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Jazz
Im Jazzmusiker steckt auch ein Rebell

Ob Solo oder BigBand, Jazz-Standards oder Latin: Vielseitigkeit ist ein Markenzeichen des Gitarristen Roland Gebhardt.
Ob Solo oder BigBand, Jazz-Standards oder Latin: Vielseitigkeit ist ein Markenzeichen des Gitarristen Roland Gebhardt. FOTO: Ro Gebhardt
Am Freitag, 26. Januar, spielt Gitarrist Ro Gebhardt mit seiner Band am Mannlich-Gymnasium legendäre Gitarren-Stücke. Von Jennifer Klein

Am Ende ist es dann doch nix geworden mit dem Dudelsack. Stattdessen spielt Ro Gebhardt als Gitarrist in der Profi-Liga, hat mit vielen Top-Musikern zusammengespielt – und ist trotzdem auf dem Boden geblieben. Im SZ-Interview plaudert der Gitarrist, Komponist und Arrangeur, der aus Neunkirchen stammt und in Bexbach lebt, über seine Zeit in Boston, You-Tube-Videos und das Leben als Berufsmusiker.



Herr Gebhardt, wie sind Sie zur Musik gekommen, gab es da eine Art „Schlüsselerlebnis“?

Ro Gebhardt: Als ich sechs war, wollte ich Klavier lernen – oder Dudelsack. Aber um ein Klavier zu kaufen, hatten meine Eltern kein Geld. In der Schule musste ich Flöte lernen, das war so gar nicht mein Ding. Aber die Nachbarsjungen gegenüber, die hatten eine Gitarre, da konnte ich spielen. Als ich 11 Jahre alt war, hat mein Großvater mir dann eine eigene Gitarre gekauft, eine Westerngitarre.

Haben Sie dann ganz klassisch Musikunterricht genommen – damals gab es ja noch keine Lehrvideos bei Youtube?

Gebhardt: Ich habe mir einiges selbst beigebracht, habe mir Lieder von Schallplatten „herausgehört“ und versucht nachzuspielen. Zwischenzeitlich hatte ich dann auch mal zwei Jahre aufgehört, und später dann bei Bernd Sommer in Neunkirchen gelernt, der mir viel über Rhythmus in der Musik beigebracht hat – damals habe ich zunächst noch eher Rock gespielt, „Smoke on the Water“ und solche Sachen, später kam dann das Interesse an Klassik und Jazz. Zusätzlich zur Gitarre habe ich begonnen, Klavier und Bass zu lernen. Aber wir hatten damals als Jugendliche auch noch Zeit. Heute bleibt den Kindern kaum noch Zeit für etwas außerhalb der Schule, das ist eine Entwicklung, die ich gar nicht gut finde. Ich habe jeden Tag sechs Stunden Gitarre geübt, und noch Sport gemacht, oder mich mit Freunden getroffen.

Wer mit 16, 17 Jazz spielt – das war wahrscheinlich eher ungewöhnlich in dem Alter?

Gebhardt: Man ist damit schon ein bisschen der Exot, aber wir haben damals relativ schnell in der Szene in verschiedenen Besetzungen zusammen gespielt, mit Bernd Sommer, Stefan Brandt, Susan Weinert, Amby und anderen. Später dann auch mit den Saarbrückern wie Christoph Mudrich zum Beispiel. In der Zeit wurde mir auch klar, dass ich Profi-Musiker werden will.

Wie hat ihr Umfeld, ihre Eltern darauf reagiert?

Gebhardt: Sie waren erst mal, ehrlich gesagt, nicht so sehr begeistert – obwohl sie mir den Musikunterricht immer bezahlt haben, und das mitgetragen haben. Aber als Beruf? Unter anderem deshalb habe ich nach dem Abitur zuerst auch Psychologie studiert, nach dem Vordiplom aber aufgehört, weil ich gemerkt habe, dass das nicht meine Welt ist. Aber im Lauf der Jahre habe ich dann meine Eltern doch überzeugt, als sie gesehen haben, dass ich von der Musik tatsächlich leben kann.

