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Bernstein-Konzert
Mehr als ein Geburtstagsständchen

Mit dem Bernstein-Geburtstagskonzert machten die Bergkapelle, Canticum Novum und die Solisten (hier von links: Judith Braun und Herdis Anna Jonasdottir) nicht nur dem Komponisten ein Geschenk, sondern vor allem dem Publikum.
Mit dem Bernstein-Geburtstagskonzert machten die Bergkapelle, Canticum Novum und die Solisten (hier von links: Judith Braun und Herdis Anna Jonasdottir) nicht nur dem Komponisten ein Geschenk, sondern vor allem dem Publikum. FOTO: Cornelia Jung
St. Ingbert. Aus Anlass des 100. Geburtstags von Leonard Bernstein spielte die Bergkapelle in der Industriekathedrale ein grandioses Konzert. Orchester, Solisten, Chor und das Publikum ließen sich von der Musik in die Nacht tragen. Von Cornelia Jung

Am vergangenen Samstag hatten Fans des musikalischen Multitalents Leonard Bernstein mit der Alten Schmelz ein ganz klares Ziel vor Augen. Denn dort spielte in der Mechanischen Werkstatt die Bergkapelle zu dessen 100. Geburtstag auf. Diese „Hommage an eine Legende“ fiel genau auf Bernsteins Ehrentag, der über zwei Jahre überall auf der Welt in unterschiedlichen Formaten geehrt wird.


Rund 650 Zuhörer waren gespannt auf einen Querschnitt aus „Lennys“ umfangreichem Schaffen, in dem es so viele unterschiedliche Facetten von der Komposition bis zum Dirigat gab. Bernstein liebte New York und so setzte er dieser Stadt mehr als nur einmal ein musikalisches Denkmal. Eins davon ist das Musical „Wonderful Town“ von 1953. Damals entstand in fünf Wochen diese „Vertonung“ des erfolgreichen Bühnenstücks „My sister Eyleen“, in dem es um zwei Schwestern aus Ohio geht, die ihr Glück in NY versuchen und im Künstlerviertel Greenwich Village landen. Dieses vor Lebenslust sprühende Stück, das aber auch mit Zweifeln der beiden Landeier gespickt ist, ob es richtig war, die ländliche Idylle zu verlassen, war wie gemacht für die tollen Stimmen der Solistinnen Herdis Anna Jonasdottir und Judith Braun vom Staatstheater, die nicht nur sangen, sondern auch ihre schauspielerischen Talente hervorkehrten.

Wer beim „Conga“ aus dem Stück, Mezzosopranistin Braun hörte aber nicht sah, brauchte nur in die Tiefe der Bühne zu schauen, wo sie dem Chor „Canticum Novum“ (Leitung: Markus Schaubel) temperamentvoll „Tanzunterricht“ gab und für mächtig Bewegung unter den Sängerinnen und Sängern sorgte. Mit den Erläuterungen von Wolfgang Schug, Vorsitzender des Saarländischen Richard-Wagner-Verbands, wurden die vier Stücke des ohnehin schon eingängigen Divertimento noch unterhaltsamer. Denn der Moderator führte amüsant und informativ in die Werke ein und machte das Publikum um so neugieriger, wie Bernstein die vor Augen erscheinenden Bilder in Noten kleidete. Und dann kam sie – die West Side Story. Das Stück, das Bernstein unsterblich machte und das seinem Traum, eine amerikanische Oper zu schaffen, schon recht nahkam. Schon bei der Ankündigung der drei daraus gespielten Stücke, dem „Maria“, der Balkonszene und dem Mambo, ging ein Raunen durch die Zuschauerreihen. Diese Melodien kennt jeder. Tenor Sung Min Song gab aber auch einen einfühlsamen Toni ab und später gemeinsam mit Sopranistin Jonasdottir einfach nur ein grandioses, extrem gut harmonierendes (Gesangs-) Paar, Gänsehaut inklusive.



„Grandios. Eine Wahnsinnsleistung für ein Amateurorchester. Und die Solisten – himmlisch“, schwärmten die Gäste von den Leistungen des Orchesters, Chores und der Solisten beim Gang in die Pause. Nicht wenige summten noch an der Bar stehend die eingängigen Melodien mit. Auch die Musiker waren nach der ersten Hälfte entspannt. „Wir merken im Orchester, dass der Funke übergesprungen ist“, so eine Klarinettistin. Das lag aber vor allem daran, dass nicht nur die Akteure auf der Bühne sich von Beginn an mit Fleiß und Disziplin in das Bernstein-Abenteuer begeben hatten, sondern sich das Publikum auch auf nicht so bekannte Werke des Komponisten einließ und die Akteure mit reichlich (Szenen-)Applaus bedachten. Die Spannung hörte aber nach der Unterbrechung fürs Publikum noch lange nicht auf. Das „Gloria“ aus einer Bernstein-Messe, drei Tanzepisoden aus „On the town“, ein Werk des damals 26-jährigen Bernstein, und „Take care of this house“ aus „1600 Pennsylvania Avenue“ mit den vorgeschalteten Erläuterungen Schugs, waren eine Ohrenweide und „musikalische Rosinen“, wie es der Moderator nannte. Besucher des Neujahrskonzerts der Bergkapelle (Leitung: Matthias Weißenauer) hatten beim Musical „Candide“ ein Wiedersehen und Wiederhören nicht nur mit den Solisten, sondern erinnerten sich auch an die abstruse und amüsante Story, die mit diesem Musical, in Ansätzen von Bariton Vadim erklärt, erzählt wird.

Klar, dass sich das Publikum Zugaben einforderte. Mit „America“, einem der bekanntesten Titel der West Side Story, und einem zweiten „Conga“ klang der Abend aus. Ein Zeitgenosse soll über Bernstein einmal gesagt haben, wenn dieser den Raum betrete, sei es, als ginge die Weihnachtsbaumbeleuchtung an. Greift man dieses Bild auf, dann brannten am Samstagabend alle Kerzen – und verbreiteten ein gleißendes Licht.