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Online-Vorlesungen fordern Dozenten und Studierende der Saar-Uni

Kostenpflichtiger Inhalt: Corona zwingt Saar-Hochschulen zur Digitalisierung : Not macht Professoren erfinderisch

Innerhalb weniger Wochen mussten die Hochschulen im Saarland wegen der Corona-Pandemie auf digitale Lehre umstellen. Und schon zu Beginn stellt sich heraus: Online-Vorlesungen sind eine Herausforderung – für Studierende und Dozenten.

Den saarländischen Hochschulen steht in diesem Sommer ein besonderes Semester bevor: In der Corona-Pandemie sollen Seminare, Vorlesungen und Übungen soweit wie möglich digital stattfinden. In der vergangenen Woche ist das Experiment Online-Lehre an der Saar-Universität gestartet.

Nicht alle Dozenten dürften sich dabei so sehr ins Zeug gelegt haben wie Professor Georg Borges. Der Rechtswissenschaftler hat sich zusammen mit seinen Mitarbeitern für die Online-Vorlesungen ein kleines Studio eingerichtet, ausgestattet mit Kamera, Mikrofon und einem zusätzlichen Monitor – damit er die Studierenden auf dem Bildschirm sehen kann, während er spricht. „Die Fernlehre ist für die Studierenden viel anstrengender. Wenn sie über Stunden ein verschwommenes Bild sehen und schlechten Ton haben, wird es sicher nicht besser“, sagt Borges. Deshalb lege er Wert auf gute Bild- und Tonqualität. Er bietet in diesem Semester seine Vorlesungen als Webinare über ein Videokonferenzsystem an.

„Im ersten Moment ist das ganz komisch. Man ist es ja gewohnt, nebeneinander zu sitzen und sich in der Vorlesung zu sehen“, sagt Lisa Redeker. Die 24-Jährige studiert Jura und steckt gerade in den Vorbereitungen für die mündliche Prüfung ihres ersten Staatsexamens. Die ganze Zeit auf den Monitor zu schauen, sei sehr anstrengend. „Konzentriert zu bleiben ist echt schwierig“, sagt Redeker. Sie wohnt mit ihrem Mann und ihrer zweijährigen Tochter zusammen und muss das Studium um die Kinderbetreuung herum organisieren. „Das Studium rückt in die Randzeiten, ich lerne morgens bevor meine Tochter aufsteht und abends, wenn sie eingeschlafen ist“, sagt Redeker.

Dass Georg Borges viele seiner Vorlesungen nicht nur live per Videoschalte hält, sondern auch aufzeichnet, findet die 24-Jährige gut. „An einer anderen Vorlesung kann ich derzeit nicht teilnehmen. Meine Tochter versteht einfach nicht, dass ich mich während der Live-Vorlesung nicht um sie kümmern kann und kommt immer wieder zur Tür herein“, erzählt die Mutter lachend. Redeker sagt, sie wünschte sich, dass alle Dozenten die Vorlesungen aufzeichnen, damit eine Chancengleichheit wieder hergestellt werde.

Trotz des großen technischen Aufwands, den Georg Borges und sein Team betreiben, bleiben auch in seinen Sitzungen Störungen nicht aus. Immer mal wieder gibt es Aussetzer bei Bild und Ton. „Mit technischen Problemen muss man sich wohl ein bisschen abfinden, aber bei einem größeren Ausfall ist der Flow natürlich erst einmal dahin“, sagt Borges. Seine Vorlesungen gestalte er unter normalen Umständen sehr interaktiv. „Eine Vorlesung ist Kommunikation. Der Gesichtsausdruck der Studierenden gibt mir eine unmittelbare Rückmeldung, ob ich zu schnell bin oder etwas unklar ist. In der Fernlehre geht das nur eingeschränkt“, sagt Borges. Durch das neue Format seien die Teilnehmer deutlich passiver, ähnlich wie bei einem reinen Vortrag.

„Die Interaktion über das Videokonferenzsystem ist schwierig“, erklärt Redeker. In einigen Vorlesungen von Borges können Studierende aus technischen Gründen derzeit nur den Chat nutzen, um sich mit ihm auszutauschen. „Ich hab’ ein paar Mal was getippt und es dann wieder aufgegeben, weil es zu lange gedauert hat und der Professor schon weiter war“, sagt Redeker. „Wir arbeiten daran, das noch weiter zu verbessern“, sagt Borges.

Die Online-Lehre sei dabei sehr viel zeitintensiver als die Vorlesungen im Hörsaal. „Der Aufwand ist gestiegen. Gefühlt brauche ich die doppelte Vorbereitungszeit. Ich überlege zum Beispiel oft, welches zusätzliche Material ich noch hochladen könnte“, sagt Borges. Zudem sei die neue Situation auch für ihn als Dozenten besonders. „Wenn die Vorlesung aufgezeichnet wird, lässt mich das nicht kalt. Ich bin nervöser, weil jeder Fehler, den ich sonst einfach in der nächsten Sitzung aufklären könnte, jetzt im Internet für alle sichtbar wird“, sagt der Rechtswissenschaftler.

„Ich wäre froh, wenn alles bald wieder normal läuft“, sagt Lisa Redeker. Die anfängliche Freude darüber, nicht mehr so oft an den Campus fahren zu müssen, sei schnell verflogen. Georg Borges ist sich sicher: „Wenn wir bald alle wieder in den Hörsälen sitzen, werden wir das zum ersten Mal so richtig zu schätzen wissen.“