| 20:10 Uhr

Jahresausstellung
Die rote Linie wurde zum roten Faden

Eine kleine Vorpremiere der beiden Aufführungen von „Der leere Bilderrahmen“ am kommenden Wochenende bildete den Abschluss der Vernissage der Jahreausstellung.
Eine kleine Vorpremiere der beiden Aufführungen von „Der leere Bilderrahmen“ am kommenden Wochenende bildete den Abschluss der Vernissage der Jahreausstellung. FOTO: Thorsten Wolf
Homburg. Unter dem Titel „Rote Linien“ stellen in Homburg jetzt 33 Künstlerinnen und Künstler aus der Region ihre Werke aus. Von Thorsten Wolf

Wer beim nicht immer ganz sattelfesten Online-Wissensportal „Wikipedia“ nach dem Begriff „Rote Linie“ sucht, der bekommt gleich mehr als eine Handvoll Querverweise. So stehe dieser Begriff für Bahnlinien, einen Ort in den USA, eine Band und auch für mehr als einen Filmtitel. Ganz unten in der vielteiligen Auflistung findet sich dann aber die Definition, die wohl den meisten ein Begriff sein dürfte: „In der Politik, vor allem im Plural und in Verbindung mit ‚Überschreitung‘: ein gesellschaftlich-politisches Tabu“.


Was muss und darf man nun von einer Jahresaustellung der Homburger Künstler, eröffnet am Montagabend in der Galerie im Homburger Kulturzentrum Saalbau, erwarten, die den Titel „Rote Linien“ trägt? Tatsächlich mal nicht das Überschreiten selbiger, Tabubrüche sind in den Arbeiten der insgesamt 33 Künstlerinnen und Künstler nicht zu sehen. Das macht die Schau aber nicht weniger sehenswert, schafft es die Ausstellung doch, den Begriff der „Roten Linie“ in ganz vielschichtiger Art und Weise in seiner Bedeutung weitergreifend zu definieren und ihm so auch seinen krisenhaften Beigeschmack zu nehmen.

Nichts desto trotz beliehen Homburgs Oberbürgermeister Rüdiger Schneidewind und Françoise Mathis-Sandmaier als Kuratorin der Jahresausstellung natürlich auch eben diese krisenhafte Bedeutung der „Roten Linie“ in ihren Einführungen. So könne man diesen Begriff auf jeden Lebensbereich übertragen, war sich Schneidewind sicher. „Deswegen finde ich es auch so spannend, was die einzelnen Künstlerinnen und Künstler daraus gemacht haben. ‚Rote Linien‘ erlebt man von Klein auf, man bekommt sie von den Eltern aufgezeigt und muss sie vielleicht auch im Großwerden überschreiten, damit man groß wird. Rote Linien“, so Schneidewind weiter, „wären heute auch in der einen oder anderen Diskussion, vor allem in den so genannten sozialen Netzwerken notwendig.“ Grundsätzlich seien „Rote Linien“ im Alltag allgegenwärtig, „ob man sich sie selbst setzt, ob man sie gesetzt bekommt“. Die sei das Spannende beim diesjährigen Thema der Jahresausstellung Homburger Künstler.



Françoise Mathis-Sandmaier beleuchtetet aus künstlerischer Sicht die Arbeiten der Künstlerinnen und Künstler – und führte in guter Tradition Werk für Werk in die Ausstellung ein. Den einzelnen Würdigungen von Künstler und Arbeit stellte sie, wie schon zuvor Rüdiger Schneidewind, grundsätzliche Einschätzungen voran. „Für gewöhnlich bekommen wir sie nie zu sehen, in der Galerie im Saalbau aber sind sie in den nächsten drei Wochen sichtbar: die viel beschworenen ‚Roten Linien‘ – und hier von 33 Homburger Künstlerinnen und Künstlern ganz individuell interpretiert und gestaltet. Die Vielfalt der Erscheinung der ‚Roten Linie‘ schlägt sich in fast 40 Exponaten nieder, es ist einfach überwältigend.“ So lege die Jahreausstellung 2018 ein einzigartiges und hochwertiges Zeugnis technischer Vielseitigkeit und beeindruckender Kreativität ab.

Doch warum zögen sich die „Rote Linie“ nun als roter Faden durch die Jahresausstellung? Diese in Richtung des außergewöhnlich zahlreichen Publikums gestellte und mehr rhetorische Frage beantwortete Françoise Mathis-Sandmaier so: „Wie Kenner der Jahresausstellung wissen, steht diese immer unter einem alljährlich wechselndem Motto, das den Kunstschaffenden Interpretationsfreiraum gewährt, das aber auch Aspekte der jeweiligen Aktualität einbezieht.“ Den Stein ins Rollen für den diejährigen Titel, so Mathis-Sandmaier, hätten Anfang des Jahres die Medien gebracht, „etwa im Zusammenhang mit der ‚Me-too‘-Bewegung und auch im Vorfeld von politischen Debatten – erst im Vorfeld der Jamaika- und dann der großen Koalition. Oder auch im Zuammenhang mit Gewalt an Schulen und in der Gesellschaft.“ Plötzlich seien die „Roten Linien“ in aller Munde gewesen. An dieser Stelle gab Mathis-Sandmaier einige Definitionsgrundlagen für das diesjährige Motto – und schlug dann den Bogen zu den 33 Künstlerinnen und Künstlern und ihren fast 40 Werken, die die Kuratorin als „facettenreiche und bemerkenswert“ einordnete.

Nun waren es aber nicht nur die „klassischen Künstler“, die der Vernissage der Jahresausstellung am Montag ihren Stempel aufdrückten: Als Vorpremiere des Tanztheaterstücks „Der leere Bilderrahmen“ am kommenden Samstag und Sonntag im Saalbau gaben Tänzerinnen einen Einblick in das von Lisa Merscher konzipierte Werk.