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Ein Film über Johannes Kühn
Dichterleben in poetischer Film-Reise

Kaffee, Zigarren und Papier. Mehr braucht Johannes Kühn nach eigenen Aussagen nicht zum Dichten.
Kaffee, Zigarren und Papier. Mehr braucht Johannes Kühn nach eigenen Aussagen nicht zum Dichten. FOTO: Gabi Bollinger
Wörschweiler. Die Wörschweiler Filmautorin Gabi Heleen Bollinger hat dem saarländischen Dichter Johannes Kühn ein besonderes Porträt gewidmet. In „Papier, Stift, Kaffee und Zigarren“ wird ein ungewöhnliches Leben in lyrischen Bildern gezeigt. Von Jürgen Neumann

Die Autorin Gabi Heleen Bollinger aus Wörschweiler hat wieder einen neuen Film gedreht. Diesmal geht es um den saarländischen Dichter Johannes Kühn. Die Filmautorin hat den Dichter im Auftrag des Saarländischen Rundfunks in einem 30-Minuten-Feature porträtiert: „Papier, Stift, Kaffee und Zigarren – Der Dichter Johannes Kühn.“ Gabi Bollinger sagt: „Der Film begleitet Kühn in seinem Tagesablauf und erzählt sein Leben in lyrischen Bildern, Gedichten und der Begegnung mit Weggefährten.“


Immer wieder hat Gabi Bollinger in den vergangenen Jahren ganz ungewöhnliche Themen filmisch behandelt. Den Bildhauer Leo Kornbrust, den Komponist Tzvi Avni und den Rabbiner Shlomo Rülf porträtierte sie voll Leidenschaft mit viel historischem Tiefgang. Weit über die europäischen Grenzen hinaus bekannt wurde ihr Film „Das geht nur langsam“. Darin ruft sie den von den Nazis verfolgten und ermordeten deutschen Bildhauer und Maler Otto Freundlich ins Gedächtnis zurück. Auf dem Filmfestival im Quad-Cinema in New York wurde sie denn auch entsprechend gewürdigt.

Gabi Heleen Bollinger wurde 1953 in Zweibrücken geboren. 1968 zog sie mit ihren Eltern an die Elfenbeinküste. Ab 1973 studierte sie Musikwissenschaft, Germanistik und Erziehungswissenschaften an der Uni Saarbrücken und gab nebenbei Konzerte.



Mit drei Musikern gründete sie 1975 die Gruppe Espe. Bis 1993 war sie in Israel mit jiddischen und deutschen Liedern unterwegs, spielte 19 Platten ein und trat in vielen TV-Sendungen auf. Mitte der 1980er begann sie ihre journalistische Arbeit. Sie lebt seit den 1980er Jahren in Wörschweiler , ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne.

Warum nun ein Film über den saarländischen Dichter Johannes Kühn? „Nach dem Film „Geschichte weitererzählen – Der Rabbiner Schlomo Rülf“ habe ich das beschlossen. Eigentlich hatte ich den Beschluss schon länger gefasst, einen Film über den Dichter Johannes Kühn endlich anzugehen. Seine Gedichte haben mich schon vor Jahren zu einem 30-Minuten Hörstück inspiriert und auch zu einem kleinen Film im Kulturmagazin des Saarländischen Rundfunks“, erzählt die in Wörschweiler lebende Künstlerin.

Und sie fügt an: „Poesie gehört zu meinem Leben, denn auch das Lied gehört zu meinem Leben, und ein Lied besteht aus Musik und Poesie. So war es mir auch bei diesem Film wieder ein Empfinden, als wäre alles schon immer in mir vorhanden: Welche Farbe hat der Film, welchen Rhythmus, die Auswahl der Gedichte, die Drehorte, alles entwickelte sich im Vorfeld schon ohne bewusstes Suchen nach Ideen, was ja dann schwere Arbeit wäre.“

Der Saarländische Rundfunk habe ihrem Exposé zugestimmt und sie konnte, wie schon in vorherigen Filmen in der Redaktion von Ursula Thilmany-Johannsen (SR-Kulturredakteurin aus Homburg) und mit dem Kameramann Klaus Hennrich diesen Film realisieren. Gabi Bollinger weiter: „Gedreht haben wir im Mai in Hasborn, dem Heimatort des Dichters Johannes Kühn. Und zum wiederholten Male habe ich verstanden, dass man für große Ideen, hier nun für gute Gedichte, nicht die große weite Welt benötigt. Das Dorf Hasborn, die Menschen, die umliegenden bewaldeten Hügel, die Natur, das Dorfgasthaus bieten dem Dichter genug, um zu dichten. So ist ein Film entstanden, der den Dichter in seinem sehr regelmäßigen Tagesablauf begleitet, in Gedichten und mit Weggefährten sein Leben erzählt. Und vor allem, wie ich meine, in lyrischen Bildern den Dichter porträtiert. Und ich hoffe, dass im Rhythmus der Bilder die Wirkung der Gedichte von Johannes Kühn spürbar wird.“

