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St. Ingbert geht voran: Es ist Zeit für wilde Gärten

Unsere Woche. Vieles ist uns lästig geworden: Ob Gartenarbeit oder Insekten. Höchste Zeit, umzudenken – gerade in St. Ingbert, das sich als Tor zum Biosphären-Reservat Bliesgau sieht. Umso schöner, wenn die Stadt vorausgeht und ihre Grünflächen belebt. Michael Aubert

Blumenwiesen in der Stadt? Für Bienen und andere Insekten? Eigentlich könnte es uns ja egal sein. Oder ist das Gekreuch und Gefleuch, das Gesurre und Gesumme nicht eher lästig als notwendig? Sollen wir also ganz dezent auf all das "Unkraut" pfeiffen, das dafür verantwortlich ist? Am besten gleich alles Grünzeug aus dem Garten verbannen: Keine Blumen, kein Rasen, keine Beete, keine arbeitsintensiven Sträucher oder Bäume. Was anderes als Granitplatten und ein paar pflegeleichte Buchsbaumsträucher kommt uns nicht mehr in den Garten. Da gehen wir mit der Zeit. Modern soll es sein. Also bitte auch keine Obstbäume. Zu viel Dreck, zu viel Arbeit. Und unser Obst holen wir doch eh seit Jahren aus dem Biomarkt. Nur geht die Rechnung so nicht auf. Es ist höchste Zeit umzudenken. Die Bienen und anderen Insekten sind ja schließlich die Grundlage, dass wir unser heimisches Obst in den Regalen der Läden wiederfinden. Die Stadt St. Ingbert, die sich quasi als Tor zur Biosphäre Bliesgau mit ihren Streuobstwiesen sieht, hat die Notwendigkeit erkannt, den Bienen und den kleinsten Insekten ihren Lebensraum und ihre Lebensgrundlage zurückzugeben, oder es wenigstens zuzulassen - auch in der Stadt. Und macht aus grünen, aber ökologisch wertlosen Rasenflächen wertvolle, weil artenreiche Blumenwiesen. Ein herrlicher Gedanke! Der Anfang wurde bereits entlang der Albert-Weisgerber-Allee gemacht, zuletzt haben St. Ingberter Grundschüler am Tag der biologischen Vielfalt auch in der Gustav-Clauss-Anlage eine Fläche eingesät. Weitere Blumenwiesen sollen folgen und mit ihnen alles, was dazugehört. Nicht nur Bienen und kleine Insekten, sondern Singvögel und kleine Säugetiere. Artenvielfalt eben.


Vielleicht ist es das Ende einer allzu bequemen Entwicklung, die uns die Stadtplaner viele Jahre vorgemacht haben und die durch Zeitschriften wie "schöner Wohnen" oder "mein schöner Garten" noch gedüngt wurden. Arbeitsminimierung bei maximalem Wohlfühlfaktor.

Vielleicht aber sind diese Blumenwiesen die Kehrtwende, das Ende von zugepflasterten Gärten, eine Kampfansage an mit pflegeleichten Kunststoffplanken verlegte Terrassen. Vielleicht werden diese entgrünten (Vor-)Gärten bald nicht mehr als so schick, sauber und praktisch wahrgenommen, nur weil dann jeder seinen privaten Parkplatz vor dem Haus hat. Vielleicht kommt jetzt die Zeit wilder und bunter (Vor-)Gärten. Schön wär's.