Urlaub an der niedersächsischen Nordseeküste

Teestunde hinterm Deich : Ostfriesenmischung mit Kluntje und Sahne

An der Nordseeküste im äußersten Nordwesten Deutschlands heißt es mehrmals am Tag: abwarten und Tee trinken.

Es ist 15.36 Uhr. Der Hahn auf dem Grashügel vorm Sprossenfenster der Ferienwohnung kräht. Sogar in Ostfriesland ist es jetzt zu spät fürs Frühstück. Vermutlich kräht der Vogel wegen der Teezeit. Ist eben ein ostfriesischer Hahn.

„Wir trinken drei bis fünf Tassen am Tag“, erzählt Celia Hübl wenig später im Bünting Teemuseum in Leer. Hübl leitet das Teemuseum und sagt: „Teezeit ist immer.“ Zwischen diversen Museumsexponaten veranstaltet die Ostfriesin Teeseminare und -zeremonien.

Zarte Porzellan-Tassen, verziert mit der roten ostfriesischen Rose, klappern verheißungsvoll. Hübl greift zum Kluntjeknieper und verteilt mit dieser eigentümlichen Zange Kandiszucker. Sie sagt: „Pro Gast nur ein Kluntje.“ So war das, so ist das. Nachdem der Ostfriesentee den Kluntje zum Knistern bringt, wird der Rahmlöffel kurz im Tee angewärmt. Es folgt die Sahne. „Mindestens 30 Prozent Fett“, betont Hübl. Ostfriesentee müsse auch in Ostfriesland gemischt worden sein, lehrt die 51-Jährige. In der Regel sei er aus dem indischen Bundesstaat Assam importiert, 20 bis 30 verschiedene schwarze Teesorten befänden sich in einer Mischung.

Ein paar charmante Altstadtgassen weiter serviert Kurt Radtke, klar: Tee. Ganz traditionell, mit Kluntje, einer Ostfriesenteemischung und „klassisch mit echter Sahne“, betont der Geschäftsführer der Touristik-Gesellschaft für das südliche Ostfriesland. „Der Ostfriese wirkt immer ein bisschen stur. Man stellt sich gern einen Fischer mit gegerbter Haut und buschigem Bart vor“, sagt Radtke. „An sich aber sind wir heute moderner, gastfreundlich und durchaus in der Lage, einen Blick über den Tellerrand zu werfen.“

Apropos Teller, beim Aufzählen der Rezeptklassiker kommt der Touristikexperte schnell ins Schwärmen: „Früher gab es hier viel Landwirtschaft, daher ist die Küche deftig.“ Es gibt Grünkohl, große Bohnen, Labskaus und Snirtjebraten, eine Schweinebratenspezialität mit Rotkohl. „Muss man unbedingt probieren“, findet Radtke. Die Gäste kommen natürlich nicht nur wegen Tee und Hausmannskost. „Das gesunde Klima“ mache viel aus, beschreibt Radtke, „selbst im Binnenland haben wir salzhaltige Luft“. Die ­Authentizität der Einwohner gibt vermutlich ihren Obolus dazu. Die Ostfriesen ­verbiegen sich nicht.

Was sie gut können ist sich selbst auf die Schippe nehmen. Grandseigneur in Sachen Ostfriesenwitze ist natürlich Otto Waalkes. „Dat Otto Huus“ in Emden hört man, bevor man es sieht. Lautes Gelächter dringt aus dem Obergeschoss auf die Straße. Ein lebensgroßer Otto-Hampelmann mit Handzug, ein Wasser speiender Kunststoff-Ottifanten-Brunnen und jede Menge weiteres Brimborium finden sich auf drei Etagen. Unter dem Dach zeigt ein Kino kostenlos Otto-Filme in Endlosschleife.

Scheint die Sonne, geht es ab ans Meer. Gemeint ist das hinterm Deich, nicht davor. Ob Timmeler Meer, Großes Meer oder Uphuser Meer, hier ist die Wasserqualität gut, die Ufer sind selten überfüllt und es gibt einige sehr schöne Sandstrände. Warum die Seen rund um Aurich, Emden, Leer oder Timmel Meer heißen, dafür hat Kurt Radtke eine echt ostfriesische Erklärung parat: „Es ist wie es ist.“

Verdächtig gleich klingt übrigens die Begründung, warum Boßeln friesischer Nationalsport ist. Dabei muss der Spieler eine Kugel mit möglichst wenigen Würfen eine bestimmte Strecke entlang bugsieren. Urlauber, die einmal eine Landstraße lässig „durchboßeln“ möchten, können sich Kugeln und Anleitung in der Tourist-Information in Leer leihen.

Wer nicht dem Volkssport sondern der ostfriesischen Wohnkultur auf der Spur ist, wird im 1570 erbauten Haus Samson über der Weinhandlung Wolff im Zentrum von Leer fündig. Mobiliar, Gemälde und Dokumente vergangener Zeiten füllen jede Ecke des Privatmuseums.

Wenige Schritte sind es vom Haus Samson zur Uferpromenade, an der die „Prinz Heinrich“ erhaben glänzt. Das 1909 gebaute Dampfschiff ist der letzte Vertreter der ehemaligen ostfriesischen Dampfschiff-Flotte und die Mammutaufgabe von Wolfgang Hofer, der mit weiteren Ehrenamtlern, wie er sagt, „aus einem Rostschiff wieder das älteste Seebäderschiff Deutschlands“ gemacht hat.

HANDOUT - Zum Themendienst-Bericht von Larissa Loges vom 4. Juli 2019: Die «Prinz Heinrich» ist der letzte Vertreter der ehemaligen ostfriesischen Dampfschiff-Flotte - und schippert immer noch über das Wasser. Foto: www.ostfriesland.travel/dpa-tmn - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit dem genannten Text und nur bei vollständiger Nennung des vorstehenden Credits - Honorarfrei nur für Bezieher des dpa-Themendienstes +++ dpa-Themendienst +++. Foto: dpa-tmn/www.ostfriesland.travel
HANDOUT - Zum Themendienst-Bericht von Larissa Loges vom 4. Juli 2019: Charmante Gassen und Backsteinhäuschen prägen das Bild in der Altstadt von Leer. Foto: www.ostfriesland.travel/dpa-tmn - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit dem genannten Text und nur bei vollständiger Nennung des vorstehenden Credits - Honorarfrei nur für Bezieher des dpa-Themendienstes +++ dpa-Themendienst +++. Foto: dpa-tmn/www.ostfriesland.travel

Rund ein Jahrzehnt wurde restauriert. Heute fährt Prinz Heinrich wieder – „als Traditionsschiff, nicht im Liniendienst“, für Gruppen nautisch Interessierter, die an dem Dampfer das lieben, was auch den Landstrich und die Leute ausmacht: die ­Authentizität.

(dpa)
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