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Reichspogromnacht
Heute wird an die Pogromnacht erinnert

Jasmin Martin, Cecilia Klein, Helene Mäusle, Johannes Göddel, Klara Büchel, Malek Al Kadah und Schülersprecher Nicolas Eckerdes (v.l) vom Saarpfalz-Gymnasium werden bei der Gedenkveranstaltung in der protestantischen Stadtkirche Texte der AG Geschichte vortragen.
Jasmin Martin, Cecilia Klein, Helene Mäusle, Johannes Göddel, Klara Büchel, Malek Al Kadah und Schülersprecher Nicolas Eckerdes (v.l) vom Saarpfalz-Gymnasium werden bei der Gedenkveranstaltung in der protestantischen Stadtkirche Texte der AG Geschichte vortragen. FOTO: Eberhard Jung/Saarpfalz-Gymnasium
Schüler des Saarpfalz-Gymnasiums schreiben im Rahmen der Aktion „Zeitung macht Schule“ über den 9. November. Von red

Wie jedes Jahr, beteiligen sich viele Jugendliche aus den Schulen und den Pfarreien an der Gedenkveranstaltung zum 9. November in Homburg. Schülerinnen und Schüler des Saarpfalz-Gymnasiums haben im Rahmen unserer Aktion „Zeitung macht Schule“ wieder einige Artikel verfasst, die sie unserer Zeitung geschickt haben und die wir hier veröffentlichen.


Die AG Geschichte des Saarpfalz-Gymnasiums und die Konfirmandengruppe der evangelischen Kirchengemeinde Bruchhof-Sanddorf mit ihrer Pfarrerin Petra Scheidhauer sind auch diesmal wieder dabei. Hauptrednerin ist Sabine Grittner mit dem Thema „Allein ein Mensch!“, inspiriert durch ein Zitat von Gotthold Ephraim Lessing („Nathan der Weise“). Sie lässt dabei vielfältige Erkenntnisse aus ihren Publikationen über Edith Aron, Paul Celan und Nelly Sachs einfließen.

Die musikalische Gestaltung übernehmen der „SongPopGospel-Chor“ des Saarpfalz-Gymnasiums unter der Leitung von Tanja Stegentritt und das Saarbrücker „Ensemble Chorioso“, ein Oktett, dessen Mitglieder versierte Laienchorsänger und -sängerinnen sowie Schulmusiker sind. Für die sieben teilnehmenden Schüler der AG Geschichte unter Leitung von Eberhard Jung ist ein zehnminütiger Redebeitrag mit fünf Texten vorgesehen. Klara Büchel und Helene Mäusle aus der Klasse 10a beginnen mit dem Schülergedicht „Herzgeflüster“, dem Erlebnis der Reichspogromnacht aus der Sicht eines jüdischen Kindes. Jasmin Martin (De 11) stellt in dem Gedicht „Homburger Juden“ das friedliche Zusammenleben im Mittelalter der Entrechtung und Ausgrenzung in der „Nazi-Diktatur“ gegenüber. Cecilia Klein (De 11) thematisiert „Ein jüdisches Leben“ mit einem Blick auf die Menschenrechtsverletzungen im Vernichtungslager Auschwitz. Malek Al Kadah (9c) stellt Äußerungen des Auschwitz-Überlebenden Alex Deutsch (1913-2011) zur Reichspogromnacht vor, welche die AG Geschichte im Jahre 2009 während eines Interviews protokolliert hat. Seine Witwe Doris Deutsch wird – wie in den Jahren zuvor – als Ehrengast in der Protestantischen Stadtkirche erwartet. Schließlich ziehen Nicolas Ecker (De 11), der Schülersprecher des Saarpfalz-Gymnasiums, und Johannes Göddel (De 11), in dem Text „Der 80. Jahrestag der Reichspogromnacht – und was jetzt?“ eine Bilanz.



Chormitglied Paula Schreier aus der Klasse 10a
Chormitglied Paula Schreier aus der Klasse 10a FOTO: Eberhard Jung/Saarpfalz-Gymnasium

Die Gedenkveranstaltung in der Protestantischen Stadtkirche beginnt am 9. November 2018 um 16 Uhr. Im Anschluss findet ein Schweigemarsch zur ehemaligen Synagoge statt, wo Oberbürgermeister Rüdiger Schneidewind eine kurze Ansprache halten und der Chor des Saarpfalz-Gymnasiums erneut die musikalische Umrahmung übernehmen werden.

