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Was gute Familienkonzerte ausmacht
Mit dem Orchester auf Traumreise gehen

Im vergangenen Jahr war beim Familienkonzert des Homburger Sinfonieorchester unter der Leitung von Jonathan Kaell die „Suite algérienne“ von Camille Saint-Saëns  zu hören. Mit dabei bereits da: die Bewegungstheater-AG des Mannlich-Gymnasiums.
Im vergangenen Jahr war beim Familienkonzert des Homburger Sinfonieorchester unter der Leitung von Jonathan Kaell die „Suite algérienne“ von Camille Saint-Saëns  zu hören. Mit dabei bereits da: die Bewegungstheater-AG des Mannlich-Gymnasiums. FOTO: Thorsten Wolf
Homburg. Am Samstag bittet das Homburger Sinfonieorchester zum Familienkonzert – erneut mit tänzerischer Unterstützung. Johanna Knauf zeichnet diesmal fürs Konzept verantwortlich. Sie erklärt, was gute Kinderkonzerte ausmacht. Von Ulrike Stumm

Klassische Konzerte haben den Ruf von grauen Haaren und heiligem Ernst. Diesen Aspekt  gibt es zwar auch, doch das ist seit längerem schon nicht mehr die einzige Stoßrichtung solcher Aufführungen. Vor allem in der jüngeren Vergangenheit wurden mehr und mehr Konzerte und Angebote für Kinder konzipiert.


Das  Homburger Sinfonieorchester macht bereits im dritten Jahr in dieser Richtung von sich reden und lädt nun wieder zum Familienkonzert ein: am Samstag, 16. Juni, 16 und 18 Uhr, in die Aula des Homburger Mannlich-Gymnasiums. Johanna Knauf ist diejenige, die speziell dafür ein Gesamtkonzept erarbeitet hat. Sie hat elementare Musik- und Tanzpädagogik in Salzburg studiert, macht gerade in Saarbrücken ihren Master in Musikpädagogik.

Und diesmal ist die Aufgabe, die ausgewählte Musik für Kinder fassbar zu machen, schon eine Herausforderung. Bei der Familienkonzert-Premiere des Orchesters war 2016 mit Schwanensee eine klare Handlung gegeben,  im vergangenen Jahr ging es dann auf eine musikalische Reise zu Meeren, Wüsten und Oasen mit der  „Suite algérienne“ von Camille Saint-Saëns.

Diesmal wird Musik der Ballettsuite „Appalachian Spring“ von Aaron Copland zu hören sein – und zwar in einer Besetzung für 13 Instrumente. Dahinter steht ein Ballett, das Copland 1944 für die bekannte Tänzerin und Choreographin Martha Graham schrieb und zunächst als „Ballet for Martha“ betitelt. Die Handlung des Balletts erzählt von amerikanischen Pionieren, insbesondere vom Alltag eines jung verheirateten Paares. Und wem das bekannt vorkommt: die Orchesterfassung war bereits im großen Frühjahrskonzert des Ensembles zu hören. Denn für das Familienkonzert, so die Idee des Orchesters, greift man etwas aus dem Programm eines der großen Konzerte auf.

Musikalisch sei das Stück super schön und spannend, sagt Knauf. Doch die Handlung ist eher schwierig vermittelbar für ein Familienkonzert. Eine neue Geschichte zu ersinnen, hielt Johanna Knauf allerdings auch nicht für passend. Deswegen lässt sie nun das Orchester träumen, während ihm das Publikum dabei zuschauen kann. Abspielen wird sich das Familienkonzert diesmal in der Aula des Mannlich-Gymnasiums. Und zwar gleich zweimal an diesem Samstag: 16 und 18 Uhr. Möglichst viele Kinder sollen möglichst nahe dran sein an Musikern und Tänzerinnen. Denn so wie in den Vorjahren hat man sich tänzerische Unterstützung dazu genommen. Das ist zum einen das Ballett der Homburger Narrenzunft und zum anderen das Bewegungstheater des Mannlich-Gymnasiums. Ihre Idee gibt den Rahmen vor: Wenn die Instrumente zu träumen beginnen, erwachen die Traumwesen, am Ende schlafen diese wieder ein.



