| 11:24 Uhr

Am Wegesrand
Imker Michael Simon sucht neue Wege

Der Kirkeler Imker Michael Simon mit einem seiner Einkammer-Bienenstöcke.
Der Kirkeler Imker Michael Simon mit einem seiner Einkammer-Bienenstöcke. FOTO: Thorsten Wolf
 Kirkel. SZ-Serie „Am Wegesrand“: Wenn der Frühling kommt, fliegen wieder die Bienen, deshalb geht’s heute um Bienenzucht. Von Thorsten Wolf

War das ein Wochenende:  Sonne satt, warme Temperaturen, so darf es gerne weitergehen – auch und gerade für die Bienenwelt. Blüht und sprießt es auf Feldern und Wiesen, dann ist alles für die emsigen Bestäuber angerichtet. Doch im Universum der Bienen hat sich in den vergangenen Jahren vieles zum Schlechten geändert. Die fleißigen Tierchen finden eine immer weniger Bienen taugliche Umgebung, die Varroamilbe hat als gefährlicher Bienen-Parasit, da sind sich viele Experten einig, den Bienenvölkern zusätzlich erheblich zugesetzt.


Vor diesem Hintergrund hat sich Michael Simon auf die Fahnen geschriebenen, aus seiner Sicht festgefahrene Zuchtstrukturen in vielen Vereinen aufzubrechen. Dass er das auf einem Weg macht, der bei weitem nicht überall auf Zustimmung stößt, das gehört auch zu dieser Geschichte. Eben die führt tief in die Geschichte der Bienenzucht in Deutschland. Und die beginnt für Michael Simon mit dem deutschen Zoologen Ludwig Armbruster in den 1930er Jahren. Er gilt als einer der herausragenden Bienenkundler des 20. Jahrhunderts, dessen Arbeit bis heute Anerkennung findet. In der Zeit des Nationalsozialismus allerdings wurde Armbruster Opfer der Willkürherrschaft, verlor als so genannter „Judenfreund“ seine Professur an der Humboldt-Universität in Berlin. Damit habe sich danach auch die Art zu imkern in Deutschland verändert, für Simon dabei deutlich zum Schlechteren.

Doch das Vermächtnis des 1973 in Lindau am Bodensee verstorbenen Armbrusters ist heute noch in der Welt der Imkerei präsent, so zum Beispiel an der „Professor Ludwig Armbruster Imkerschule“ in Schwäbisch Hall – und eben auch in der Art und Weise, wie Michael Simon inzwischen seine Imkerei betreibt. Grundsätzlich geht es wohl darum, ob man, wie in vielen Imkervereinen seit Jahrzehnten gelehrt, mit zweiräumigen Brutkammern arbeitet oder, wie es Ludwig Armbruster vormachte, mit einräumigen Brutkammern. Das Thema wirkt nur auf den ersten Blick einfach, tatsächlich ist es fast schon eine Art von Glaubensfrage, die hier Michael Simon und viele Vereinsaktive trennt. „Ich bin für viele schon der Buhmann“, ist sich Simon im Gespräch mit unserer Zeitung sicher.

Doch er ist ein Überzeugungstäter, der Nachwuchsimkern vor allem eine Betriebsweise vermitteln will, die aus seiner Sicht zum einen relativ unaufwendig, zum anderen sehr ökologisch und wesensgerecht ist. „Ich will hier einen Wandel herbeiführen – weil diese zum Teil alten Strukturen, die in einigen Vereinen und Verbänden herrschen, die Imkerei nicht weiter bringen.“ So sei eben die konventionelle Bienenzucht mit zwei Brutkammern und Rähmchen – ein Holzrahmen, in dem die Bienen ihren Waben bauen – im Format „Deutsch Normal“ aus seiner Sicht schlicht nicht mehr zeitgemäß. Michael Simons Gegenentwurf ist die Betriebsweise der Berufsimker, „die mit wenig Eingriffen effektiv imkern. Und warum kann das, was der Berufsimker macht, nicht auch der kleine Hobby-Imker machen?“ Der habe, so Simon, sowieso eher weniger Zeit, weil er ja oft berufstätig sei.

Da bringe ein Einkammer-System eine große Zeitersparnis, ist sich Michael Simon sicher. Auch beim Wärmehaushalt biete das Betriebssystem mit nur einer Kammer Vorteile, zudem sei bei zwei Brutkammern das Brutnest „irgendwie unterbrochen. Das ist auch nicht Sinn und Zweck der Sache.“ Noch seien es recht wenige, die sich, wie er selbst, für die Einkammer-Betriebsweise entschieden hätten. Sein Ziel sei es aber, auch mit einem Monatstreff, seine Sicht auf die Imkerei weiter zu tragen. „Derzeit bin ich für 30 Imker quasi der Pate.“  Simons Hoffnung: Dass sich über diese Imker seine Philosophie zukünftig in den Imkervereinen ausbreitet.



Auch beim Umgang mit der Varroa­milbe geht Simon einen anderen Weg als viele andere. „Das ist eigentlich einfache Rechnerei: Diese Milbe vermehrt sich in der Brut. Der Varroa-Druck ist im Juli am höchsten. Also sorge ich dafür, dass meine Bienenvölker im Juli brutfrei sind.“ So sei eine effektive Behandlung der Bienen viel besser möglich, ist sich Michael Simon sicher. „Ich habe deswegen nur sehr wenige Völkerverluste. Und dieses System ist total einfach.“ Gehör habe er noch nicht gefunden, gesteht er. „Ich bin auf einem richtig guten Weg – aber keiner will etwas davon wissen.“ Dass er so mit seinem Ansatz nicht bei allen Imker-Kollegen auf offenen Ohren stößt, das weiß Michael Simon.

Doch er sagt auch, dass es viele gute Imkervereine in der Region gibt. So gibt er sich durchaus hoffnungsvoll. Und: Ob es nun einen Königsweg bei der Imkerei gibt und ob die eine oder die andere Betriebsweise wirklich zielführend ist, das können wohl am Ende nur die Bienen selbst beantworten.

Bienen sind ein unerlässliches und lebensnotwendiges Bindeglied in der Nahrungskette, eine veränderte Naturlandschaft und auch der Befall mit Parasiten macht den fleißigen Tierchen aber Leben und „Arbeiten“ zunehmend schwer.
Bienen sind ein unerlässliches und lebensnotwendiges Bindeglied in der Nahrungskette, eine veränderte Naturlandschaft und auch der Befall mit Parasiten macht den fleißigen Tierchen aber Leben und „Arbeiten“ zunehmend schwer. FOTO: Thorsten Wolf