„Eine Vielzahl von wichtigen Ereignissen lassen sich auf den 9. November datieren: Infolge des Ersten Weltkrieges ging 1918, also genau vor 100 Jahren, das deutsche Kaiserreich zugrunde und die erste gesamtdeutsche Republik wurde ausgerufen („Weimarer Republik“). Am 9. November 1923 versuchte der rechtsradikale NSDAP-Vorsitzende Adolf Hitler, durch einen Putsch illegal an die Macht zu kommen, scheiterte vor der Münchner Feldherrnhalle aber kläglich. Nachdem er zehn Jahre später auf legale Weise zum Reichskanzler ernannt worden war, entwickelte sich der 9. November zum wichtigsten Feiertag des Dritten Reiches, an dem die „Märtyrer“ (Gefallenen) des Putschversuchs zu Helden glorifiziert wurden.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 begann mit Zerstörungswut ein staatlich gelenkter Kampf gegen jüdische Mitbürger, der schließlich in einem systematisch betriebenen Völkermord („Holocaust“) gipfelte. Den Juden wurde im Deutschen Reich jegliches Recht auf Heimat und Besitz geraubt. Die Flucht war für viele unmöglich, da sich nahezu alle Länder gegen jüdische Einwanderungen sperrten.

Die meisten Europäer verschlossen die Augen vor dem Unrecht und der Erniedrigung der Ausgestoßenen. Nach der Katastrophe des 2. Weltkrieges wurde 1945 das Deutsche Reich aufgelöst und in Besatzungszonen aufgeteilt. 1949 war das Gründungsjahr der Bundesrepublik Deutschland und der DDR, die Mauer wurde 1961 sichtbares Zeichen der deutschen Teilung. Der Mauerfall am 9. November 1989 und die friedliche Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 gehören du den Glücksfällen der deutschen Geschichte. Während 2019 der 30. Jahrestag der Öffnung der innerdeutschen Grenze im Vordergrund des Gedenkens stehen wird, beziehen sich die Gedenkveranstaltungen in diesem Jahr vor allem auf die Entstehung der Weimarer Demokratie (1918) und die Reichspogromnacht 1938. Heutigen Jugendlichen kommen diese Entgleisungen der Vorfahren wie Schandtaten aus einer fremden Welt vor. Wenn man sich aber bewusst macht, dass heutzutage immer noch weltweit Menschenrechte missachtet,

  Hat sich wirklich etwas verbessert? Haben wir aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt? Ist unsere Welt besser geworden, toleranter? Das 20. Jahrhundert gilt als eines der schrecklichsten der Weltgeschichte: mit maßlosen Verbrechen und Vernichtungskriegen, mit gewalttätigen Ideologien und Despoten, menschenverachtendem Terror und Völkermord, Krisen und Katastrophen.

Aber es geschah auch viel Gutes, Nützliches und Versöhnliches: die Eindämmung und Verhinderung von Kriegen, die Gründung von Friedensorganisationen, Hungerbekämpfung, weltweite Vernetzungen, florierender Welthandel, gigantische Fortschritte in der Medizin, der Technik und Medienwelt. In demokratischen Ländern gab es eine Zunahme von Freiheiten, nachhaltige Emanzipationsbewegungen und kulturelle Höhenflüge. Wir genießen die Öffnung von Grenzen, Reisefreiheiten, Urlaubsfreuden und Wohlstand in bisher nie dagewesenem Ausmaß. Gleichzeitig wächst die Menschheit geradezu ins Unermessliche. Wir leben gegenwärtig in einer unsicheren Welt, einer glbalisierten Welt mit vielen Pulverfässern.

Viele Mächtige der Welt in Wirtschaft und Politik taumeln wieder wie vor 100 Jahren wie Schlafwandler von Krise zu Krise.  Die weltweite Aufrüstung macht uns Sorgen, wenn Konfrontation der Kooperation weicht. Die Arroganz der Macht finden wir auch in demokratischen Staaten – mit zunehmender Intoleranz, Radikalität, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. Im digitalen Zeitalter sind wir oft blind für die Nöte und Bedürfnisse unserer Mitmenschen.  Vor 70 Jahren, am 10. Dezember 1948, wurde von der UNO die Menschenrechtsdeklaration feierlich verkündet. Ein gigantischer Fortschritt für die zivilisierte Welt! Heutzutage wird aber wieder oft weggeschaut, wenn Menschenrechte weltweit verletzt werden. Wer homo sapiens sein will, sollte aktiv eintreten für eine demokratische Werteordnung, Toleranz, Respekt und Wertschätzung gegenüber Anderen.  Wir sollten Optimisten bleiben, die Schreckenstaten nicht vergessen, sondern analysieren und aus der Geschichte für die Zukunft lernen: zur Erhaltung des Friedens und für den Schutz unserer Lebensgrundlagen. Unsere Demokratie braucht aktive Unterstützer mit viel Zivilcourage. Jeder Einzelne kann dazu beitragen. Im Karl-Marx-Jahr 2018 heißt deshalb unsere Parole: „Demokraten aller Länder, vereinigt euch!“