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Blieskastel
Jetzt slammen sie wie die Profis

Zoe Kießling (rechts) und Natalie Hans präsentieren in der Bliesgaufesthalle ihren Text, den sie beim Poetry-Slam-Workshop erarbeitet haben.
Zoe Kießling (rechts) und Natalie Hans präsentieren in der Bliesgaufesthalle ihren Text, den sie beim Poetry-Slam-Workshop erarbeitet haben. FOTO: Jörg Martin
Blieskastel. Mit einem Bühnenauftritt in der Bliesgaufesthalle endete für sieben Nachwuchsdichter ein Poetry Slam-Workshop in Spohns Haus. Von Jörg Martin

Sonntagabend im Foyer der Bliesgaufesthalle. In den Besucherreihen sitzt, bis auf einige wenige Erwachsene, eine überschaubare Anzahl an Jugendlichen. Auch auf der Bühne dominiert das Alter von unter 25 Jahren. Sie treten nacheinander auf und tragen ihre Texte vor, die sie in den Händen halten.


Blieskastel scheint seinen ersten Dichterwettstreit zu haben. Auf Neudeutsch sagt man auch Poetry Slam dazu. Fast, denn das Ganze läuft sozusagen außer Konkurrenz. Die sieben Teilnehmer haben das Wochenende über an einem Workshop teilgenommen, den die Protestantische Jugendzentrale Homburg, das Jugendamt des Saarpfalz-Kreises, die Stadtjugendpflege Blieskastel und das Adolf-Bender-Zentrum St. Wendel im Gersheimer Spohn’s Haus veranstaltet haben. Und alles ist Teil des Bundesprogramms „Demokratie Leben!“ vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

In der Barockstadt präsentierten die Nachwuchs-Dichter ihre Abschlussergebnisse. Koordiniert von Fabian Müller (Adolf-Bender-Zentrum) und dem Poetry-Slammer Noah Klaus konnte man unter dem Titel „Mach den Mund auf“ erleben, was der Jugend momentan unter den Nägeln brennt. Klaus wies zunächst auf die Regeln hin: Der Poet wird nicht ausgebuht. Die Texte sind selbst geschrieben, es werden keine Requisiten verwendet. Singen ist tabu und der Vortrag dauert nicht länger als fünf Minuten. Für fast alle war es das erste Mal, dass sie auf einer Bühne standen und live vor Menschen ihr Werk vortrugen.



Deshalb übernahm Noah Klaus, der den Abend moderierte, auch die Eisbrecher-Funktion. Er steuert das Werk „Das werdet ihr heute nicht klären“ bei. Der Text ist ein Brief aus der Sicht eines Afrikaners an die liebe westliche Welt. Dabei zeigt der Dichter die Widersprüche des Systems in Europa auf und hält uns Menschen den Spiegel vor.

„Die Leiden des jungen Zeitungsausträgers“, hatte die Blieskastelerin Sabrina Fromm ihr Werk betitelt. Es handelt davon, dass ihr ungepflegte, halbnackte Leute mit Chips-Resten im Bauchnabel die Tür öffnen. Zoe Kießling aus Homburg und Natalie Hans aus Bexbach traten als Team auf und verarbeiteten unter „Selbsthilfegruppe Kinderbetreuung“ ihre Erlebnisse bei einer Ferienfreizeit. Man hätte auch „guter Bulle (Natalie) und böser Bulle (Zoe)“ sagen können. Ihr Resümee: Die Kinder Kinder sein lassen! „Eine Welt ohne Geld“ stellte sich Alexandra Wendel aus Blieskastel vor und machte den mehrfachen Handy-Kauf einer Mitschülerin innerhalb von wenigen Tagen zum Thema. Werte sind wichtiger als sich über Materielles zu definieren, so die Schülerin. Recht selbstsicher und routiniert gab sich der Pirmasenser David Kölsch, der sich mit gekonnten Wortspielen und Reimen poetisch unter anderem den Themen Träumen und Liebe widmete. Andy Eller stellte die Neigung Erwachsener, wissenschaftliche Antworten auf Kinderfragen nach dem „Warum?“ zu geben, gegenüber. Wieso kostet ein Damenrasierer, nur weil er rosa ist, mehr als der Gleiche blaue für die Männer? Gute Frage. Der Frankfurter Eller wurde von einem Freund zur Teilnahme am Workshop überredet. Er glaubte, nach Bad Homburg zu fahren und hatte das Ganze mit „bei Homburg“ verwechselt. Rebecca Mohr aus Pirmasens findet, dass in den Nachrichten zu viele Zahlen und zu wenige Menschen vorkommen. „Wir sind“ heißt ihr Text, in dem sie Menschen aus verschiedenen Krisenländern zu Wort kommen lässt. Sie brennt für das Thema. So findet sich ihr ehrenamtliches Engagement in der Flüchtlingshilfe auch in ihrem Werk wieder.

Noah Klaus schloss den Abend mit „Ich war schon mal Diktator“ ab. Mit ironischem Sing-Sang-Unterton imitierte er mit viel Fingerspitzengefühl Adolf Hitler. Allerdings so, dass es geschmackvoll und lustig war. „Ab 22 Uhr wird zurückgedichtet“, denn die Duden-Endlösung steht bevor, ehe er sich mit einer Druckerpatrone erschoss.

Beim Workshop in Gersheim nahmen Teilnehmer im Alter von 16 bis 22 teil. Mit Noah Klaus fanden sie nicht nur Themen, sondern konnten auch im Europäischen Kulturpark Bliesbruck-Reinheim im Freien Bühnen- und Lockerungsübungen machen. „Die Leute lassen sich leicht auf die Methoden ein. Es ist vielfältig“, sagt Workshop-Leiter Fabian Müller im Gespräch mit der SZ.

Die Teilnehmer kannten sich vorher als Gruppe nicht und mussten sich erst finden. So lernte jeder von jedem. Rebecca Mohr fand den Weg zum Slammen über die Schule, ist schon mal aufgetreten und hatte vorher schon einiges geschrieben. „Meine Schlagworte am Textanfang sind nicht verhandelbar“, stellte sie unmissverständlich klar.

„Ich dachte, das möchte ich mal ausprobieren“, erklärte David Kölsch. Schreiben konnte er vorher schon. Doch ihm fehlten bisher die Ansätze. Hilfe bekam er jetzt von Noah Klaus auch für die Themen- und Konzeptfindung. Und er weiß nun, auf welche Details er achten muss. Denn Kölsch schreibt gerne in Versform, die Königsdisziplin der Slammer. Und in der will er gut werden.