Träume, so Knauf, seien vielseitig deutbar. Es gehe ihr nämlich nicht darum zu zeigen, genau das hört man in der Musik. So soll es Teile im etwa einstündigen Konzert geben, wo die Musik für sich spreche  und andere, in denen man zum Beispiel Instrumente kennen lernen kann. Im Konzert würden einzelne Abschnitte herausgegriffen. So erlebe das Publikum, wie es sich anhört, wenn zum Beispiel nur die Klarinette diesen Teil spielt, und wie es wirkt, wenn dann etwa die Querflöte hinzukommt. Nicht überall seien Tänzer dabei und, so Knauf, das Publikum dürfe auch selbst aktiv werden.

 Was ihr wichtig ist: Zum einen die Qualität, die Kinder sollen nicht einfach dasitzen und auf den nächsten Witz warten. Die Musik muss im Mittelpunkt stehen. „Mir ist es wichtig, dass solche Konzerte auf jeden Fall ein hohes künstlerischen Niveau mit sich bringen, dennoch aber auch unerfahrene Zuhörer ansprechen“, erläutert Knauf. Sie freue sich also sowohl über Konzertbesucher, die sowieso an klassischer Musik interessiert sind, als auch über Publikum, das „dieser Musik“ vielleicht eher skeptisch gegenüber steht.

Viele Berufsorchester hätten inzwischen ihre Konzerte für junges Publikum nochmals aufgeteilt, so gebe es oft für jede Altersgruppe eigene Formate. Für ein Orchester wie das Homburger Sinfonieorchester sei dies allerdings schon aus zeitlichen Gründen nicht umsetzbar. Das könne aber auch seine Vorzüge haben, etwa den, dass das Familienkonzert zu „Appalachian Spring“ für eine sehr breite Altersspanne angelegt sei, führt Knauf aus: Es sei ihr ein Anliegen gewesen, das Konzert „nicht nur Kinder jeglichen Alters zu konzipieren, sondern es auch für Eltern und Großeltern ansprechend zu gestalten“.

 Warum aber überhaupt der Fokus auf die jungen Hörer? Viele Kinder kommen erst durch den Musikunterricht in der Schule mit klassischer Musik in Kontakt, wodurch diese dann oft mit Pflicht, mit Lernen verbunden werde, erläutert sie. Selbst in richtig gutem Musikunterricht aber, werde man nicht die Erfahrungen machen können, die in einem Konzert möglich sind: die Atmosphäre beim Betreten des Konzertsaals, das Stimmen der Instrumente, der erste Ton. Knauf: „Schon all das macht ein live erlebtes Konzert zu etwas Sinnlichem.“

Knauf sieht in Konzerten für Jüngere viel mehr, als den Versuch, das viel zitierte „Publikum von morgen“ zu gewinnen. Diese Formate könnten vieles, beispielsweise dazu motivieren, selbst ein Instrument zu lernen, dabei unterstützen, den eigenen Musikgeschmack zu entwickeln und zu finden. Es sei ihr wichtig, die Zuhörer „nicht mit theoretischen und geschichtlichen Fakten zu überhäufen, sondern Musik und Tanz wirken zu lassen, damit das Publikum persönlichen Assoziationen, Fantasien und Gefühlen freien Lauf lassen kann“. Spannend sei diese Art des Konzerts auch für die Musiker, weil es dazu anhalte, selbst nochmals über Fragen nachzudenken wie: Warum mache ich diese Musik? Und für wen?

Doch Musikvermittlung geht für Johanna Knauf sogar weiter: Es sollen Leute, egal welchen Alters die Möglichkeit haben, mit ganz unterschiedliche Musik in Berührung zu kommen, erklärt sie. Auch der Jazz bräuchte beispielsweise seine Vermittlung. So könne so ein Familienkonzert vor allem auch als Inspiration dienen für innovative Konzertformate für Erwachsene. Dass sie auf dieser Strecke unterwegs ist, dafür steht zum Beispiel das Konzept Klangrausch, an dem sie beteiligt ist. Dabei werden klassische Konzerte in WG-Partys integriert.

Übrigens: Wer am Samstag hineinhören, -fühlen und -schauen möchte: Man kann einfach ins Mannlich-Gmynasium kommen und Musik wie Tanz auf sich wirken lassen.

Johanna Knauf
Johanna Knauf FOTO: Eva Heller