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„Brief aus Afrika“
Ein „Stundenplan“ für den Kindergarten

Zur Weihnachtsfeier im Kindergarten kamen alle festlich gekleidet.
Zur Weihnachtsfeier im Kindergarten kamen alle festlich gekleidet. FOTO: Zoe Roos
Zoe Roos aus Bexbach absolviert ein Freiwilliges Soziales Jahr in Dakar im Senegal. Inzwischen ist sie bereits über vier Monate dort, und arbeitet im Kindergarten Sekar Wangi im Stadtteil Patte d’Or. Dort lebt auch die Gastfamilie, so dass sie sozusagen „Familienanschluss“ hat. Von Jennifer Klein

Mittlerweile habe sie sich recht gut eingelebt, schreibt Zoe Roos in ihrer E-Mail  – „ich verstehe mich bis auf einige Missverständnisse sehr gut mit meiner Familie, fühle mich mittlerweile als Teil aufgenommen und akzeptiert“. Sowohl an das Klima als auch an die zunächst ungewohnte Küche habe sie sich gewöhnt. Inzwischen ist es auch im Senegal „Winter“, nachts kann es doch ziemlich kalt werden. „Ich hätte niemals gedacht, dass man bei 20 Grad frieren kann, aber das tun wir hier alle . . . Erst gewöhnt man sich an die Hitze, und dann kommt die Kälte“.


 Nach anfänglichen Verzögerungen habe sie zwischenzeitlich mit der Arbeit im Kindergarten anfangen können, wo es teils ganz schön laut und lebendig zugehe. „Ich arbeite mittlerweile mit zwei senegalesischen Freiwilligen (25 Jahre und 30 Jahre). Beide sind ehrenamtlich tätige Senegalesen, die mich jeweils für einige Wochen beziehungsweise Monate unterstützen. Dies ist insbesondere aufgrund der Sprachschwierigkeiten hilfreich, da die Kinder (bis auf ein Mädchen) kein Französisch, sondern nur die landeseigene Sprache Wolof sprechen. Ich gebe mir große Mühe ausdauernd diese Sprache zu lernen, so dass mittlerweile eine halbwegs gelingende Kommunikation möglich ist.“

Mit dem Schrecken davon kamen alle Beteiligten gleich am ersten Tag bei einem „Missverständnis“, eben aufgrund der Sprachschwierigkeiten, als ein Kind einfach mit den anderen Kindern mit nach Hause lief, obwohl es eigentlich auf seine Mutter hätte warten sollen. Nach einer längeren Suchaktion stellte sich heraus, dass das Mädchen sich verlaufen hatte, zum Glück aber von einem Passanten zu ihrem Vater auf die Arbeit gebracht worden war – an diese Adresse hatte sich die Kleine noch erinnert. „Seither achte ich penibel darauf, dass kein Kind ohne Begleitung nach Hause geht“, betont Zoe.



Der Anfang war ein Sprung ins kalte Wasser: „Weder die Freiwilligen noch ich haben vorher einen Kindergarten eigenverantwortlich geleitet, so dass es zwangsläufig zu Anfangsschwierigkeiten mit dem Ablauf und den Programmideen kam.“

Bei der Weihnachtsfeier im Kindergarten.
Bei der Weihnachtsfeier im Kindergarten. FOTO: Zoe Roos

Das anfängliche Gefühl, mit der Verantwortung allein gelassen zu sein, wich jedoch bald dem Willen, sich der Herausforderung zu stellen und sie schließlich auch zu meistern, „sodass ich mit Stolz sagen kann: „Wir leiten selbstständig und mit großer Freude einen Kindergarten“.

Sie entwickelten einen Tagesablauf und ein Programm: „Natürlich hat mein Gastvater, der ursprüngliche Gründer des Kindergartens uns unterstützt, indem er uns alte Stundenpläne und Programmideen  ausdruckte, mit deren Hilfe sowie unseren eigenen Recherchen und Ideensammlungen – unter anderem über meine ehemaligen Erzieherinnen aus dem Waldorfkindergarten in Bexbach – stellten wir unseren „Stundenplan mit festen Ritualen“ zusammen.“

Zuerst sei es  befremdlich gewesen, einen Stundenplan für einen Kindergarten zu schreiben, aber es stellte sich heraus, dass dieser doch sehr nützlich war.

Mittlerweile hat die Bexbacherin vor Ort auch Freunde gefunden, mit denen sie sich regelmäßig trifft.
Mittlerweile hat die Bexbacherin vor Ort auch Freunde gefunden, mit denen sie sich regelmäßig trifft. FOTO: Zoe Roos

Der Kindergarten, wo sich das Leben in der Hauptsache draußen abspielt, befindet sich im Hof der Gastfamilie; Beginn ist um 8 Uhr, Ende um 12 Uhr. Anschließend  muss der Hof gekehrt und alles aufgeräumt werden und es folgt ein fachlicher Austausch beziehungsweise die Vorbesprechung des Folgetages mit den beiden Freiwilligen. 
„Wir malen und handwerken  täglich mit den Kids; es gibt einen festen Sporttag pro Woche, welcher besonders beliebt ist. Dienstags ist unser „Ausgangstag mit praktischen Lernimpulsen“, wir gehen  alle zusammen in den Ort, besichtigen zum Beispiel mal eine Schneiderei, Gärtnerei oder Tischlerei.

