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Die Tollkirschen
Als Frau kann man auch mal schroo sein

Die Tollkirschen sitzen alle in einem Boot. Und um ein Boot, genauer: ein Kreuzfahrtschiff, geht es am 9. März im Homburger Saalbau.
Die Tollkirschen sitzen alle in einem Boot. Und um ein Boot, genauer: ein Kreuzfahrtschiff, geht es am 9. März im Homburger Saalbau. FOTO: Reiner Albrecht
Saarbrücken/Homburg. Heidemarie Müller war die Protokollchefin der Landesregierung und hat sogar ein Benimmbuch geschrieben. Jetzt liebt sie das Kabarett. Von Christine Maack

Wer Heidemarie Müller im Beruf erlebt hat, weiß, dass sie das verkörpert, was man eine Dame nennt. Eine unerschrockene, selbstbewusste, akzentfrei hochdeutsch sprechende Protokollchefin der saarländischen Landesregierung. Sie organisierte Empfänge, Konferenzen, Ordensverleihungen, Fest- und Staatsakte, Botschafter- und Staatsbesuche.


Seit 2011 ist sie im Ruhestand, was eine völlig falsche Bezeichnung ist, denn Heidemarie Müller hat sich weder zur Ruhe gesetzt noch verändert. Sie ist nach wie vor eine unerschrockene, selbstbewusste Dame, die jetzt Seminare veranstaltet, Vorträge hält – und sogar Kabarett macht.

Die Saarbrückerin erlaubt es sich, im vertrauten Kreis platt zu schwätzen und viel zu lachen. Das kommt auch daher, dass sie seit fünf Jahren Mitglied der Frauen-Kabarettgruppe „Die Tollkirschen“ ist, in der ohnehin viel gelacht wird.

Wie kommt man als stets gesetzt auftretende Protokollchefin zu einer Kabarettgruppe? „Humor habe ich schon immer gehabt“, sagt Heidemarie Müller.

Jetzt kann sie sich den Luxus erlauben, den Humor ganz privat einzusetzen. „Wenn wir Tollkirschen uns zu den Proben treffen, lachen wir erst mal mindestens eine Stunde, denn unser Alltag ist im Grunde so absurd, dass es immer viel Anlass zu Gelächter gibt.“



Aus diesen fröhlichen Gesprächen entstehen oft die besten Themen für Sketche oder Liedtexte. In einer Werbeagentur würde man dies Brainstorming nennen. Aber nicht in Altheim, dem kleinen Ort im Bliesgau, in dem die Kabarett-Damen in der ehemaligen Grundschule einen geeigneten Proberaum gefunden haben. Hier nennt man Brainstorming: „Mir vazehle moh“. So entstand auch das Thema „Kreuzfahrtschiff“ unter dem Titel „Angetörnt und abgefahr’n“.

Die Tollkirschen – das sind zunächst einmal sieben Frauen über 40, die in ganz unterschiedlichen Berufen tätig sind, sie kommen aus dem kaufmännischen, dem medizinischen und dem pädagogischen Bereich, sie haben alle mit vielen Menschen zu tun und erleben, jede auf ihre Art, ihre eigenen Fettnäpfchen und die der anderen.

Sie heißen Walburga, Steffi, Marliese, Christel, Tanja, Margit und Heidi. Wie man schon an den Namen erkennen kann, sind sie bodenständig und stammen größtenteils aus dem Saarpfalz-Kreis – aus Altheim und Reinheim. Zwei kommen von etwas weiter her, aus Urexweiler und Saarbrücken – das ist Heidemarie Müller, genannt Heidi.

Eigentlich hatte sie zuvor keine Beziehung zum Theater oder zum Kabarett: „Ich sang in einem Chor. Schon da gefielen mir immer die choreografischen Einlagen am besten.“ Als sie dann die Tollkirschen mal in Aktion erlebt hatte, „entstand in mir der Wunsch, hier mitzumachen. Obwohl ich nicht viel zu bieten hatte“.

