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Theater
Ein Schwergewicht deutscher Literatur

Kai Frederic Schrickel als Räuber Karl Moor am Beginn seiner „Karriere“, Schillers Werk kennt für ihn am Ende, wie für die anderen, nur Verderben.
Kai Frederic Schrickel als Räuber Karl Moor am Beginn seiner „Karriere“, Schillers Werk kennt für ihn am Ende, wie für die anderen, nur Verderben. FOTO: Thorsten Wolf
Homburg. Im Homburger Saalbau gastierte am Donnerstag das „Neue Globe Theater“ aus Potsdam. Auf dem Programm stand das Meisterwerk „Die Räuber“ von Friedrich Schiller. Und das kam hier ohne die üblichen historischen Gewänder aus.

Schillers „Die Räuber“ gehört ohne Zweifel zu den echten Schwergewichten der deutschen Literatur. Und das liegt nicht zuletzt und vor allem an den fast schon archaisch-grundsätzlichen Konflikten, die Schiller in seinem Werk – zuerst als Lesedrama gedacht und erst später für die Bühne gefasst – aufgreift: Das biblische Thema des erbitterten Bruderzwists, die Grenze zwischen Freiheitsdrang und gesetzlicher Einengung. Es sind die großen Themen, die Schillers „Räuber“ wahrlich groß machen – und die nach der Uraufführung des Werkes im Jahre 1782 den bis dato weitgehend unbekannten Schreiber katapultartig ins Licht der Öffentlichkeit schleuderten.


Und es sind vor allem auch Sätze wie dieser, die den „Räubern“ mitunter eine noch heute unglaubliche Prägnanz geben: „Was soll der fürchten, der den Tod nicht fürchtet!“ Das sind Monumente, Fixpunkte eines Werkes, dessen Tragweite weit über die Epoche Schillers hinausgeht. So ließe sich das Drama um die Brüder Karl und Franz Moor ohne Mühe inhaltlich in die Jetztzeit transponieren, es ließe sich mit viel Tamtam in seinem visuellen Wesen modernisieren. Welche Anknüpfungspunkte ließen sich ohne Mühe finden – zu einer Zeit, in der gezielte Falschinformationen zu schrecklichen Konsequenzen führen (Franz Moors erfolgreiches Ansinnen, den Vater von seinem Bruder Karl abzubringen und sich so das Erbe zu sichern), zu einer Zeit, in der es immer kommoder wird, staatliche Autorität aus ganz persönlichen Gründen zu attackieren (Karls Weg als verstoßener Sohn hin zum Hauptmann einer Räuberbande) und zu einer Zeit, in der der Blick auf das Leben der anderen die Maßstäbe für das eigene setzt (der Räuber Moritz Spiegelberg als missgünstiger Kumpan von Karl Moor).

Am Donnerstag nun wagte sich das „Neue Globe Theater“ aus Potsdam im Saalbau Homburg an Schillers meisterliches Werk. Und, was soll man sagen: Wer wagt, der gewinnt! Dabei wählte die Spielfassung unter der Regie von Andreas Erfurth – er übernahm auch die Rolle des Franz Moor als Ersatz für den erkrankten Sebastian Bischoff – einen Weg zwischen Tradition und Moderne.



Nun mag man sich für einen Moment am Begriff des „Globe Theaters“ reiben. Doch hier wird klar, dass das Ensemble sich in der Tradition eben des berühmten Londoner „Globe Theaters“ versteht – und damit in der Tradition Shakespears, der offenen Bühne und dem Brechen von traditionellen Regeln des Theaters. So weit, so gut, so Potsdam. Das Ensemble um Kai Frederic Schrickel als Karl Moor und Andreas Erfurth als Franz Moor verstand es prächtig, Schillers wortgewaltige Texte in eine Visualisierung zu packen, die der Moderne geschuldet war. Keine historischen Gewänder, sondern die Antwort auf die Frage „Was würde ein Karl Moor heute tragen?“ bestimmte, was aufgetragen wurde. Das Bühnenbild selbst sparsam, aber akzentuiert. So konnte man sich hineinfühlen in die Geschichte von Hass, Neid, Liebe und Tod – ohne das Gefühl zu haben, mit angehmer Distanz einem Historienspiel beizuwohnen. Immerhin sollte man sich als Zuschauer auch einmal der Gefahr der Selbsterkenntnis aussetzen.

Im Ensemble den einen oder die andere herauszugreifen, das wäre beileibe nicht fair. Doch ist Fairness nun nicht die Rettung von Schillers Protagonisten, die am Ende von eigener oder fremder Hand sterben. So sei es gestattet, gerade Rike Joeinig zu erwähnen, die der Rolle des Moritz Spiegelberg als eigentlicher Verführer von Karl zum Räuberhauptmann genau dieses Maß an Zugänglichkeit und Nachvollziehbarkeit verschaffte, das einen erschauern ließ. „Große Gedanken dämmern auf in meiner Seele! Riesenpläne gären in meinem schöpf’rischen Schädel.“

(thw)