Viele Studierenden müssen arbeiten, um sich ihr Studium zu finanzieren

Beruf und Universität : Der steinige Weg zum Studienabschluss

Wer sein Studium durch Arbeiten selbst finanzieren muss, steht schon in jungen Jahren vor einer echten Belastungsprobe.

Ist die Rede vom Studentenleben, stellen sich die meisten Menschen einen entspannten Alltag mit vielen Partys und spätem Aufstehen vor. Dabei sieht die Realität vieler Studierenden ganz anders aus: Zwei Drittel arbeiten neben dem Studium. 59 Prozent, also weit mehr als die Hälfte, sind dabei auf den eigenen Verdienst angewiesen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Das hat die jüngste Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks gezeigt.

Wie aber schaffen junge Menschen es, Studium und Arbeit unter einen Hut zu bekommen? Für die 26-jährige Joan Marlee Moyat ist das seit drei Jahren Alltag. Sie studiert Psychologie an der Saar-Uni und arbeitet an zwei Tagen pro Woche jeweils acht Stunden als Testdiagnostikerin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Idar-Oberstein. Bafög habe sie nur ein Semester lang bekommen, da ihr Vater gerade so viel verdient, dass sie keinen Anspruch darauf habe, aber nicht genug, um ihren Lebensunterhalt mitzufinanzieren. „Ich hätte zwar in einigen Semestern Anspruch auf einen Teil der Unterstützung durchs Bafög gehabt, wäre dann aber auch an die geltende Zuverdienstgrenze von 450 Euro gebunden gewesen. Das Geld reicht dann zum Leben einfach nicht aus“, so die Psychologiestudentin. Mit der vollen Bafögförderung und mehreren Gelegenheitsjobs konnte sich die Studentin, die zuvor bereits eine Ausbildung zur Personaldienstleistungskauffrau sowie eine Coaching-Ausbildung gemacht hatte, im ersten Semester noch über Wasser halten.

Musikmanagementstudent Vincent Klein, 21, hat dagegen gar nicht erst versucht, die staatliche Förderung zu beantragen. Seine Eltern sind beide selbständig und ihm sei klar gewesen, dass ihm wegen der Höhe ihres Verdienstes kein Bafög zustehe. „Dass meine Eltern mich finanzieren, kam und kommt für mich nicht in Frage. Spätestens als ich mit meiner Freundin zusammengezogen bin, war für mich klar, dass ich das alleine schaffen muss.“

Klein arbeitet an drei Tagen in der Woche je sechs Stunden in einer Autovermietung, um das Geld für Miete und Unterhalt zu erwirtschaften. Er wohnt in einem kleinen Dorf bei Losheim und verbringt viel Zeit damit von zu Hause zu Arbeit und Uni zu fahren. „Eine Wohnung in Saarbrücken hätte ich mir einfach nicht leisten können“, so Klein. Allerdings bedeute das, dass er ein Auto brauche, um zeitlich alles schaffen zu können, was wiederum zusätzliche finanzielle Verpflichtungen mit sich bringe.

Moyat nimmt ebenfalls einen langen Arbeitsweg in Kauf. An Arbeitstagen sitzt sie insgesamt mindestens drei Stunden in Bus und Bahn: „Die Leute fragen mich oft, warum ich mir den Stress antue, so lange zu pendeln, aber in Idar-Oberstein habe ich einen Beruf, der mich weiterbringt.“ Unqualifizierte Jobs in der Gegend gebe es genügend, seien aber auch in Hinblick auf die spätere Arbeit nicht so wertvoll. Zudem sei ihr Arbeitgeber flexibel. „Ich kann mir aussuchen, an welchen Tagen ich arbeite“, so Moyat. Ohne Entgegenkommen des Chefs könnte auch Klein das Pensum nicht schaffen. „Ich kann Dienste an andere Mitarbeiter abgeben, wenn es wegen der Uni mal gar nicht geht“, so Klein.

Da beide Studenten aber nur mit genügend Arbeitsstunden das nötige Geld zusammenbekommen, ist jedes neue Semester eine organisatorische Herausforderung. „Ich denke jetzt schon mit Bauchweh an mein Masterstudium. An vier Tagen finden Seminare und Vorlesungen statt, ich kann aber nur an drei Tagen zum Campus kommen. Das heißt ich werde wohl ein bis zwei Jahre länger studieren müssen“, so Moyat. Klein bedauert vor allem, dass er letztlich nicht frei in der Wahl seiner Kurse ist. „Ich muss immer die nehmen, die zeitlich passen und kann nicht nach Interesse entscheiden.“

Aber nicht nur der Besuch der Seminare will organisiert sein, die Kurse müssen auch vor- und nachbereitet werden. „Univorbereitungen mache ich morgens und abends, jeweils vor und nach der Schicht und natürlich am Wochenende“, sagt Klein. Die Vorlesungszeit ist für Moyat meist noch entspannter, da alles klar strukturiert sei. „In den Semesterferien werden bei uns Klausuren geschrieben, dann hab ich für drei Monate gar kein Sozialleben, jede freie Minute brauche ich für die Prüfungsvorbereitungen“, so die Psychologiestudentin.

Beide stehen kurz vor ihrem Bachelor-Abschluss und scheinen den Balanceakt geschafft zu haben. Probleme bereiten ihnen aber oftmals Regelungen der Uni, bei denen erkennbar nicht davon ausgegangen wird, dass Studenten für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen. „Ich muss im Masterstudium ein dreimonatiges Praktikum machen, das laut Studienordnung nicht bezahlt sein darf. Ich hab wirklich keine Ahnung, wie das gehen soll“, sagt Moyat. Klein kennt das Problem: „Ich müsste dann Vollzeit unter der Woche Praktikum machen und am Wochenende durchgehend arbeiten, würde aber trotzdem weniger Geld haben als bisher.“ Auch gebe es immer wieder Druck vom Prüfungsamt, wenn wegen eines fehlenden Kurses die Punkte eines ganzen Moduls nicht angerechnet werden, so Moyat.

Vom studentischen Leben bekommen beide wenig mit. „Es sind nicht die Partys, die ich vermisse. Ich würde mich aber gerne im Asta oder der Fachschaft engagieren. Ich verpasse alle Demos, alles was das Unileben noch ausmacht, fällt für mich weg“ bedauert Moyat. Auch dass sie nicht einfach mal in andere Studiengänge reinschnuppern könne, fehle ihr. „Zudem killt die Arbeit jedes Hobby, alles was zusätzlich Geld kostet, wird abgeschafft“, so Klein. Er ist Teil einer Musik-Band, muss aber oft genug abwägen, ob er die Zeit dafür erübrigen kann. „Manchmal ist es für mich schon schwer zu sehen, dass meine Kommilitonen Zeit für all diese Dinge haben und ich nicht“, ergänzt Moyat.

Auch Studierende an der Univerität des Saarlandes müssen neben dem Studium für ihren Lebensunterhalt arbeiten: Joan Marlee Moyat (Psychologie) im Beratungsgespräch. Foto: Iris Maria Maurer

Beide sehen aber auch den Vorteil, dass sie später schon Berufserfahrung vorweisen können und Arbeitgeber sehen, dass sie stressresistent sind. Beide sind sich einig: Wenn sie das Studium geschafft haben, wissen sie, dass sie es ganz alleine hinbekommen haben.

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