| 20:07 Uhr

Homburger Amateur Theater
Gelungener Mix aus Drama und Komödie

Eine echte „Dramödie“: Andrej (links) bringt seine neue Freundin Janine (Heike Lismann-Gräß) mit nach Hause. Seine Schwestern sind von der klischeehaften Blondine wenig begeistert.
Eine echte „Dramödie“: Andrej (links) bringt seine neue Freundin Janine (Heike Lismann-Gräß) mit nach Hause. Seine Schwestern sind von der klischeehaften Blondine wenig begeistert. FOTO: Sebastian Dingler
Homburg. Das Homburger Amateur Theater zeigte im Erbacher Thomas Morus-Haus das bitterböse Bühnenstück „Villa Dolorosa“. Von Sebastian Dingler

Das Plakat mit den Protagonisten des Homburger Amateur Theaters als fröhliche Feiergemeinschaft konnte in die Irre führen: Das Stück „Villa Dolorosa“ war kein Lustspiel, sondern eine bitterböse Abhandlung über egozentrische und gelangweilte Menschen. Letzten Freitag und Samstag wurde es glänzend in Szene gesetzt im Erbacher Thomas Morus-Haus.


Jeweils am 28., 29. und 30. Geburtstag von Irina (Kristina Betz) wird die Szenerie beleuchtet, die sich in der Villa Dolorosa abspielt: Dort leben nach dem Tod der Eltern neben Irina noch deren Schwester Olga (Barbara Neumann) und Bruder Andrej (Christoph Neumann). Im Haus gegenüber wohnt eine weitere Schwester, Mascha (Barbara Schneider), zur Party gesellen sich außerdem Andrejs Freundin Janine (Heike Lismann-Gräß) und sein guter Freund Georg (Stefan Kohlmayer). Bei den russischen Vornamen mag es bei dem ein oder anderen Theaterkenner geklingelt haben: Ja, so heißen auch die Hauptfiguren aus Anton Tschechows berühmten Drama „Drei Schwestern“. Die deutsche Autorin Rebekka Kricheldorf hat den alten Stoff weiterentwickelt für die Neuzeit.

Mit „Dramödie“, dem Begriff für eine Mischung aus Drama und Komödie, wäre das Stück treffend beschrieben. Fürs Drama sorgt der Frust der Figuren: Sie beklagen sich abwechselnd über sich selbst, über andere, das Leben an sich oder ihre Partner. „Halt’s Maul“ war ein besonders häufig gehörter Ausdruck, „Uns geht’s beschissen, das kann ruhig jeder wissen“ ein gerne wiederholter Spruch. Irina fängt alle Jahre ein neues Studium an, das sie nach kurzer Zeit wieder idiotisch findet, Mascha verliebt sich in Georg; der kann sich aber nicht von seiner Frau lösen, die ihn mit andauernden Selbstmordversuchen an sich bindet. Die einzige der drei Schwestern, die einer Arbeit nachgeht, ist Olga – witzigerweise als Schulleiterin, gespielt von der Schulleiterin der Robert-Bosch-Schule, Barbara Neumann. Wie deren Mann Christoph hinterher sagte, sei das aber reiner Zufall gewesen. Andrej wiederum meint, er sei Schriftsteller, kommt aber nicht so recht voran in diesem Metier. Seine prollige Freundin Janine färbt vom Kleidungsstil her auf ihn ab - als Andrej im zweiten Akt auf die Bühne kommt, herrscht große Heiterkeit im Publikum aufgrund seines herrlich geschmacklosen Anzugs. „Das hat lange Recherche im Internet gebraucht, um den zu finden“, sagte Janine-Darstellerin Heike Lismann-Gräß. Sie selbst hatte sich nicht extra die Haare blondiert, weil es so schön zu ihrer Rolle passte, sondern trägt diese Farbe schon seit dem Stück „Magnolien aus Stahl“, wo sie ebenfalls einen naiven Charakter darstellte.



Bei aller Depression hatte das Stück auch viel Humor zu bieten: Schön, wie Georg des öfteren aufs Weinglas schaute und „Oh je – leer!“ von sich gab. Oder wie Janine aufgrund des Gekrakels ihres Sohnes auf die Idee kam, dieser sei hochbegabt und könne unmöglich unter seinesgleichen aufwachsen.

„Wir sind Amateure, keine Laien: Wir haben schon ein bisschen Ahnung von dem, was wir tun“, sagte Christoph Neumann nach der Vorstellung. Oh ja, dem konnte man voll recht geben. Die Vorstellung war vom Schauspielerischen weitaus mehr als Laientheater. Es gab auch keine Darstellerin, keinen Darsteller, die oder der irgendwie schwächer als die anderen agiert hätte. Nein, alle spielten ihre Figur treffsicher, konturenscharf und mit Hingabe.

Als nächstes Stück plant das Homburger Amateur Theater ein größeres Stück, nämlich den Brandner Kaspar – auf saarländisch und als Open Air-Aufführung auf dem Schlossberg. Man darf gespannt sein.