Nach Bollingers Empfinden, erfahren verletzte Herzen durch Kühns Gedichte Trost, denn der Dichter betrachte in klaren Worten das Wesentliche und Elementare des Menschseins - vorurteilsfrei: „Es gibt kein Gut, kein Böse, alles ist, wie es ist. Dieser Gleichmut in den Gedichten von Johannes Kühn mag auch sein Wesen beschreiben, das sollte in den Bildern des Films empfunden und sichtbar werden. Und wie ich meine, ist uns dies gelungen, also meinem Kameramann Klaus Hennrich und mir“.

Dazu komme, dass der Dichter Johannes Kühn etwas Geheimnisvolles habe, „ein Mythos umgibt ihn sozusagen“. Der Poet ist Jahrgang 1934, entstammt einer Bergmannsfamilie mit acht Kindern, er ist der Älteste und schon mit vierzehn Jahren schreibt er Gedichte, versteht sich als Dichter.

Schreiben, weil er ein Dichter ist. Doch schon als junger Poet auf dem Gymnasium erntet Johannes Kühn für seine Verse Spott. Und sein halbes Leben ist er vom Pech verfolgt: Eine schwere Infektionskrankheit hindert ihn, das Abitur abzulegen. Bis 1973 malocht der Lyriker auf dem Bau. Im Dorf und im Gasthaus wird er als armer Versemacher verlacht und verspottet. In den 1980er Jahren ist Johannes Kühns Seele tief verletzt, er stellt das Dichten ein und schweigt, über zehn Jahre. Erst Ende der 1980er Jahre wird er mit dem Lyrikband „Ich Winkelgast“ bekannt. Der verlachte Dichter wird als poetische Überraschung gefeiert.

Jean-Pierre Lefebvre, ein renommierter französischer Literaturwissenschaftler, sagt im Film, „Winkelgast“ - das sei für ihn ein existenzieller Inbegriff der Haltung eines Dichters in der Welt. Michael Krüger, ehemaliger Leiter des Carl-Hanser Verlags und Verleger von Johannes Kühn, bemerkt, dass das Werk von Kühn in der Poesie des 20. Jahrhunderts nicht mehr wegzudenken sei.

Seit 1989 haben seine Freunde und Herausgeber Irmgard und Benno Rech 24 Lyrikbände herausgegeben, der Poet ist preisgekrönt, auch mit dem Friedrich Hölderlin Preis, seine Gedichte sind in neun Sprachen zu lesen, sogar in Japanisch.

Gabi Bollinger gibt einen tiefen Einblick in ihre Seele, wenn sie sagt: „Der Dichter aus dem Dorf, wie er oft genannt wird, ist ein Poet, der tatsächlich schwieg, bis sein Wort von den Menschen verstanden wurde. Dieser Mythos umgibt ihn heute noch. Für mich ist er ein Souverän, aber einer, der nicht anklagt und nicht jubelt, sondern einer, der gütig mit allen Bosheiten der Welt umgeht, jemand, der nichts erwartet, sich nicht herausstellt, sondern der allen Widrigkeiten begegnet, der viel spazieren geht und einfach jeden Tag drei Gedichte schreibt und damit zufrieden ist.“

Und immer gebe es ein Geschenk, das einem die Künstler machten, wenn man sie etwas besser kennen lerne, zum Beispiel durch so einen Film, sagt Gaby Bollinger. Das Geschenk sei die Erkenntnis: Lasse alles auf dich wirken, prüfe und beobachte deine Gedanken und inneren Zustände, dann unterscheide nach deinem Maßstab und gehe immer weiter, immer weiter.“

Preview des Films ist am Donnerstag, 29. November, 19 Uhr, Kulturhalle Hasborn. Nach dem Film findet ein Podiumsgespräch mit der Filmemacherin, den Herausgebern und dem Dichter statt. Die Veranstaltung ist öffentlich, Eintritt frei. Der Sendetermin des Films im Saarländischen Rundfunk ist am 6. Januar 2019, 18.45 Uhr.

Gabi Bollinger hat einen neuen Film gedreht.
Gabi Bollinger hat einen neuen Film gedreht. FOTO: Iris Maurer