Wie schaffen Sie das?

Gebhardt: Zunächst mal natürlich über viele Auftritte mit Kollegen aus der ganzen Welt – einige Kontakte rühren zum Teil noch aus Studienzeiten her. Und indem ich Unterricht gebe, zum Beispiel als Gastdozent an Hochschulen wie dem Harbor Conservatory for the Performing Arts in New York, in Mainz, Köln oder Malta, und jetzt zum Sommersemester an der Uni in Saarbrücken und in Freiburg.

Apropos Studienzeiten: Sie haben unter anderem vier Semester als Stipendiat in Boston am Berklee College of Music studiert – was haben Sie vor allem mitgenommen?

Gebhardt: Zunächst einmal war ich sehr beeindruckt von dem hohen Niveau der Leute dort – in einem Jahrgang werden 600 bis 700 Gitarristen aufgenommen, die bei Workshop-Tourneen weltweit „rekrutiert“ werden. Was im Rückblick viel gebracht hat – obwohl mir das damals sehr komisch vorkam – war das „Marketing“: Wir haben als Studenten zum Beispiel Konzerte selbst veranstaltet und organisiert, gelernt, wie man Promotion macht und sich präsentiert– ich konnte zunächst mit dieser Art von „Selbstmarketing“ nichts anfangen.

Aber ich habe gesehen, wie das im Lauf der Zeit immer wichtiger geworden ist, gerade heute läuft ohne das kaum mehr etwas. Ähnlich ist es mit Facebook oder Youtube. Da muss man präsent sein, um gerade jüngere Leute überhaupt zu erreichen. So habe ich mich zum Beispiel auch damit befassen müssen, Youtube-Videos zu erstellen – das war erst mal Neuland für mich und ist eigentlich gar nicht so sehr mein Ding. Aber die Resonanz ist da, und wenn man das professionell machen will, kommt man um diese Dinge wohl nicht herum.

Obwohl Sie immer wieder weg waren – Sie haben ja außer in Boston auch in Luxemburg und Hamburg studiert – was hält Sie hier im Saarland?

Gebhardt: Zum einen sind es natürlich private Gründe, meine Familie. Und was die Zeit in den USA angeht, die war natürlich toll. Aber so beeindruckend und verlockend sich die Vorstellung anhören mag, in New York zum Beispiel als Musiker zu leben und zu arbeiten – das ist in der Praxis doch etwas ganz anderes. Das kulturelle Bewusstsein und Klima dort ist ein ganz anderes als in Europa. Leute, die bei uns Hallen füllen, spielen in Amerika in kleinen Clubs für 50 Dollar. Und ein Sozialsystem wie mit der Künstlersozialkasse ist dort schlicht nicht vorhanden. Von Trump ganz zu schweigen, da ist für Kultur kaum Spielraum.

Gerade Jazz ist ja auch immer noch ein „Nischenprodukt“ . . .

Gebhardt: … und das wird es wohl auch bleiben. Im Musikbusiness, vor allem im Pop, geht es ja auch viel um das Drumherum, Aussehen, etc. Für den ganz großen kommerziellen Erfolg eignet sich Jazz eher nicht, weil er zu komplex, zu wenig Mainstream, zu individualistisch ist – und auch, weil dem immer noch eine Art „Anti-Einstellung“ zum Establishment und zum Big Business zugrunde liegt …

. . . der Jazzer als Rebell? – War das nicht die Rolle der Rockmusiker?

Gebhardt: Ich denke, es sollte in der Musik nicht darum gehen, Normen oder Klischees zu erfüllen, sondern vor allem darum, gute, handgemachte Musik auf die Bühne zu bringen, mit Hingabe zu spielen und alles zu geben. Das spürt dann auch das Publikum – und das geht am besten bei Live-Konzerten.

Die Fragen stellte Jennifer Klein