| 21:13 Uhr

Demokratie leben am Mannlich-Gymnasium
Wenn Sprache andere verletzt

Diskriminierungen sind schnell gesagt. Hier im Stop-Motion-Video der Schüler des Mannlich-Gymnasiums folgt prompt die Reaktion: Wer diskriminiert, muss die Wirkung seiner Diskriminierung am eigenen Leib spüren: zum Beispiel altern, mit einer Behinderung leben.
Diskriminierungen sind schnell gesagt. Hier im Stop-Motion-Video der Schüler des Mannlich-Gymnasiums folgt prompt die Reaktion: Wer diskriminiert, muss die Wirkung seiner Diskriminierung am eigenen Leib spüren: zum Beispiel altern, mit einer Behinderung leben. FOTO: Mannlich-Gymnasium
Homburg. Schüler des Mannlich-Gymnasiums haben sich Projekt intensiv mit der Diskriminierung durch Sprache auseinandergesetzt. Das mündete unter anderem in Videos, die sich jeder anschauen kann, und Karten, die ausliegen. Von Ulrike Stumm

„Ey, Alter!“, „Du siehst ja voll behindert aus.“ „Voll schwul“. Wenn Jugendliche in Alltagssituationen so etwas sagen, klingt das hart, muss aber vermeintlich nicht viel bedeuten. Die Ausdrücke gehören irgendwie schon zum Sprachgebrauch. Und wer ehrlich ist: Wie schnell sagt man auch als Erwachsener mal etwas einfach so dahin, was man leicht in den falschen Hals bekommen kann.



Aber wo beginnt eigentlich Diskriminierung? Dieser Frage widmeten sich Schülergruppen der siebten bis neunten Klassenstufe am Homburger Christian-von-Mannlich-Gymnasium im Rahmen des Beitrags der Unesco-Projektschule zum Bundesprogramm „Demokratie leben“ in der Homburger „Partnerschaft für Demokratie“. Sprache habe ein großes Gewaltpotential, sagt Jan Weißler. Der Lehrer hat zusammen mit seiner Kollegin Carolin Welter das Projekt betreut, unterstützt von der Saarbrücker Grafikdesignerin Ajkune Hoxhaj.

Das Thema, sagt Weißler, sei aus der Unesco-Gruppe selbst heraus gewünscht worden. Etwa 30 Schüler waren an dem Projekt beteiligt. Konkret ging es darum, Vorurteile abzubauen und sich aktiv mit dem eigenen Sprechen auseinanderzusetzen. Die Jugendlichen stellten sich dabei auch dem klassischen Sender-Empfänger-Problem der Sprache und hinterfragten, ob eine Diskriminierung beim Sprecher, also beim Gesagten, beginnt, oder ob diskriminierend ist, was als Diskriminierung ankommt. Die Grenzen, stellte sich dabei heraus, seien nicht einfach zu ziehen, berichtet Weißler.

Grundlegend habe man zum Beispiel erkannt, dass in Alltagssituationen die Sprache „ein Stück weit sorglos“ benutzt werde, erläutert er. Oft dominierten Stereotype das Sprechen. Und man habe erkannt, dass Jugendliche Dinge zueinander sagen, die sie oft nicht böse meinen. Wenn sie darauf gestoßen werden, merkten sie dann allerdings, dass das Gesagte ein großes Aggressions-Potential habe, Diskriminierung, Vorteile beinhalte, die aber nicht bewusst seien.

Doch es sollte im Projekt nicht bei diesen Erkenntnissen bleiben, sondern auch darum, solche Formulierungen zu vermeiden. So habe man sich etwa in die Perspektive des Gegenübers versetzt, damit man „das Echo der eigenen Aussage einmal höre“ – nach dem Motto: „Ich habe das jetzt so verstanden, dass Du dies über mich denkst.“ Ein weiteres Anliegen der Schüler: Sie wollten mit ihren Erkenntnissen möglichst viele Menschen erreichen – nicht nur in der Schule. Und dazu setzten sie auf diverse Kanäle. Zum einen gestalteten sie aus ihren persönlichen Erfahrungen kurze Filmclips und ein Stop-Motion-Video. Darin thematisieren sie alltägliche Situationen, in denen Grenzen der Diskriminierung bewusst oder unbewusst ausgelotet werden. In einem spielen zum Beispiel Playmobil-Männchen die Hauptrolle. Sie benutzen bestimmte diskriminierende Ausdrücke, die sich in der Alltagssprache bereits festgesetzt haben, und verwandeln sich konsequenterweise selbst in das, was sie da von sich geben: in die Schlampe, einen behinderten Menschen oder sie altern eben. In anderen Clips werden Situationen nachgespielt: Da ist zum Beispiel Clemens, der kocht und der sich den Satz anhören muss: „Ich wusste gar nicht, dass Männer so gut kochen können.“ Oder Ali, der, weil er aus der Türkei stammt, von den hungrigen Mitschülern auf den Dönerladen des Vaters angesprochen wird. Der dann aber erwidert: „Mein Vater ist Polizist.“

Die Jugendlichen setzen sich also damit auseinander, wie sie selbst über andere reden, wenn sie zusammensitzen, sie reflektieren festgesetzte Vorstellungen, die mit Herkunft, Geschlecht oder Religion verbunden sind und überführen diese Gedanken in eine Kampagne, die zum Ziel hat, dass möglichst viele Menschen dasselbe tun: Über Diskriminierung und Sprache nachzudenken. Nicht schöne Bilder stehen dabei im Mittelpunkt, sondern es sind kurze Clips entstanden, die ein Problem des Alltags auffassen und die schnell Verbreitung finden sollen, um dieses Problem ins Bewusstsein zu rücken.

Besonders wirksam soll, so Weißler, die Kampagne werden, indem sie in sozialen Medien platziert wird und dadurch möglichst viralen Charakter erhält, also von vielen gesehen und weitergetragen wird. Um viele Menschen darüber zu informieren, liegen seit dieser Woche überall grafisch besonders gestaltete Postkarten aus, die über die Kampagne informieren und auf denen die Links zu den Videos zu finden sind. Auf der Rückseite findet man zudem den Satz: „Menschen finden immer Gründe, Menschen zu diskriminieren. Finde Du Gründe, das nicht zu tun.“

Übrigens nimmt das Homburger Gymnasium bereits im dritten Jahr an der Initiative „Demokratie leben“ teil. In diesem Jahr waren es zwei Projekte, berichtet Weißler. Insgesamt flossen dafür rund 2500 Euro. In dem anderen Projekt am Mannlich-Gymnasium ging es dabei um „Globalisierung und Ernährung“. Im Vorjahr hatte das Land Syrien im Blickpunkt gestanden.

Infos zum Gymnasium findet man unter www.mannlich-gymnasium.de. Die Video-Clips der Schüler sind unter diesen links abrufbar:

Zum Projekt des Mannlich-Gymnasiums gehören auch Karten mit verschiedenen Motiven, die verteilt werden. Auf der Rückseite wird man darauf hingewiesen, Menschen nicht zu diskriminieren.
Zum Projekt des Mannlich-Gymnasiums gehören auch Karten mit verschiedenen Motiven, die verteilt werden. Auf der Rückseite wird man darauf hingewiesen, Menschen nicht zu diskriminieren. FOTO: Ajkune Hoxhaj