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Erst durch den Schlamm, dann zur Uni

Erst durch den Schlamm, dann zur Uni

Saarbrücken. Jens Gierend wusste schon als kleiner Junge, dass er mal zur Bundeswehr wollte: "Andere Kinder wollen Polizist werden, ich wollte eben Soldat werden." Noch während seines letzten Schuljahres bewarb sich der heute 21-Jährige aus Schiffweiler als Offiziersanwärter. Wer Offizier werden will, muss in der Regel studieren

Saarbrücken. Jens Gierend wusste schon als kleiner Junge, dass er mal zur Bundeswehr wollte: "Andere Kinder wollen Polizist werden, ich wollte eben Soldat werden." Noch während seines letzten Schuljahres bewarb sich der heute 21-Jährige aus Schiffweiler als Offiziersanwärter. Wer Offizier werden will, muss in der Regel studieren. Deshalb ist Gierend nun an der Universität der Bundeswehr in München im Bachelor Staats- und Sozialwissenschaften eingeschrieben.

Für Daniela Koch (Name geändert) war es kein Kindheitstraum, zur Bundeswehr zu gehen. Doch sie wollte Medizin studieren und ihr Abi-Schnitt war nicht gut genug, um direkt einen Studienplatz zu bekommen: "Ich hätte noch ein Jahr warten müssen." Dann erfuhr sie, dass bei der Bundeswehr nicht zwingend eine 1 vor dem Komma erwartet wird.

"Die Bundeswehr wirbt aktiv um Offiziersanwärter und das Angebot hat verlockende Seiten." Dazu zählt die 21-Jährige die finanzielle Sicherheit - vom ersten Monat an werden die Soldaten bezahlt - und auch die Gewissheit, nach dem Studium einen sicheren Arbeitsplatz zu haben.

Für Koch war es eine pragmatische Entscheidung - allerdings eine, die sie sich reiflich überlegte. Denn wer Offizier werden will, muss sich für 13 Jahre verpflichten. Mediziner sogar für 17 Jahre, da ihr Studium länger dauert. Nach dem Studium sind Auslandseinsätze in Krisengebieten wie Afghanistan oder dem Kosovo Pflicht.

Wer zur Bundeswehr will, muss sich zunächst einem zweitägigen Auswahlverfahren stellen. "Es wird nichts Unmenschliches verlangt, aber hart war es schon", erinnert sich Koch. Von sechs Uhr morgens bis zehn Uhr abends reihte sich ein Test an den nächsten. "Es blieb kaum Zeit, etwas zu essen." Zwischendrin wurden immer wieder Bewerber aussortiert. "Der psychische Druck war enorm."

Auf jeden der rund 1000 Studienplätze bewerben sich pro Jahr im Schnitt fünf Personen, erklärt Michael Brauns, Sprecher der Bundeswehr-Uni in München. Wer es geschafft hat, muss zunächst 15 Monate eine allgemeine militärische Ausbildung durchlaufen.

Koch musste vor dem Studium lediglich drei Monate in die Kaserne. "Bei der Bundeswehr herrscht Medizinermangel, deshalb ist die Grundausbildung verkürzt, damit die Mediziner schneller in die Truppe kommen", sagt sie. Sie war auf Einiges vorbereitet, aber: "Es war dann doch 'ne Nummer härter als gedacht." Um viertel vor Fünf wurde sie mit der Trillerpfeife aus dem Bett geholt, vor dem Frühstück stand eine Stunde Sport auf dem Programm, danach robbte sie durch den Schlamm oder übte Schießen.

"Die Grundausbildung hat einigen die Augen geöffnet. Die sind dann teilweise auch abgesprungen." Jetzt führt sie ein Studentenleben, das sich nur wenig von dem ziviler Studenten unterscheidet. Denn die 21-Jährige ist an einer öffentlichen Universität eingeschrieben. Die Bundeswehr selbst bietet keine Studienplätze für Medizin an, sondern vergibt jedes Jahr rund 220 Plätze an öffentlichen Hochschulen.

Im Nachhinein weiß sie, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hat: "Man stellt sich anderen Herausforderungen und hat andere Möglichkeiten als normale Medizinstudenten." So kann sie sich zum Beispiel zum Tropen- oder Taucherarzt weiterbilden lassen.

Gierends Leben spielt sich dagegen vor allem am Uni-Standort ab. Er wohnt auf dem Campus, wie die meisten seiner Kommilitonen. Die Mieten sind mit rund 100 Euro im Monat gering. Im Sommer hat er drei Monate vorlesungsfrei, doch er muss in dieser Zeit an der Bundeswehr-Uni bleiben. Die Dienstpflicht verlangt es. Er schreibt dann Hausarbeiten oder macht Praktika. 26 Tage Urlaub pro Jahr stehen ihm zu.

Wer sein Studium nicht packt, dessen Offizierskarriere ist schnell beendet. "In der Regel hat man bis zu ein Jahr Restdienstzeit und wird dann aus der Bundeswehr entlassen", erklärt Brauns. Rund ein Drittel der Studenten bricht im Schnitt das Studium ab oder fällt durch.