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Essen an Heiligabend
Würstchen sind aus der Mode

Kartoffelsalat mit Würstchen - für viele ein traditionelles Weihnachtsmahl.
Kartoffelsalat mit Würstchen - für viele ein traditionelles Weihnachtsmahl. FOTO: dpa / Soeren Stache
Homburg. Immer öfter wird schon an Heiligabend sehr gut und aufwändig gegessen.  Das ergab eine kleine Umfrage in Homburg.

Heiligabend in Deutschland folgt einem guten alten Ritual. Man langweilt sich durch den Nachmittag, bis gegen 17 Uhr   langsam Leben in die Bude kommt, denn nun geht’s zum Weihnachtsgottesdienst. Schön ist es, wenn man zu Fuß durch den Schnee zur Kirche tappen kann. Doch meist kommt es anders, man sitzt eher dichtgedrängt im Auto, draußen regnet es, und man hofft inständig, dass man in der Kirche noch einen Platz bekommen möge.


Nachdem man sämtliche Bekannte in der Kirche begrüßt hat, wird die Weihnachtsgeschichte nach Lukas vorgelesen, und es ist ein gutes Gefühl, dass man sie allmählich auswendig kennt. Am Schluss darf man  aus voller Kehle die drei Strophen von „Oh Du Fröhliche“ singen, bevor man dann beschwingt nach Hause fährt. Denn der beste Teil des Abends steht noch bevor: den Tannenbaum zum Leuchten bringen, Geschenke auspacken, für den Rest des Abends glücklich sein.

Was ist ausnahmsweise mal nicht wichtig? Das Abendessen. „Da machen wir kein Aufhebens drum“, betonte Helga Hussong, die wir bei einer kleinen Umfrage in der Homburger Innenstadt trafen,  „bei uns gibt’s Würstchen mit Kartoffelsalat“. Nun möchte man meinen, dass sei die häufigste Antwort. Zumal dieses Essen sich anbietet, weil es schnell geht, allen schmeckt und die Zeit vor der Bescherung nicht unnötig in die Länge zieht. Es reicht ein Topf heißes Wasser, ein vorher gedeckter Tisch und ein am Vormittag zubereiteter Kartoffelsalat.



Doch unsere kleine Umfrage ergab, dass die kulinarische Bescheidenheit an Heiligabend zurückgeht. „Viele unserer Kunden essen schon an Heiligabend gerne etwas Besonderes“, betont Melanie Flatter vom gleichnamigen Fisch- und Feinkostgeschäft, „gebeizter oder geräucherter Lachs ist dabei, auch Salate mit Meeresfrüchten oder Jakobsmuscheln.“

Allgemein beobachte sie, dass das Essen an Heiligabend hochwertiger werde, „es herrscht bei vielen ja kein Mangel.“ Was zurückgehe, sei die Tradition des  Karpfen-Essens: „Der Weihnachtskarpfen wird kaum noch verlangt. Außer von Kunden aus Osteuropa, die halten noch daran fest“, so Melanie Flatter.   Der Weihnachtskarpfen war früher ein traditionelles Gericht für Heiligabend, was damit zusammenhängt, dass die  Adventszeit als Fastenzeit gilt und  der 24. Dezember noch in diese Fastenzeit fällt. Als Höhepunkt des Advents und am Vorabend des Weihnachtstages kam der Karpfen als spezielles Fastengericht zu Ehren. Aber er fiel in den letzten Jahren vor allem praktischen Erwägungen zum Opfer, zumal Fisch an Heiligabend doch einige Mühe macht. Außerdem ist ein leichter Fischgeruch, der am Weihnachtsabend durch die Wohnung zieht, nicht gerade das, was man sich unterm Tannenbaum wünscht.

Auch Dieter Schwitzgebel von der gleichnamigen Metzgerei in Einöd  beobachtet einen Trend zu gehobenerem Essen an Heiligabend. Natürlich verkaufe er auch nach wie vor Wiener Würstchen und Lyoner, „aber der Trend geht eindeutig zu hochwertigeren Produkten an Heiligabend“. Beliebt sei zum Beispiel Rinderfilet, Kalbfleisch oder Schweinelendchen. Er selbst habe keine Wahl, denn seine Kinder bestehen an Heiligabend auf einer Familientradition: Königin-Pasteten mit Kalbsfrikassee. „Das kann man alles sehr gut am Vortag vorkochen, man muss es an Heiligabend nur noch warm machen,“ so Schwitzgebel. Seine Kinder seien damit groß geworden, „da darf es gar nichts anderes geben. Das ist fast schon ein Teil der Bescherung.“

Annemarie Grund aus Koblenz,  die aus einem Geschäftshaus stammt, erinnert sich, dass früher nie viel Aufhebens um das Essen an Heiligabend gemacht wurde: „Meine Eltern waren an diesem Tag immer besonders gestresst, meine Mutter hätte gar nicht die Nerven gehabt, etwas Gehobenes zu servieren. Bei uns gab es immer Linsensalat mit Knackwurst.“

Wenn sie, wie diese Woche,  bei der Familie ihrer Tochter in Homburg eingeladen ist, wundert sie sich: „Da wird richtig vornehm gegessen, letztes Jahr gab es Kalbsfilet in Morchelrahmsoße an Heiligabend.“ Das habe hervorragend geschmeckt, „aber die Kinder fingen an zu zappeln,  weil es so lange dauerte. Ich glaube, die wären mit Knackwurst und Linsen besser bedient  gewesen.“

In der Partnerstadt La Baule ist, wie überall in Frankreich, der 24. Dezember ein normaler Arbeitstag, an dem die Verkäuferinnen bis 19, 19.30 Uhr im Laden stehen. Dass der Tag diesmal auf eine Sonntag fällt, ist die große Ausnahme.

„Heiligabend beginnt bei uns sehr spät “, sagt Valérie Vinot, Restaurantbetreiberin in La Baule, „wir beginnen nicht vor 21 Uhr mit dem Apéro“.  Dann werden an einem festlich gedeckten Tisch  verschiedene Spezialitäten gereicht. „Früher war es Tradition, sieben Gänge zu servieren, aber das hält kein Mensch mehr durch“.

In La Baule gehören natürlich Austern dazu, aber auch andere Meeresfrüchte wie rosa Crevetten und Langusten mit Mayonnaise. Als warmes Gericht folgen oft Jakobsmuscheln oder mageres Geflügel. „Man will sich zu später Stunde nicht so vollstopfen mit fetthaltigen Sachen“, sagt Valèrie Vinot, „deshalb heben wir uns die Gänsestopfleber lieber für das Menü am 1. Weihnachtstag auf.“ Nur in der  Provence hält man sich noch an die Tradition der 13 Nachspeisen: mehrere Sorten Nougat aus Montélimar, verschiedene Trockenfrüchte, Nüsse, Orangen, Mandarinen, Datteln, Calissons aus Aix. Nach der Schlemmerei an Heiligabend, Réveillon genannt, geht’s dann ab in die Kirche zur Christmette.

Die Kinder finden erst am nächsten Morgen ihre Geschenke bei der Krippe oder unter dem Tannenbaum. Wobei der Tannenbaum in Frankreich eine neuere Sache ist, was erklärt, dass er oft etwas kitschig daher kommt. Außer im Elsass, da wird Weihnachten gefeiert wie in Deutschland. Die Tradition des geschmückten Tannenbaums hat man angeblich sogar in Straßburg begründet.