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Beckenkurs
Pohlemann, Puppen und ein Beckenkurs

Professor Tim Pohlemann in blauer Dienstkleidung zeigt, wie es geht. Diesmal kamen 61 Unfallchirurgen aus 22 Ländern nach Homburg.
Professor Tim Pohlemann in blauer Dienstkleidung zeigt, wie es geht. Diesmal kamen 61 Unfallchirurgen aus 22 Ländern nach Homburg. FOTO: Christine Maack
Homburg. Zum Sommeranfang finden am Uniklinikum Kurse statt. Einige davon sind international begehrt und immer ausgebucht, so auch der Beckenkurs. Von Christine Maack

Die Puppe auf dem OP-Tisch ist weich, hat ein gebrochenes Bein und ein zertrümmertes Becken. Aus einem Loch im Bauch quillt ordentlich rötliches Wasser heraus, das mit  Hilfe von sterilen Putzlappen aufgefangen wird, die die Chirurgen in das Loch hineinstopfen. Das Becken der Puppe haben die Chirurgen mit einer Schraubzwinge festgemacht, damit es nicht auseinanderfällt. Die Werkzeuge sehen alle ein bisschen so aus, als habe man den Klempner gerufen, nicht den Arzt.


Professor Tim Pohlemann hat zum alljählichen Beckenkurs eingeladen. Aus insgesamt 22 Nationen stammen die 61 Unfallchirurgen und Orthopäden, die sich aktuell am Universitätsklinikum des Saarlandes fortbilden. Die Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie mit ihrem Leiter Professor Pohlemann hat mit dem Beckenkurs ein Format etabliert, das sich zum weltweit führenden Konzept zur Schulung und Fortentwicklung modernster  Behandlungstechniken nach Beckenfrakturen und Hüftproblemen entwickelt hat. In diesem Jahr stehen aktuelle Notfallkonzepte zur Lebensrettung nach schweren Beckenverletzungen und neueste Techniken zur Rekonstruktion des Hüftgelenkes im Fokus des Expertentreffens.

Nach Beckenbrüchen infolge von Unfällen ist das Verbluten immer eine große Gefahr, „früher starben über 60 Prozent der Patienten, es ist uns gelungen, diese Rate auf 20 Prozent herunterzudrücken, was auch dem Einsatz von entsprechenden Geräten zu verdanken ist, die wir mitentwickelt haben“, so Pohlemann. Der Ansturm auf seinen Kurs ist jedes Jahr groß, „weil es international nichts Vergleichbares gibt.“  Zu den unfallbedingten Beckenverletzungen kämen in letzter Zeit auch viele altersbedingte Unfälle wie Stürze hinzu, „hier kann die invasive minimale Eingriffsmethode den alten Menschen wieder ihre Lebensqualität zurückgeben“, betont Pohlemann, „das wird angesichts der demografischen Entwicklung immer wichtiger.“ Der Beckenkurs ist nicht für Neulinge, sondern für gestandene Chirurgen, die diesen Job schon viele Jahre machen und ihre Methoden verbessern und verfeinern wollen. Man merkt es auch an den Reaktionen im Schulungsraum mit den Puppen. Die Handgriffe der Kursteilnehmer sind professionell und geübt. Ein holländischer Chirurg ruft „What are the numbers?“ Numbers? Ach so, er meinte Blutdruck, Herzfrequenz und ähnliches. Vergiss es, sagen die Kollegen, ist nur ne Puppe, guck aufs Becken. Alles lacht. Eine gut gelaunte und gleichzeitig konzentrierte Atmosphäre. Pohlemann geht von einem Tisch zum anderen, erklärt und legt selbst Hand an. Am Nachmittag ist Abreise - mit viel neuem Wissen im Handgepäck.