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Ein denkwürdiger Vormittag im Saalbau

Homburg. Am Sonntag war der Saalbau bis zum letzten Platz besetzt. Kein Wunder, denn der Siebenpfeiffer-Preis wurde an den US-Journalisten Glenn Greenwald verliehen. Damit erhielten die zweieinhalb Stunden in Homburg eine weltpolitische Dimension. Auch deshalb, weil Sigmar Gabriel eine engagierte Rede hielt. Christine Maack

Diese Siebenpfeiffer-Preisverleihung sei "eine denkwürdige Veranstaltung" gewesen, betonte Clemens Lindemann , Landrat des Saarpfalz-Kreises, nachdem alle Reden gehalten und alle Lieder gesungen waren. Denkwürdig in jeder Hinsicht.

Zum ersten Mal wurde mit Glenn Greenwald kein deutscher, sondern ein US-Journalist ausgezeichnet. Das bedeutete auf einen Schlag viel mehr als nur eine andere Nationalität. Diese Entscheidung der Jury katapultierte gestern die kleine Saarpfalz für zweieinhalb Stunden in die höchsten Spähren der internationalen Politik.

Und dazu spielte das Leibniz-Rock-Ensemble unter der bewährten Leitung von Klaus Schwarz. Das Schüler-Ensemble aus St. Ingbert legte einen erfrischend unkomplizierten Auftritt hin, ohne sichtliches Lampenfieber und mit fast profimäßiger Routine. Schon der Auftakt, eine rockige Version des deutschen Volksliedes ,,Die Gedanken sind frei" sorgte für prima Stimmung im Saal. Landrat Lindemann betonte, sichtlich stolz auf die junge Band: "Sie kommen aus dem Saarpfalz-Kreis." Astrid Klug , ehemalige Staatssekretärin aus Homburg , hatte ihre guten Kontakte spielen lassen, um Sigmar Gabriel ins Saarland zu holen, der die Laudatio hielt. Auch wenn Gabriel mit Landrat Lindemann und Astrid Klug persönlich bekannt und per Du ist, so ist er auf der anderen Seite doch auch der Vizekanzler eines der wichtigsten Länder in Europa - und wurde von Preisträger Glenn Greenwald als solcher wahrgenommen: "In den USA oder in Großbritannien würde kein wichtiger Politiker auch nur in die Nähe einer solchen Veranstaltung gehen", sagte Greenwald.

Glenn Greenwald (48), Jurist und Journalist, stammt aus New York und lebt heute in Rio de Janeiro. Er erhielt den mit 10 000 Euro dotierten Siebenpfeiffer-Preis, weil er als enger Vertrauter des Whistleblowers Edward Snowden dafür sorgte, Akten, die die Überwachungsmethoden der Geheimdienstkrake NSA bloßlegen, an die Öffentlichkeit zu bringen. Seitdem ist Greenwald Einschüchterungen und Angriffen auf seine Person ausgesetzt.

Mit der Verleihung des Siebenpfeiffer-Preises reiht sich der Saarpfalz-Kreis in eine bedeutende Kette von Auszeichnungen ein: Greenwald erhielt für seine Tätigkeit bei den Zeitungen ,,Guardian" und ,,Washington Post" 2014 den Pulitzer-Preis, vor einigen Wochen wurde er in Los Angeles, gemeinsam mit Laura Poitras, mit dem ,,Oscar" für den Film ,,Citizenfour" geehrt, in dem die Affäre Snowden beleuchtet wird.

Es finde allmählich ein Umdenken statt: Nicht die Mitläufer in den Redaktionsstuben seien der Demokratie dienlich, sondern diejenigen, die ohne Rücksicht auf persönliche Gefahren auf Machtmissbrauch hinwiesen, so Greenwald in seiner frei gehaltenen Rede, die an einigen Stellen mit viel Beifall quittiert wurde.

Eine denkwürdige Preisverleihung war es aber auch, weil Landrat Clemens Lindemann trotz seiner Krankheit alle Kraft und Energie zusammengenommen hatte, um den Sonntagvormittag gut über die Bühne zu bringen: "Für mich ein Höhepunkt und ein Abschluss zugleich", sagte er, der das Amt im Juni an seinen Nachfolger Theophil Gallo übergibt.

Dass der volle Saalbau ihm stehende Ovationen darbrachte, erfüllte Lindemann mit Rührung, so dass er bei der vertrauten saarpfälzischen Mundart Zuflucht nahm: "Bleiwen sitze, heeren uff ze klatsche, sonscht komme mir die Träne". Es sei gut, "dich heute so munter, humorvoll und entschieden zu sehen, lieber Clemens", betonte Parteikollege Sigmar Gabriel , bevor er sich auf den Weg nach Hannover machte, um dort die weltweit größte Computermesse Cebit zu eröffnen. Das sei nun mal die Bandbreite, der man als Politiker ausgesetzt sei: Auf der einen Seite sehe man die Gefahren des Internets, auf der anderen Seite auch den Nutzen. Das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit sei nicht ohne Grund eines der schwierigsten Themen von Politik- und Rechtswissenschaft, so Gabriel. Natürlich wurde dieses Problem auch am Sonntag in Homburg nicht gelöst. Aber dafür konnte mit Hilfe von Preisträger Greenwald unser staatsbürgerlicher Kompass wieder richtig eingenordet werden. Nämlich mit jenen Werten, die eine mutige und freie Gesellschaft auszeichnen. Werte, für die auch schon Philipp Jakob Siebenpfeiffer gekämpft hat.