| 20:15 Uhr

Sieben letzte Worte
Das Leiden Jesu in der Musik verspüren

Vsevolod Starko, Nadine Kiefer, Horst Riller und Gregor Berg (von links) gestalteten  in der Einöder Apostelkirche erneut mit Haydns Werk „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“.
Vsevolod Starko, Nadine Kiefer, Horst Riller und Gregor Berg (von links) gestalteten in der Einöder Apostelkirche erneut mit Haydns Werk „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“. FOTO: Thorsten Wolf
Einöd. Zum Karfreitag spielte der Kammermusiktreff Einöd in der Apostelkirche Haydns „Sieben letzten Worte“. Von Thorsten Wolf

Das soeben begangene Osterfest ist ein kirchliches Hochfest, für nicht wenige Menschen bedeutsamer als Weihnachten. Und gerade der Karfreitag hat da eine ganz besondere Bedeutung, gilt es doch, in angemessener Weise an den Tod Jesu Christ am Kreuz zu erinnern. Welchen Wert dieser Tag auch in der weltlichen Gesellschaft hat, verdeutlichen nicht zuletzt auch die Feiertags-Restriktionen, die die Bedeutung des Karfreitags weit über die Kirche hinaus betonen.


In der Einöder Apostelkirche begeht man diesen Tag seit nunmehr 20 Jahren auf eine ganz besondere Art und Weise: Der Kammermusiktreff Einöd um Horst Riller, gespeist von Musikerinnen und Musikern des Homburger Sinfonieorchesters, gibt Joseph Haydns „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“, immer in einer fast völlig abgedunkelten Kirche, immer bei fast völliger Stille der Konzertbesucher. Ohne Zweifel: Riller und seinen mit den Jahren wechselnden Mitmusikern ist es gelungen, dem Karfreitag in Einöd eine ganz besondere Würdigung wiederfahren zu lassen. Doch was ist sie nun, dieser Nacht der Einkehr in der Apostelkirche?

Ein Konzert oder ein spiritueller Moment? Noch vor dem ersten Ton der Einführung des insgesamt neun Teile umfassenden Werks machten sowohl Riller als auch Pfarrerin Heide Salm deutlich: beides! „Es ist ein Mediationskonzert, ein äußerst schwieriges, das uns sehr anstrengt“, beleuchtete Riller den Abend aus der Sicht eines erfahrenen Musikers. „Obwohl wir es insgesamt schon mehr als 20 Mal gespielt haben, ist es jedes Mal für uns ein Erlebnis.“

Den Begriff des „Erlebnis“ griff auch Heide Salm auf, ein solches sei es eben auch für die Zuhörer „und für mich. Und das, obwohl es ein jedes Mal ja eigentlich das selbe ist“. Ein Wort, das Salm am vergangenen Freitag, trotz der hohen Güte von Musik und Musikern, mied, war „Genuss“. Dies passe schlicht nicht zum Anlass des Karfreitag. „Es geht darum, das Sterben, das Leiden und den Schmerz Jesu noch einmal musikalisch in einer sehr bewegenden Art aufzunehmen.“ So hätten Sterben, Leiden und Schmerz am Karfreitag ihren ureigenen Raum.

Doch besteht nicht die Gefahr, bei nunmehr schon 20 Aufführungen von Haydns Werk in Routine zu verfallen? Riller: „Da gibt es keine Routine! Das ist so transparent geschrieben, wir müssen hochkonzentriert sein, da kommt keine Routine auf. Zudem spielen wir es jedes Mal auch ein bisschen anders. Zudem hatten wir in der Vergangenheit immer wieder wechselnde Musiker, auch das bringt immer wieder Abwechslung.“ Rein musikalisch bestehe bei Haydns Komposition eine weitere Herausforderung in den von Satz zu Satz wechselnden Tonarten, „das ist sehr schwer für uns“. In der Summe, wie Gregor Berg (Violoncello) skizzierte, bestehe die Herausforderung im großen Facetten- und Abwechslungsreichtum des Stückes, „obwohl alle Sätze, mit Ausnahme des Letzten, sehr getragen sind“. Dem hohen Anspruch und den Anforderungen des Werkes wurden Horst Riller an der Viola, Vsevolod Starko an der ersten Geige, Nadine Kiefer an der zweiten Geige und Gregor Berg am Violoncello wie in den zurückliegenden Jahren mehr als gerecht – wie immer von den sieben letzten Worten getragen, rezitiert von Pfarrein Heide Salm.



In diesem Zusammenspiel wurde der Karfreitagabend in der Einöder Apostelkirche wieder zu eben dem Mehrklang, den Zuhörer weit über Einöd hinaus in der vergangegen 20 Jahren schätzen gelernt haben, ein Mehrklang im Einklang mit der Würde des Karfreitags. Mit der 20. Aufführung von Haydns „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“ am vergangenen Freitag endete Wohl auch eine Epoche. Initiator Horst Riller wird sich, wie er selbst im Programm zum Konzert mitteilte, altersbedingt zurückziehen. Ein Ende für den ganz besonderen Karfreitag in Einöd muss dies aber wohl nicht zwangläufig bedeuten. „Jüngere Mitmusiker des Homburger Sinfonieorchesters stehen bereit, um diese Tradition fortzusetzen.“