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Silvester
Schornsteinfeger bringen immer noch Glück

Schornsteinfegermeister Dirk Brunnet.
Schornsteinfegermeister Dirk Brunnet. FOTO: Fred Kiefer
Homburg. Gute Wünsche, Orakel, Glücksbringer: Viele Bräuche ranken sich um Silvester und Neujahr. Denn das neue Jahr soll ja ein gutes Jahr werden. Von Jennifer Klein

Schauen wir doch mal in die Glaskugel: Homburg 2018 – das Einkaufscenter kommt, ungetrübtes Shoppingvergnügen auf dem Enklerplatz also, die klamme Stadtkasse ist auch gerettet, denn bei Bauarbeiten am Fuße des Schlossberges wird ein Schatz aus den Glanzzeiten von Schloss Karlsberg gefunden … oh, da war vielleicht doch eher der Wunsch der Vater der Weissagung. Aber ist es nicht jetzt, gerade in der Zeit zwischen den Jahren, besonders verlockend, einen Blick auf das zu erhaschen, was das neue Jahr, was die Zukunft bringen wird? Nicht umsonst gehören Bräuche wie der Blick ins Horoskop oder Orakel wie Bleigießen für viele zum Ritual in der Silvesternacht: Wenn das Metallfigürchen über der Kerzenflamme langsam zur silbrigen Masse schmilzt und das geschmolzene Blei mit einem lauten Zischen in eine Schüssel mit kaltem Wasser plumpst. Und dann das Rätseln, welches Symbol sich hinter der bizarren Form verbirgt – und was sie bedeutet für die Zukunft: „Doch, das ist ganz bestimmt ein Lorbeerkranz!“ … Wobei die Traditionalisten in Sachen Bleigießen es dieses Jahr schwer haben werden: In vielen Geschäften sind die Metall-Hohlfiguren schon aus dem Sortiment verschwunden und durch „Wachsgießen“ ersetzt. Grund: eine neue EU-Verordnung, die im Frühjahr 2018 in Kraft treten soll und verschärfte Grenzwerte für Blei vorschreibt. Wahrscheinlich zum letzten Mal Bleigießen also in diesem Jahr.


Damit das neue Jahr auch Gutes bringt, wird der Silvestertisch mit Glücksschweinchen oder vierblättrigen Kleeblättern dekoriert. Und wer dann noch einen Schornsteinfeger in natura  trifft, der hat richtig Glück, so der Volksglaube. Dass der immer noch lebendig ist, kann Dirk Brunnet, als Schornsteinfegermeister zuständig für die Homburger Stadtteile Einöd, Beeden, Schwarzenbach, Schwarzenacker und Wörschweiler, bestätigen. „Es ist schon so, dass man als Schornsteinfeger immer noch als Glücksbringer wahrgenommen wird“, erklärt Brunnet, der just am Tag unserer Anfrage, am 28. Dezember, seinen 53. Geburtstag gefeiert hat. An den Knöpfen der Uniform zu drehen soll zum Beispiel Glück bringen. Auch dem Ruß, den der Kaminfeger an sich trägt, werden besondere Kräfte zugeschrieben – deshalb streifen manche im Vorbeigehen dem Schornsteinfeger über die Kleidung. Ganz bewusst verrichtet Brunnet sein Handwerk in der traditionellen Montur mit schwarzer Kleidung und Zylinder. „Andere geben teuer Geld für Marketing aus, wir Schornsteinfeger haben eine Jahrhunderte alte Tradition, da wäre ich ja mit dem Klammersack gepudert, das nicht zu nutzen“, lacht er. Zumal der steife Zylinder auch einen ganz praktischen Nutzen als Kopfschutz habe. „Die Leute in meinem Bezirk kennen mich auch nur in der schwarzen Kluft“, erklärt er. Seit zehn Jahren ist Dirk Brunnet nun in Einöd, Beeden, Schwarzenbach, Schwarzenacker und Wörschweiler unterwegs und betreut rund 2500 Haushalte.  Für Brunnet ist der Beruf Berufung, wer mit ihm spricht, merkt das schnell. Nicht nur, dass 12- bis 14-Stunden-Tage keine Seltenheit sind – die Schornsteinfeger müssen ja die Terminwünsche der Kunden unter einen Hut bringen. Auch als 2013 die Neuregelung des Schornsteinfegerrechtes in Kraft trat, wonach Schornsteinfegerarbeiten im freien Wettbewerb vergeben werden können, hatten nur ganz wenige Kunden sich einen neuen Schornsteinfeger gesucht – für Brunnet ein Beweis dafür, dass es wichtig und richtig war, ein Vertrauensverhältnis zu den Menschen aufzubauen: „Wir gehen ja schließlich auch in die Häuser und Wohnungen der Leute.“ Der „Glücksbringer“ selbst ist (fast) wunschlos glücklich: Gesundheit, Zufriedenheit, und insgesamt mehr Menschlichkeit“, das wünscht er sich fürs neue Jahr. Der Glaube daran, dass der Besuch des Kaminfegers Glück bringt, kommt wohl daher, dass früher die Schornsteinfeger zu Neujahr herumgingen, Rechnungen einkassierten und ein Kalenderblatt mit Glückwünschen überbrachten. Mit der Zeit wandelte  sich die symbolische Bedeutung des Kaminkehrers vom „Glückwünscher“ zum „Glücksbringer“.

Kehren müssen auch all diejenigen, die es in der Silvesternacht richtig krachen lassen und Böller und Raketen zünden. Böse Geister sollen in der Nacht zum neuen Jahr vertrieben werden  – am besten mit Krach und Rauch. Frauen mögen’s beim Feuerwerk vor allem bunt, die Männer laut. Die Überreste in Form von Papierfetzen, Raketenstäben etc. beschäftigen am Tag danach dann die Stadtreinigung ... Wer im Haus kehrt, der soll, so will es der Brauch, übrigens darauf achten, das Glück nur ja nicht zur Tür hinaus zu kehren. Und wer schon beim Putzen und Kehren ist, der kann auch gleich ausmisten – auch eine der traditionellen Tätigkeiten zum neuen Jahr. Platz schaffen für Neues im Leben – das gilt ja auch im übertragenen Sinne: Neues zulassen heißt offen und interessiert sein für Meinungen, Ideen und Entwicklungen – das muss ja nicht bedeuten, alles Bewährte über den Haufen zu werfen. Deshalb: Auf ein (gutes) Neues!

Marzipanschweinchen sollen Glück bringen zu Silvester.
Marzipanschweinchen sollen Glück bringen zu Silvester. FOTO: Patrick Seeger/dpa