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Barrierefreie Fußgängerzone
Beirat soll Barrierefreiheit überwachen

Schön anzusehen, aber nicht behindertengerecht: Das Kopfsteinpflaster in der Fußgängerzone ist für Menschen, die auf einen Rollstuhl oder Rollator angewiesen sind, eine große Hürde.
Schön anzusehen, aber nicht behindertengerecht: Das Kopfsteinpflaster in der Fußgängerzone ist für Menschen, die auf einen Rollstuhl oder Rollator angewiesen sind, eine große Hürde. FOTO: Selina Summer
St. Ingbert. Bei zukünftigen Bauprojekten sollen Behindertenbeauftragte und -verbände bereits bei der Planung mit einbezogen werden.

Rollstuhlfahrer, Menschen, die einen Rollator nutzen und Familien mit Kinderwagen stehen auch heute noch oft vor verschlossenen Türen. Wobei die Türen gar nicht zu sind, sondern ihnen der Weg dorthin verwehrt bleibt. Diverse, auch öffentliche, Bauprojekte, beispielsweise das neue Gebäude der Stadtwerke oder das Blindenleitsystem in der Innenstadt zeigen, dass bei deren Planung und Fertigstellung die Bedürfnisse derer, die auf eine barrierefreie Benutzung der Gebäude und Wege angewiesen sind, kaum beachtet wurden. So gibt es keinen barrierefreien Zugang in das Gebäude der Stadtwerke. Betroffene können lediglich durch einen Lieferanteneingang hinter dem Haus ins Innere gelangen. Wurden die Bedürfnisse beachtet, mangelt es an einer risikofreien Umsetzung. Ampelpfosten mitten auf den Leitlinien, falsche Bodenplatten und ein abgesenkter Bordstein – das Blindenleitsystem birgt viele Gefahren für Sehbehinderte (wir berichteten). Solche gravierenden Fehler nachträglich zu beheben ist bei bestehenden Gebäuden und Wegen fast unmöglich beziehungsweise mit enormen Kosten verbunden.


Aus diesem Grund spricht sich nun Ortsvorsteher Ulli Meyer (CDU) für die Gründung eines „Beirats barrierefreies Bauen“ aus. „Ob die Diskussion um den Aufzug in der Stadthalle, die fehlende Absenkung von Bordsteinen, die Barrierefreiheit im Blau, das Pflaster der Fußgängerzone oder die Pflasterung für Sehvehinderte, die dortigen Fehler erschweren vielen St. Ingberterinnen und St. Ingbertern das Leben“, erklärt Meyer im Gespräch in unserer Redaktion: „Diese sind nicht Konsequenzen einer bewusst falschen Politik zu deren Lasten, sondern vielmehr Ausdruck dessen, dass die Perspektive für Menschen mit Behinderungen, Rollatornutzern oder Familien mit Kinderwagen nicht bekannt sind.“ Um zukünftig ein besonderes Augenmerk auf die Barrierefreiheit zu legen, soll von Anbeginn an der „Beirat barrierefreies Bauen“ in die Diskussionen mit einbezogen werden.

„Dieser sollte aus den Behindertenbeauftragten Charly Dewald, Edwin Schetting und Boris Nicolai sowie auch aus Sachverständigen (maximal drei) bestehen, die von Behindertenverbänden vorgeschlagen werden und zwingend über eine entsprechende technische Ausbildung – Bauingenieur oder vergleichbar – verfügen“, so Meyer weiter. Edwin Schetting und Boris Nicolai begrüßen diesen Vorschlag, gebe es immerhin Normen zur Barrierefreiheit, die zwingend eingehalten werden müssen. „Die DIN-Normen sollten beachtet werden, das passierte in der Vergangenheit leider zu wenig“, betont Nicolai. Es fehlte die Perpesktive für die Belange behinderter Menschen, diese habe man „einfach nicht auf dem Schirm gehabt“, sagt Meyer. Um dies zukünftig zu verhindern, werde Meyer den Vorschlag eines Beirates ebenfalls dem Stadtrat unterbreiten und erhoffe sich auch von dieser Seite Unterstützung.



Für die Instandsetzung der Fußgängerzone wurden vom Stadtrat im Haushalt 350 000 Euro eingestellt. Ein wichtiges Projekt, bei dem der Beirat zum ersten Mal in Aktion treten könnte. Denn die Fußgängerzone ist alles andere als barrierefrei. Das Kofpsteinpflaster beispielsweise habe einen besonderen Charme, ist für Menschen, die auf einen Rollator oder Rollstuhl angewiesen sind allerdings eine große Hürde. Ebenso die Tatsache, dass bei nahezu allen Gaststätten in der Innenstadt zunächst Treppenstufen überwunden werden müssen, erklärt Nicolai. Zwar wurde vor zwei Jahren von Bürgermeister Pascal Rambaud eine mobile Rampe gespendet und im „Times“ zum Ausleihen hinterlegt, diese sei aber für das Überwinden der meisten Treppen zu kurz, sagt Nicolai.

Einen konkreten Sanierungsentwurf gebe es bisweilen noch nicht. Es sei auch vorstellbar, neben dem Beirat, mit den Gebäudeeigentümern zu kooperieren, um hinsichtlich der Treppen eine gemeinsame, barrierefreie Lösung zu finden. Da sich die meisten Gebäude aber im Besitz von Erbgemeinschaften befänden, stehe man hier ebenfalls vor einer großen Herausforderung, so Edwin Schetting. Dennoch, die Qualität des Bauens in St. Ingbert müsse sich deutlich verbessern.

Die Behindertenbeauftragten Edwin Schetting und Boris Nicolai (von links) begrüßen das Anliegen von Ortsvorsteher Ulli Meyer (Mitte), einen Beirat für barrierefreies Bauen einzuberufen.
Die Behindertenbeauftragten Edwin Schetting und Boris Nicolai (von links) begrüßen das Anliegen von Ortsvorsteher Ulli Meyer (Mitte), einen Beirat für barrierefreies Bauen einzuberufen. FOTO: Manfred Schetting