Am Ende der Woche, also freitags, haben wir „Küchentag“, an dem wir gemeinsam etwas kochen oder zubereiten, das kann auch mal „nur“ ein Saft sein. Beliebt ist der hier „Jus de Bissap“ aus Hibiskusblütensud, Zucker und Minze. Außerdem tragen freitags alle Kinder und auch Erzieher traditionelle Kleidung, da im Islam der Freitag wie im Christentum der Sonntag ist und alle Männer in die Moschee gehen.

Zoe Roos Bexbach Dakar senegal
Zoe Roos Bexbach Dakar senegal FOTO: Zoe Roos

Die christlichen Feste werden im Senegal auch teilweise gefeiert, jedoch natürlich nicht mit Deutschland zu vergleichen. Zu Weihnachten beispielsweise wurden Mandalas mit Tannenbaummotiv gemalt, Girlanden gebastelt und alles geschmückt. Am letzten Tag vor den Weihnachtsferien wurde gefeiert, jeder kam festlich gekleidet, alle bekamen Masken, es wurde viel getanzt und gemeinsam gegessen. Wir machten Crèpes, die zunächst  mit Skepsis betrachtet wurden, da viele Kinder noch nie in ihrem Leben etwas ähnliches gegessen hatten, dank der Schokofüllung wurden sie aber doch größtenteils mit großer Begeisterung verschlungen.“

Nach der Arbeit im Kindergarten steht neben alltäglichen Arbeiten im Haushalt wie Abwasch etc. auch die Versorgung der Tiere an, denn: „Seit zwei Wochen haben wir zwei Hasen, zwei Hühner und zwei Truthähne, ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, die Versorgung und Pflege dieser Tiere gemeinsam mit einem meiner Gastbrüder zu übernehmen. Im Senegal werden Tiere fast ausschließlich nur als Nutz- beziehungsweise Schlachttiere gehalten“, Haustiere wie in Deutschland würden als unnötig bewertet.

Besonders schön sind für Zoe, die selbst gerne künstlerisch arbeitet und kreativ ist, die Stunden, wo ihr Gastvater, der Künstler Abdoulaye Seck, an seinen Gemälden arbeitet, „hier darf ich am Nachmittag behilflich sein und lerne viel über Maltechniken, Farbgestaltung, Malmöglichkeiten sowie Gestaltungsmöglichkeiten sprich Kunst mit allen möglichen Gegenständen. Vor zwei Wochen fingen wir an Bilder auf Glas zu malen, dies macht unglaublich viel Spaß und bedarf gleichzeitig einer hohen Konzentration.“

Einmal pro Woche ist ein Sporttag angesagt.
Einmal pro Woche ist ein Sporttag angesagt. FOTO: Zoe Roos

Weitere Freizeitaktivitäten, zum Beispiel einfach raus zum Sport, auf eine Joggingrunde oder zu Freunden, war anfangs auch aus Sicherheitsgründen nicht möglich, berichtet Zoe: „Mittlerweile kenne ich mich besser aus und weiß, wo ich mich gefahrlos aufhalten kann und darf.“

Inzwischen kennt sie auch eine Familie im Nebenort Cambérène recht gut – eine Großfamilie mit Vater, Mutter, sechs (teils erwachsenen) Kindern, die  mit ihren Frauen, Männern und deren Kindern unter einem Dach wohnen.

„Täglich gehen die Nachbarn und Freunde ein und aus. Es gibt immer etwas zu tun und sei es nur der Gang zur Boutique, dem kleinen Geschäft um die Ecke, um beispielsweise Zucker für den Tee zu kaufen. Hier trifft man auf der Straße Freunde und Nachbarn, mit denen man sich erstmal unterhält, bevor man weitergeht. Jeder kennt jeden, jeder grüßt jeden“, berichtet Zoe. „Tagsüber verbringe ich Zeit mit meiner Freundin Kine und ihrer Schwester Xaddi und  helfe ihnen im Haushalt. Im Senegal herrscht eine sehr strenge klassische Rollenverteilung. Hausarbeit ist  ausschließlich „Frauenarbeit“ – für mich schwer nachvollziehbar und aushaltbar, aber es gehört hier zur Tradition und somit versuche ich meine Widerstände irgendwie im Griff zu behalten. Am Abend besuche ich mit meinem Kumpel Iba Freunde, es wird viel geredet und gemeinsam Tee getrunken. Dies ist ein  sehr schönes und tagtägliches Ritual im Senegal.

Alles in allem kann ich mittlerweile sagen, dass es mir trotz starker Anfangsschwierigkeiten gefällt. Ich habe meine Aufgaben die Woche über im Kindergarten und in meiner Freizeit und am Wochenende in der Familie“, schreibt Zoe abschließend.

Zu Festen, wie hier zur Taufe eines Babys von Zoes „Gastschwester“, wird groß gekocht.
Zu Festen, wie hier zur Taufe eines Babys von Zoes „Gastschwester“, wird groß gekocht. FOTO: Zoe Roos