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Wieder glücklich in der Heimat

Herr Hartmann, Sie sind Ende März von einem viermonatigen Einsatz in Afghanistan zurückgekommen. Wie geht es Ihnen?Hartmann: Mir geht es soweit ganz gut. Nach der viermonatigen Trennung von meiner Familie bin ich heilfroh, wieder zu Hause zu sein. Im Kreise der Familie genieße ich die Heimatluft

Herr Hartmann, Sie sind Ende März von einem viermonatigen Einsatz in Afghanistan zurückgekommen. Wie geht es Ihnen?Hartmann: Mir geht es soweit ganz gut. Nach der viermonatigen Trennung von meiner Familie bin ich heilfroh, wieder zu Hause zu sein. Im Kreise der Familie genieße ich die Heimatluft. Meine Frau und ich haben uns einen Urlaub auf den Kanaren gegönnt, den wir uns redlich verdient hatten.In den Medien ist viel von traumatisierten deutschen Soldaten die Rede. Wie ist Ihre Erfahrung?Hartmann: Dass die Belastungen größer geworden sind, ist nicht von der Hand zu weisen. Durch die längeren Einsatzzeiträume, fernab der Heimat, ist festzustellen, dass einige Kameraden seelisch krank werden. Jüngste Erhebungsdaten belegen dies. Vermehrt haben Soldaten, insbesondere Soldaten in Afghanistan, die dort einen schweren Dienst tun, mit der Psyche ein Problem. Tatsächlich lässt sich feststellen, dass Soldaten, die unmittelbar Einzelereignissen wie Kampfhandlungen, Anschlägen mit Sprengfallen und Raketenangriffen auf das Feldlager ausgesetzt waren, extrem psychisch belastet werden. Vermehrt macht gerade vielen jungen Soldatinnen und Soldaten auch die lange Trennung von zu Hause, eine Sieben-Tage-Woche mit einer hohen Tagesdienstbelastung, die Unterbringungssituation und das Entbehren von Privatsphäre sehr zu schaffen. Sie waren bereits im Jahr 2002 einmal in Afghanistan. Damals in Kabul, diesmal in Kunduz. Wie hat sich die Situation geändert?Hartmann: Ohne Zweifel ist die Sicherheit nach 2002 längst nicht auf dem Stand, wie sich dieses die Weltengemeinschaft und der überwiegende Teil der Afghanen wünschen. Das Land am Hindukusch birgt an allen Einsatzorten der 3500 Soldaten - ob in Mazar-e-Sharif, Kabul, Feyzabad oder Kunduz - zahlreiche Gefahren. Das Gerede vom sicheren Norden, wo sich die Bundeswehr bewegt, ist eine Illusion.Während Ihrer Dienstzeit in Afghanistan haben Sie die SZ-Redaktion immer wieder mal mit Bildmaterial versorgt, unter anderem waren Sie mit einem afghanischen Friseur zu sehen.Hartmann: Ich war bei meinem afghanischen Freund Hatschi, der im Feldlager eine Friseurstube betreibt. Ob er wirklich Friseur im richtigen Leben war, weiß ich nicht, habe auch nie danach gefragt. Für vier US-Dollar hat man einen recht guten Haarschnitt mit Kopfmassage bekommen. Bedingt durch die Sicherheitslage und meine Aufgaben als "Spieß" war ich - bis auf ein einziges Mal - nicht aus dem Camp herausgekommen. Die direkte Nähe zu Afghanen hatten wir Soldaten im Camp. Man muss wissen, dass der deutsche ISAF-Anteil zahlreiche Afghanen beschäftigt. Diese arbeiten in den Feldlagern der Bundeswehr als Sprachmittler, Küchenhilfe, als Reinigungskräfte und verdienen zwischen 200 bis 300 Euro im Monat. Wie sah Ihr Arbeitsalltag aus?Hartmann: Im Einsatzzeitraum wurde ich in einer Aufklärungskompanie als Kompaniefeldwebel -"Spieß" - eingesetzt. Mit Aufklärungssystemen und Soldaten als Aufklärer außerhalb des Feldlagers hatte man rund um die Uhr zu tun. Als "Spieß" ist man Vertrauter, Seelsorger und Organisator. Es gibt keinen freien Tag, man ist 24 Stunden erreichbar. Im Camp ist man 24 Stunden unter Beobachtung, und menschliche Schwächen treten ohne Schminke zu Tage. Persönlich muss man schauen, dass man rasch seinen eigenen Rhythmus findet, bei einem Arbeitstag von zwölf bis 14 Stunden. Ich war die rechte Hand des Kompaniechefs, habe die Kompanie zusammengehalten. Als der Boss aller Unteroffiziere gab ich die Marschrichtung vor. Wie ist für Sie die öffentliche Wahrnehmung bei Bundeswehreinsätzen im Ausland?Hartmann: Jeder Soldat, der aus dem Einsatz zurückkehrt, kann erklären: Ich habe in Afghanistan einen guten und sinnvollen Dienst gemacht. Die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr kehren aus dem Auslandseinsatz in eine Gesellschaft zurück, die nur wenig Verständnis für deren gefährlichen Auftrag hat. Viele fühlen sich von der Politik im Stich gelassen und vermissen eine Würdigung dessen, was sie im Einsatz leisten. Ich denke, nicht Soldaten haben ihre Einsätze zu rechtfertigen, sondern es ist im Wesentlichen Aufgabe der Politik, die Antworten unmissverständlich und nachvollziehbar zu geben, gefragt oder ungefragt, nicht nur bei der Diskussion über ein Mandat im Bundestag.



Zur PersonStabsfeldwebel Gerhard Hartmann aus Ommersheim ist 51 Jahre alt und Soldat im 33. Dienstjahr. Seit 1976 ist er am Standort Saarlouis stationiert. Hartmann war von Juni bis Dezember 2002 beim ISAF-Einsatz in Kabul und von Dezember 2008 bis März 2009 in Kunduz. Der Berufssoldat ist seit 1979 verheiratet mit Frau Margit und hat eine 28-jährige Tochter. Mit Joggen hält er sich fit. Politisch ist er bei den Freien Wählern aktiv. Er ist Vorsitzender der Freien Wähler im Saarpfalz-Kreis und sitzt im Gemeinderat Mandelbachtal. ert