Personalnot verstärkt die Sprachnot

Aufnahmestopp : Personalnot verstärkt die Sprachnot

Ein Programm an der Saar-Uni qualifiziert Lehramtsstudenten für den Umgang mit sprachschwachen Schülern. Die Nachfrage ist groß. Doch weil das Personal knapp ist, wurden in diesem Semester keine neuen Teilnehmer zugelassen.

Zu den größten Herausforderungen im an Herausforderungen nicht armen Alltag von Lehrern zählt der Umgang mit Kindern und Jugendlichen, die Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben. Der Bildungsbericht 2016 der Bundesregierung stellte fest, dass ein Viertel der Fünfjährigen hierzulande Förderbedarf im Deutschen hat. Und die gerade veröffentlichte Iglu-Studie, die die Leseleistung von Grundschülern weltweit untersucht, hat ergeben, dass jeder fünfte deutsche Viertklässler nicht richtig lesen kann. Mit diesem Problem müssen sich nicht nur Förderlehrer auseinandersetzen. Da im deutschen Bildungssystem ein Trend zu integrativen Schulformen und inklusiver Pädagogik waltet, setzen sich reguläre Klassen aus immer heterogeneren Schülergruppen zusammen, deren Voraussetzungen und deren Leistungsniveau sich untereinander teilweise erheblich unterscheiden.

Um zukünftige Lehrer auf diese Herausforderung vorzubereiten, gibt es an der Universität des Saarlandes seit drei Jahren das Zertifikat „Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache“. Es steht Lehramtsstudenten aller Fachrichtungen und aller Schulformen offen. In dem auf insgesamt 750 Arbeitsstunden angelegten Programm lernen sie unter anderem didaktische Verfahren kennen, die die unterschiedlichen sprachlichen Voraussetzungen von Schülern berücksichtigen. Das Angebot wird von Studenten freiwillig zusätzlich zu den obligatorischen Studienverpflichtungen belegt. Doch trotz großer Nachfrage konnte der Fachbereich Deutsch als Fremd- und Zweitsprache in diesem Semester keine neuen Teilnehmer für den Zertifikatsstudiengang zulassen. Der Grund: Personalmangel.

„Studierende haben sich zu Recht über zu volle Veranstaltungen beklagt. Deshalb haben wir im Wintersemester einen Aufnahmestopp verhängt, um die bis hierhin angesammelten Verpflichtungen abzuarbeiten“, erklärt die verantwortliche Germanistik-Professorin Stefanie Haberzettl. Bis vor einem Jahr sei an ihrem Lehrstuhl eine zusätzliche Mitarbeiterin tätig gewesen, die jedoch trotz aller Bemühungen nicht weiterbeschäftigt werden konnte, so Haberzettl. Der Wegfall der Stelle sei zwar keine direkte Folge der universitären Sparlast, da sie unabhängig davon im Personalplan nicht mehr vorgesehen war. „Klar ist aber, dass an einer Hochschule, an der ein solch großer Haushaltsdruck herrscht, die Entwicklung neuer Lehrkonzepte schwierig ist.“ Man sei mit den vorhandenen Lehrkräften an und über die Grenzen der Belastbarkeit gegangen. Jetzt sei man gezwungen gewesen, die Notbremse zu ziehen – auch, um die Qualität des Ausbildungsangebotes zu gewährleisten. „Die Seminare können nur gut sein, wenn sie nicht überlaufen sind.“

Ab dem nächsten Semester sollen wieder neue Teilnehmer aufgenommen werden, dann aber nur noch 15 statt der bisherigen 30 pro Halbjahr. Das reiche bei weitem nicht aus, um den Bedarf zu decken, sagt Haberzettl. „Die Nachfrage ist riesig. Auf der Warteliste stehen genug Studenten, um Seminare für zwei Semester zu füllen.“ Momentan müssten Interessenten mindestens ein Jahr auf die Aufnahme warten.

Damit sich die Personalsituation ein wenig entspannt, hat das Zentrum für Lehrerbildung an der Saar-Uni mit dem saarländischen Bildungsministerium vereinbart, dass das Zertifikat künftig in die Bedarfsberechnung für sogenannte teilabgeordnete Lehrkräfte einbezogen wird. Das sind Lehrer aus dem regulären Schuldienst, die für einige Stunden in der Woche an die Uni kommen, um die Hochschuldozenten zu unterstützen und einen Brückenschlag zur Praxis zu ermöglichen. Ob durch diese Maßnahme die Zahl der Zertifikatsteilnehmer wieder auf das Ursprungsniveau gehoben werden kann, ist offen.

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