Als Einstieg sang Heidemarie ein selbst getextetes Lied, das bei den bühnenerfahrenen Tollkirschen prima ankam: „Mach weiter so, das ist toll“, sei sie ermutigt worden. Und dann sei sie ins kalte Wasser gesprungen und habe „einfach mitgemacht“. Anfangs mit Vorbehalten, „denn die Kolleginnen sind einfach so gut und professionell, das hätte ich mir niemals zugetraut“.

Bis heute gehöre sie nicht „zu den Top-Darstellerinnen“, sie kümmere sich stattdessen sehr viel um die Organisation, „ich denke, das ist auch im Sinne meiner Kolleginnen“. Heidemarie Müller liebt die gute Stimmung innerhalb der Gruppe, die verschiedenen Welten, aus denen die Darstellerinnen kommen. „Wir sind alle sehr unterschiedlich, aber wir verstehen uns hervorragend“.

Man treffe sich regelmäßig jeden Mittwoch in Altheim, was nicht immer einfach ist, denn bis auf Heidi sind alle beruflich noch sehr eingespannt. Deshalb schaffen es die Tollkirschen nicht, mehr als acht Auftritte im Jahr hinzulegen. Es sei einfach zu kompliziert, sieben Hobby-Kabarettistinnen terminlich ständig auf Linie zu bringen. Deshalb gibt es auch abgespeckte Programme und Sketche, die von drei oder vier Darstellerinnen gespielt werden können.

Für das Stück „Angetörnt und abgefahr’n“, das schräge Geschichten auf einem Kreuzfahrtschiff zum Thema hat, sind am 9. März in Homburg allerdings alle sieben Tollkirschen-Damen an Bord. Angetörnt  von der Vorstellung, an Bord des Luxuskreuzers „Cala Mares“ das große Glück zu finden, nehmen die sieben Kabarettistinnen Fahrt auf. Die Idee, die Tollkirschen mit diesem Stück zum Internationalen Frauentag einzuladen, kam von der Homburger Frauenbeauftragten Anke Michalsky.

Am Schluss wollten wir von Heidemarie Müller wissen, warum auch bundesweit vergleichsweise wenig Frauen im Kabarett zu finden seien. „Ich denke, es liegt daran, dass man Mut zur Hässlichkeit haben muss. Man muss im Kabarett oft auch einen fiesen Charakter darstellen, sich bewusst blöder machen als man ist oder sich auch selbst mal in die Pfanne hauen. Dazu sind Frauen nicht erzogen worden. Das fällt ihnen schwer.“

Übrigens gibt es für die Tollkirschen ganz klar eine rote Linie: „Wir machen nichts, was unter die Gürtellinie geht“. Sie selbst sei da zwar eher liberal, sagt Heidemarie Müller, „aber wir haben einen festen Grundsatz innerhalb der Gruppe: Sobald eine von uns findet, dieser oder jener Witz könnte nicht gut ankommen oder falsch verstanden werden, dann wird er gestrichen.“

Die Texte für das nächste Stück werden gerade verfasst. Premiere wird 2019 sein. So viel sei verraten: Es geht um das ergiebige Thema Schule.

Mit der SZ sprach Heidemarie Müller über ihre Arbeit als Kabarettistin.
Mit der SZ sprach Heidemarie Müller über ihre Arbeit als Kabarettistin. FOTO: Christine Maack
Die Frauenkabarettgruppe „Die Tollkirschen“. Hier führen sie das Stück „Beim Friseur“ auf. Es kam vor dem Kreuzfahrt-Thema.  
Die Frauenkabarettgruppe „Die Tollkirschen“. Hier führen sie das Stück „Beim Friseur“ auf. Es kam vor dem Kreuzfahrt-Thema.   FOTO: Abdruck nur mit Genehmigung / Picasa