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Ibsens Gespenster im Saalbau Homburg
Stolpern im Netz der Verpflichtungen

Ralf Komlor als Pastor Manders und Anja Kruse als Helene Alving werden in Ibsens „Gespenster“ Opfer ihrer eigenen Vergangenheit und der Trugwelt gesellschaftlicher Konventionen.
Ralf Komlor als Pastor Manders und Anja Kruse als Helene Alving werden in Ibsens „Gespenster“ Opfer ihrer eigenen Vergangenheit und der Trugwelt gesellschaftlicher Konventionen. FOTO: Thorsten Wolf
Homburg. Die „Theatergastspiele Fürth“ brachten Ibsens Familiendrama „Gespenster“ auf die Bühne des Homburger Saalbaus. Von Thorsten Wolf

Im Saarland gibt es ein kleines, geflügeltes Wortspiel: „Unter jedem Dach ein Ach“. Dieses Wortspiel hat die Bedeutung, dass nichts so ist, wie es im Schönen scheint, und Dramen vor keiner Tür, mag sie auch noch so schön gestrichen sein, Halt machen. Der Widerspruch zwischen dem „Außen“ und dem „Innen“ hat natürlich auch die Weltliteratur beschäftigt – am kontroversesten, zumindest zu seiner Zeit, hat sich wohl der norwegische Dramatiker Henrik Ibsen mit diesem großen Thema befasst.


Sein Werk „Gespenster“ führte gar zu politischen und gesellschaftlichen Verwicklungen, fiel der Zensur in Ibsens Heimat Norwegen und den Nachbarländern zum Opfer, wurde bei seiner Premiere in Deutschland im Jahr 1886 nur als „private“ Vorstellung gezeigt, da eben die Zensur eine öffentliche Darbietung verbot. Doch was hatte Ibsen getan? Er hatte in seinem Familiendrama nichts weniger getan als damals gültige gesellschaftliche Dogmen infrage zu stellen: Steht der Wunsch nach individueller Verwirklichung über der vermeintlichen gesellschaftlichen Pflicht?

Welchen Stellenwert können, müssen und dürfen Konventionen im Leben eines Einzelnen haben. Dass Ibsen diese Fragen anhand einer Familien-Konstellation aufwarf, deren Zerüttung, deren Scheinwelt über die drei Akte des Werkes hinweg immer deutlicher wird – auch das war zur Zeit des Schriftstellers unerhört. Doch Ibsens „Gespenster“ ließen sich nicht aufhalten – weder im Stück selbst noch als Vorboten eines einsetzenden, gesellschaftlichen Wandels. Es war also ein großes, ein allumfassendes Thema, dass die „Theatergastspiele Fürth“ da am Donnerstag mit der Inszenierung von Ibsens Meisterwerk auf die Bühne des Homburger Kulturzentrums Saalbau brachten.

Besetzt war die Aufführung durchaus prominent. So war es an der aus dem deutschen Fernsehen bestens bekannten Schauspielerin Anja Kruse, Ibsens „Helene Alving“ als Hauptrolle Gesicht und Stimme zu geben. Als ihr Sohn „Osvald“ überzeugte Michael N. Kühl, die Rolle des „Pastor Mander“ fiel Ralf Komorr zu. Ebenso sehenswert: Sebastian Sash als „Tischler Engstrand“ und Sarah Maria Besgen als „Regine Engstrand“. Die große Herausforderung einer jeden Inszenierung von Ibsens „Gespenster“: Die Schauspielerinnen und Schauspieler nicht schlicht zu Funktionen innerhalb einer vom ersten bis zum letzten Satz einem höheren Ziel dienenden Konstruktion werden zu lassen. Denn ohne Zweifel, kein Satz in „Gespenster“ ist einer ohne Sinn und Hintergrund, klar und Wort für Wort lässt Ibsen seine Protagonisten im Netz gesellschaftlicher Verpflichtungen stolpern und fallen – und hält so eben der Gesellschaft ohne künstlerische Verzerrung, aber mit unglaublicher Verdichtung, den Spiegel vor.

Und dieses Spiegelbild ist eines, das schmerzhaft vom Zwang des Scheins erzählt. Ibsen bedient sich dabei, der gnadenlosen Klarheit wegen, eines Konzepts aus Lügen und Trug: Der verstorbene Kammerherr Alving ist nicht nur ein grausamer Ehemann für seine Frau Helene – er ist auch der Vater des Dienstmädchens Regine. Um dies zu vertuschen, verheiratet man Regines Mutter mit dem Tischler Engstrand. Der wiederum sieht in seiner vermeintlichen Tochter ein probates Mittel, um sich selbst zu retten – und lockt sie, mit ihm ein Seemannsheim zu betreiben. Helenes Sohn Osvald und Regine müssen erkennen, dass sie Halbgeschwister sind. Helene selbst scheitert schon früh beim Versuch, dem Ehemartyrium zu entgehen, wendet sich an Pastor Manders, einen Jugendfreund. Der jedoch schickt sie, sinnbildlich für die gesellschaftliche Verkrustung des ausgehenden 19. Jahrhunderts, zurück zu ihrem Ehemann.



All das sind die „Gepenster“, die Ibsen aus der Vergangenheit auferstehen lässt – um seine Figuren letztlich an sich selbst und an der Gesellschaft scheitern zu lassen. Im Mittelpunkt und als Gegenentwurf zu jedweden freiheitlichen Gedanken: Pastor Manders. Er macht schon früh im Werk und im Blick auf Helenes Ehedrama klar, was für ihn gesellschaftlich gefordert ist. „Eine Ehefrau ist nicht dazu berufen, der Richter ihres Mannes zu sein. Es wäre Ihre Schuldigkeit gewesen, mit demütigem Sinn das Kreuz zu tragen, das Ihnen ein höherer Wille als dienlich erachtet hatte.“ Am Ende siegen sie, Ibsens Gespenster – ebenso wie seine Figuren untergehen. Sinnbildlich dafür geht das von Helene geplante Kinderheim als inhaltlicher Rahmen des Werkes am Schluss in Flammen auf. Und so bleibt am Ende von einer vermeintlich heilen Welt nur eines: Asche.