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Böll im Saalbau
Wenn Sensationslust in Gewalt mündet

Am vergangenen Donnerstag brachte die Badische Landesbühne Heinrich Bölls Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ auf die Bühne des Homburger Kulturzentrums Saalbau.
Am vergangenen Donnerstag brachte die Badische Landesbühne Heinrich Bölls Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ auf die Bühne des Homburger Kulturzentrums Saalbau. FOTO: Thorsten Wolf
Homburg. Badische Landesbühne begeisterte mit „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ das Publikum im Homburger Saalbau. Von Thorsten Wolf

Man schrieb das Jahr 1974, als der Schriftsteller Heinrich Böll mit seiner Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ eine bundesweite Debatte lostrat. Im Fokus von Bölls Werk: Die mitunter vernichtende Macht skrupelloser Sensationsmedien. Wen Böll da meinte, das entlarvte damals schon die Reaktion des Springer-Verlages, der sich gegen Illustrationen einer Spiegel-Vorabveröffentlichung gerichtlich, aber erfolglos, zur Wehr setzte.


Der zeitgeschichtliche Hintergrund: Seit Anfang der 70er Jahre prägte die Rote Armee Fraktion mit ihrem Terror das Sicherheitsempfinden in Westdeutschland. Doch diese Rahmen-Lage ist für Böll nur der Nährboden, die Petrischale für seine in Wort gefasste Anklageschrift gegen die Boulevard-Presse. In einem Vorwort schrieb er damals selbst: „Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der Bild-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.“

Er wolle, so Böll, mit seiner Erzählung auch auf die aus seiner Sicht negative und konfliktverstärkende Rolle des Boulevard- und Sensationsjournalismus hinweisen. Am vergangenen Donnerstag nun brachte die Badische Landesbühne Bölls Werk in der Theater-Adaption von Margarethe von Trotta auf die Bühne des Homburger Kulturzentrums Saalbau. Der Stoff dabei altbekannt: Im Jahr 1974 lernt die 27 Jahre alte Katharina Blum auf einer Karnevalsfeier Ludwig Götten kennen und verliebt sich in ihn. Sie verbringen gemeinsam die Nacht in Katharinas Wohnung. Götten wird verdächtigt, einen Bankraub und Mord verübt zu haben. Er wird deshalb von der Polizei beschattet, die seine Kontaktpersonen ermitteln will. Am Morgen stürmt die Polizei Katharina Blums Wohnung. Da sie Götten in der Nacht zur Flucht verholfen haben soll, wird Katharina Blum vorläufig festgenommen und verhört. In der Folge gerät sie ins Fadenkreuz der „Zeitung“. Das Blatt verfälscht und fälscht Informationen, Sensationsreporter „Werner Tötges“ vernichtet Blum mit seinem Tun.



Am Ende tötet Blum ihren Peiniger – das Destillat der von Böll beschworenen Gewaltspirale als Ergebnis des von ihm angeprangerten Sensationsjournalismus. Bölls Stoff ist dabei einer, der es, damals wie heute, nicht unerheblich macht, wer ihn wie auf die Bühne bringt: Ob nun mit Doppelbesetzung und Musik, wie am vergangenen Donnerstag, oder mit anderen Instrumenten der Inszenierung, das kann der Erzählung viel geben oder viel nehmen. Natürlich ist es im Kern die Abstraktion, die Böll im Verlust der Ehre eines jeden Menschen manifestiert, die am Ende zählt. Und die ist, entkleidet von dramaturgischen Zügen, heute nicht minder aktuell wie in den 1970er Jahren – wenn gar nicht aktueller. Vor dem Hintergrund von „Neuen Medien“, Politik via Twitter, Jedermanns-Vorverurteilungen und modernen Prangern in oft nur vermeintlich sozialen Netzwerken, dem virtuellen Schädigen und Vernichten von Existenzen im einem Umfang über Böll hinaus und dem Streben von etablierten Medien, dem Zeitgeist hinterher zu laufen, sieht man Bölls Formel heute 24 Stunden täglich und an 365 Tagen im Jahr schadvoll wirken. Aktueller Terror tut sein Übriges dazu, um die Petrischale des Unheils mit neuen Formen des Medien-Machtmissbrauchs zu füllen.

Diesen Bezug hätte man sich am Donnerstag gewünscht. Doch genau an dieser Transferleistung mangelte es der routinierten Inszenierung der Badischen Landesbühne: Nicht entzeitlicht genug, um sich als universell zu empfehlen, nicht bezugsstark genug, um aus den erzählerisch ausgetretenen Bahnen auszubrechen. Bölls Werk aber hätte aber in Tagen wie diesen eine solche Transformation verdient, ja gefordert. Denn am Ende nimmt nicht nur der die Ehre eines Menschen, der Medien missbraucht, sondern auch der, der sich vom Medien missbrauchen lässt. Da ist es in Zeiten wie diesen nicht nur wohlfeil, sich Bölls Werk eben nicht auf gängigem Weg zu nähern, sondern geradezu Pflicht, eine deutliche Botschaft als Kontrapunkt zum schreiend-schiefen Kanon einer postfaktischen Gesellschaft zu senden.