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Weniger Gemeinschaftsschüler

Zu den Stärken der Gemeinschaftsschulen zählen auch praktische Arbeiten im Unterricht und die Nähe zur Berufsausbildung. Foto: Hermann Jenal
Zu den Stärken der Gemeinschaftsschulen zählen auch praktische Arbeiten im Unterricht und die Nähe zur Berufsausbildung. Foto: Hermann Jenal FOTO: Hermann Jenal
Homburg/Bexbach/Limbach. Auch in diesem Jahr ist der Trend eindeutig: Nur 236 Kinder werden im Raum Homburg, Bexbach und Kirkel zu einer Gemeinschaftsschule überwechseln. Das sind fast 100 Kinder weniger als die drei Homburger Gymnasien zusammen für sich verbuchen. Eine Entwicklung, die bei manchen Lehrkräften mit Skepsis aufgenommen wird. Christine Maack

Es gibt Kinder, die lernen schnell, andere brauchen etwas mehr Zeit. "Eltern sollten sich mit der Entscheidung, ob ihr Kind aufs Gymnasium gehen soll, nicht unter Druck setzen lassen", betont Barbara Neumann, die Leiterin der Robert-Bosch-Gemeinschaftsschule in Homburg.

Sie sieht es mit Skepsis, dass in diesem Jahr insgesamt 324 Kinder auf ein Homburger Gymnasium wechseln, aber nur 236 auf eine der vier Gemeinschaftsschulen (Robert-Bosch, Sandrennbahn, Limbach und Galileo-Schule in Bexbach ).

In erster Linie solle Lernen Spaß machen, nicht irgendeinen Ehrgeiz befriedigen: "Die Kinder müssen von sich aus an neuen Dingen Interesse zeigen. Es nützt nichts, ihnen etwas aufzubürden, was sie nicht wollen. Manche Kinder brauchen mehr Zeit, die soll man ihnen geben." Seit knapp drei Jahren verfolgen Barbara Neumann und ihr Kollegium ein außergewöhnliches Unterrichtskonzept, das Selbstständig Organisierte Lernen (SOL). "Beim Tag der offenen Tür konnten sich die Eltern davon überzeugen", betont die Schulleiterin. 59 Anmeldungen sind an der Robert-Bosch-Schule eingegangen, das entspricht drei Klassen. An der Gemeinschaftsschule an der Sandrennbahn haben sich 54 Kinder angemeldet, "27 für die Ganztags-, 27 für die Halbtagsklasse", erklärt Schulleiterin Sabine Bleyer.

Sie wird allerdings nur zwei Eingangsklassen bekommen, denn "ich habe einen ganzen Schwung Kinder erst im letzten Moment bekommen, als die offizielle Frist eigentlich schon vorbei war", erklärt sie. Da hatte Sabine Bleyer bereits die ursprünglich geringere Schülerzahl ans Kultusministerium gemeldet, "jetzt bleibt es eben bei nur zwei Klassen, aber das kriegen wir schon hin".

Sie freut sich aufs kommende Schuljahr: "Die Kinder haben tolle Möglichkeiten bei uns, vor allem in der schönen neuen Turnhalle." Die Gemeinschaftsschule Kirkel am Standort Limbach hat in diesem Jahr 36 Anmeldungen bekommen, das ist im Rahmen des Gewohnten: "Wir schwanken immer um die Zahl 40. Mal sind es über 40 Kinder, mal liegt die Anzahl knapp darunter", sagt Schulleiterin Ursula Luckscheiter. Sie bekommt, wie auch in den Jahren davor, "zwei stabile Klassen, damit sind wir zufrieden".

Das größte Stück vom Gemeinschaftsschulen-Kuchen bekam in diesem Jahr wieder die Galileo-Schule in Bexbach ab. "Wir haben 87 Anmeldungen", erklärt Schulleiterin Gaby Schwartz, "das ist ein schöner Erfolg. Aber bei 87 Kindern ist für uns Schluss, mehr können wir nicht aufnehmen". Den Grund für den guten Zuspruch sieht sie in den Beratungsgesprächen, aber auch die Tage der offenen Tür hätten zu dem Erfolg beigetragen: "Die Kinder wollten von sich aus unbedingt zu uns kommen, nachdem sie bei uns zu Gast waren." Die Galileo-Schule bekommt im neuen Schuljahr nun drei "ganz volle Klassen".



Meinung:

Kein falscher Ehrgeiz

Von SZ-Redakteurin Christine Maack

Jedes Jahr bevorzugen mehr Eltern für ihre Kinder das Gymnasium als weiterführende Schule: 324 Gymnasiasten gegenüber 236 Gemeinschaftsschülern - ist das wirklich ein wünschenswertes Zahlenverhältnis? Doch wer wollte es den Eltern verdenken, dass sie nach dem Wegfall der Empfehlung für ihre Kinder verstärkt das Gymnasium ansteuern? Alle wollen doch immer nur das Beste für den Nachwuchs.

Damit ist das Gymnasium von einer ehemals "höheren Bildungsanstalt" zu einer "Schule für alle" geworden. Diese Entwicklung setzt sich nach dem Abitur fort: Einerseits sind Lehrstellen, für die früher die mittlere Reife oder ein guter Hauptschulabschluss vollkommen ausreichten, nur noch mit Abitur zu bekommen. Andererseits bieten Hochschulen "Studienfächer" an, die früher ganz normale Lehrberufe waren, zum Beispiel "Tourismusmanagement", "Fernsehwissenschaft" oder "Logistik- und Speditionsmanagement". Diese Berufe hießen früher Tourismuskaufmann/frau, Fernsehtechniker/in und Speditionskaufmann/frau - und die Azubis waren nach drei Jahren in der Regel topfit in ihrem Job, auch ohne Abitur und Studium.

Mit einer Pseudoakademisierung unserer Ausbildungs- und Arbeitswelt befinden wir uns auf dem gleichen Holzweg wie unsere Nachbarländer. In Frankreich haben über 80 Prozent der Jugendlichen ein Abitur. Doch was nützt das? Die Jugendarbeitslosigkeit liegt dennoch bei 25 Prozent - weil es kaum noch eine ordentliche Berufsausbildung gibt. Stattdessen zieht man dort fast nur noch "Akademiker" heran, die ,,irgendwas" studieren, nach etlichen Jahren abbrechen und dann ohne Beruf dastehen.