amerikanischer Illustrator und Schriftsteller. Er hat einen sehr reduzierten, grafischen, fast ikonografischen Stil. Seine Bücher, zum Beispiel „Wo ist mein Hut?“, haben einen hohen Wiedererkennungswert. Julie Völk macht Kinderbücher, die ganz eigen und besonders sind, sie hat einen ganz zarten Stil, zeichnet nur mit Bleistift und Buntstiften – wie in „Guten Morgen, kleine Straßenbahn!“. Das ist eine Art Wimmelbuch, aber anders als bei Ali Mitgutsch („Rundherum in meiner Stadt“, Anm.). Es ist ein Buch, das Eltern und Kinder herausfordert, anhand der Figuren selbst Geschichten zu erfinden und zu erzählen. Und das ist mit das Beste, was ein Buch leisten kann. Völk hat außerdem „Das Löwenmädchen“ oder mit Antonie Schneider „Ist Ida da?“ gemacht. Empfehlen kann ich auch die Bücher von Nadia Budde, die mit „Eins zwei drei Tier“ bekannt geworden ist. Darauf hat sie zuletzt „Eins zwei drei Vampir“ folgen lassen. Das sind zwar Pappbücher, aber keine Bücher, die sich nur an eine Altersgruppe wenden, weil sie so komisch sind.