HTW in Saarbrücken steht vor Personalproblem bei der Hebammenausbildung

Kostenpflichtiger Inhalt: Hochschule für Technik und Wirtschaft : Schwere Geburt fürs Hebammen-Studium

Die Ausbildung der Geburtshelfer an der HTW in Saarbrücken steht vor dem Start vor einem großen Personalproblem.

Im Wintersemester 2020/21 soll im Saarland ein neuer Studiengang an den Start gehen – die Hebammenausbildung wird Hochschulsache. Die Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Saarbrücken soll die bundesweit neu geregelte, akademische Ausbildung der Geburtshelfer im Saarland anpacken, 20 bis 30 Plätze sind pro Jahrgang geplant. Doch beim Start der Hebammenausbildung zeichnet sich ein Problem ab, von dem Branchenkenner sagen, es sei für die Politik seit langem absehbar gewesen. Für das neue duale Studium, das aus einem Hochschul- und einem berufspraktischen Teil besteht, braucht es neue Lehrkräfte mit einer nicht gekannten akademisch-praktischen Vita. Und die sind offenbar mehr als nur dünn gesät. Werden von ihnen doch schon heute Qualifikationen gefordert, die erst der Studiengang vermitteln soll, in dem sie künftig unterrichten.

Wer sich auf die Professur für Angewandte Hebammenwissenschaft an der HTW bewerben will, muss laut Stellenausschreibung promoviert haben, dazu werden eine Hebammenausbildung und fünf Jahre einschlägige Berufserfahrung verlangt. Solche Kandidatinnen und Kandidaten sind schwer zu finden, und dafür gibt es noch einen weiteren, wichtigen Grund. Die HTW ist nicht allein auf der Suche. In Deutschland werben derzeit 19 Hochschulstandorte Dozenten für entsprechende Professuren an, erklären HTW-Präsident Professor Dieter Leonhard und Christine Dörge, sie ist Professorin für Pflege. Der Hochschulkompass der Hochschulrektorenkonferenz listet unter dem Stichwort „Hebamme“ 23 Studiengänge in Deutschland auf.

Auch wenn die Besoldungsstrukturen im Saarland durchaus konkurrenzfähig seien, gestalte sich die Suche sehr schwierig, sagen die beiden Vertreter der Saarbrücker Hochschule. Sie bemühen sich, bei der Beschreibung der Lage das Wort „Problem“ zu vermeiden, sprechen von einem „schwierigen Arbeitsmarkt“ und von „intensiver Suche“ und betonen immer wieder „wir wollen den Zeitplan einhalten“. Doch ist nicht zu überhören, dass an der HTW die Sorge wächst, es könne bis zum Start des neuen Bachelor-Studiengangs nicht gelingen, die Position der Studienleitung zu besetzen. Dann wäre nicht auszuschließen, dass sich der Studienbeginn verzögert, sagt der HTW-Präsident. Die Hochschule habe die W2-Professur für Angewandte Hebammenwissenschaft zweimal ausgeschrieben.

Die Besetzung einer Professur ist an klare gesetzliche Vorgaben gebunden. Und da gebe es nun einmal kein Vertun, sagt Dieter Leonhard. Allerdings sagt er auch, die Hochschulen hätten sich bundesweit „flexiblere Lösungen“ gewünscht. Der Gesetzgeber habe bei diesem dualen Studium einige Rahmenbedingungen gesetzt, die nur schwer miteinander zu vereinbaren seien.

So sieht das auch Yvonne Bovermann. Sie ist Präsidiumsmitglied im Deutschen Hebammenverband und dort für Bildungsfragen zuständig: „Was verlangt man da eigentlich von den Fachhochschulen? Sie sollen Professuren eines neuen Studiengangs besetzen, den sie selbst noch aufbauen müssen. Von den Bewerbern sollen sie eine Promotion verlangen, eine Qualifikation die Fachhochschulen wiederum selbst nicht vergeben dürfen.“

Das Problem ist nicht über Nacht entstanden, seit mehr als zehn Jahren ist der Bundesregierung von der Europäischen Union vorgegeben, die Hebammen-Ausbildung zu novellieren. Deutschland, so erklären Dieter Leonhard und Christine Dörge, sei nun das letzte EU-Land, das diese Richtlinie zur Akademisierung umsetze.

Wie wollen die Organisatoren der HTW das Dilemma lösen? Eine denkbare Möglichkeit bestünde darin, zum Start Bewerberinnen und Bewerber zu akzeptieren, die keinen Doktortitel haben und im Nachhinein in einem Qualifikationsprogramm promovieren. Weil die HTW kein Promotionsrecht besitzt, böte sich dafür unter Umständen die Kooperationsplattform Gesundheitswissenschaften an, welche die Hochschule zusammen mit der Universität des Saarlands aufbaut, überlegt HTW-Präsident Dieter Leonhard.

Für Yvonne Bovermann vom Hebammenverband war dieses Problem absehbar: „Seit zwei Jahren fordere ich schon Promotionsprogramme für die Hebammenwissenschaften. Und es ärgert mich sehr, dass sich da so lange nichts getan hat.“ Zu Beginn des neuen Studiengangs auf die Promotion als unverzichtbare Einstellungsvoraussetzung zu verzichten, sieht sie als eine denkbare Lösung des Problems. Das sei mit den Hochschulgesetzen vieler Länder vereinbar. Auch das saarländische Hochschulrecht enthält im Paragraph 41 einen solchen Passus. „Ich empfehle eine Übergangsfrist von wenigstens fünf Jahren. In dieser Zeit sollte eine Professur der Hebammenwissenschaft auch von Bewerbern ohne Promotion besetzt werden können“, schlägt die Vertreterin des Hebammenverbandes vor.

Dieter Leonhard ist Präsident der HTW. Foto: Htw Saar/Iris Maria Maurer

Auf gar keinen Fall komme jedoch in Frage, auf die berufspraktische Erfahrung der Professoren zu verzichten, erklärt HTW-Präsident Dieter Leonhard. Genauso sieht das auch Yvonne Bovermann vom Hebammenverband: „Eine Professur der Hebammenwissenschaft mit Wissenschaftlern anderer Disziplinen zu besetzen, halte ich für keine gute Idee.“