Das Tor zur Bildung

Die Saar-Universität möchte Flüchtlinge akademisch ausbilden. Besonders die sogenannten MINT-Fächer stehen dabei im Fokus. Denn dort mangelt es in Deutschland an Nachwuchs.

Dieser Tage jährte sich Angela Merkels vielzitierter Satz zur Flüchtlingskrise "Wir schaffen das". Die sogenannte Willkommenskultur steht aktuell allerdings mächtig unter Druck.

Ein Ausdruck jener Willkommenskultur ist ein Programm, das die Universität des Saarlandes im September 2015 aufgelegt hat, um Flüchtlingen eine akademische Ausbildung in Deutschland zu ermöglichen. Zum Jahrestag zogen die Verantwortlichen am Monatg auf dem Uni-Campus eine erste Zwischenbilanz.

Das Förderprogramm ziele darauf ab, Flüchtlinge schnell und erfolgreich zu integrieren und begabten Menschen eine Perspektive zu eröffnen, erläuterte Astrid Fellner, federführende Vizepräsidentin für Europa und Internationales an der Saar-Uni. Dafür habe man neue Wege gehen müssen. Die Saar-Uni biete als eine der ersten Hochschulen im Land einen speziell ausgearbeiteten Test, der die Studierfähigkeit von Menschen prüft, die aufgrund ihrer Flucht notwendige Zeugnisse nicht vorweisen können.

Uni-Präsident Volker Linneweber zeigte sich überzeugt, dass beide Seiten von diesem Angebot profitieren können. "Wir haben im MINT-Bereich nicht-ausgelastete Studiengänge. Das ist seit Jahren ein Thema bei uns", so Linneweber. "Und wir haben festgestellt: Die Menschen, die hierher kommen, haben oft genau dort Interessen."

MINT - das sind die naturwissenschaftlich-technischen Fachrichtungen wie Chemie, Informatik, Werkstofftechnik oder Physik. Besonders Unternehmen klagen schon seit langem über fehlenden Nachwuchs in diesen Bereichen. Der Präsident der Metall- und Elektroindustrie des Saarlandes (ME Saar), Oswald Bubel, beziffert die Zahl der nicht besetzten Stellen allein in diesem Bundesland auf 1500. Sein Verband hat sich darum finanziell bei der Einsetzung des Programms beteiligt. "Die Flüchtlingspolitik kann das Fachkräfteproblem nicht lösen, aber sie ist ein Mosaikstein", so Bubel.

Die beiden Syrer Yassir Kozha (25) und Ronay Seydo Meme (20) gehören zu den ersten, die in das Programm aufgenommen wurden. Seydo Meme ist Kurdin. Sie ist aus Aleppo vor dem IS geflohen. Eine Freundin berichtete ihr über Facebook von dem Angebot der Saar-Uni. "Als ich von dieser Möglichkeit erfahren habe, habe ich mich sehr gefreut", sagt sie.

Nur zwei Wochen Vorbereitungszeit hatte Seydo Meme für den anspruchsvollen Test - die Fragen erreichen laut Uni das Niveau des saarländischen Matheabiturs, die Durchfallquote liege bei bis zu 75 Prozent. Doch die 20jährige bestand ihn auf Anhieb. "Wir hatten ein hervorragendes Bildungssystem in Syrien", stellt die junge Frau klar.

Davon profitierte auch Yassir Kozah. Er stand bereits kurz vorm Abschluss seines Informatikstudiums, als der Kriege in Syrien immer näher an seine Heimatstadt Damaskus heranrückte. Der junge Mann entschied sich zur Flucht. Diese hielt in Deutschland aber auch einen glücklichen Zufall parat. An der Saar-Uni wurde erst vor zwei Jahren der Bachelorstudiengang Cybersicherheit eingeführt - das hätte Kozah schon in Syrien gerne studiert. Seit dem Sommersemester ist er nun in Saarbrücken eingeschrieben. Damit ist er gleichzeitig ein Pionier: Kozah ist der erste Flüchtling, der bereits in einem regulären Studiengang angekommen ist.

Die Verantwortlichen der Saar-Uni sind optimistisch, dass das weiteren Flüchtlingen gelingen wird. Dafür wurden unter anderem Vorbereitungskurse für die Matheprüfung geschaffen. Die Finanzierung des Programms sei für die nächsten zwei Jahre gesichert. 300 000 Euro gebe das Land, knapp zwei Millionen der Bund, so die Uni. Damit könnten bis 2018 jedes Semester 75 neue Flüchtlinge aufgenommen werden.

Angesichts dieser Situation frohlockte Joachim Müller, Hauptgeschäftsführer der ME Saar: "Auch wenn noch viel zu tun ist, man könnte fast sagen: Wir haben's geschafft."

Zum Thema:

Auf einen Blick Das Flüchtlingsprogramm der Saar-Uni bietet zwei Zugangswege zum Studium. Flüchtlinge, die die notwendigen Dokumente und Zeugnisse vollständig vorlegen, können sich über die Internetplattform www.uni-assist.de bewerben. 80 Studenten haben bislang so Zugang bekommen. Wer die Dokumente nicht zur Verfügung hat, bekommt die Möglichkeit, an einem Eignungstest teilzunehmen, um sich für einen Studienplatz in einem sogenannten MINT-Fach (Mathematik-Informatik-Naturwissenschaft-Technik) zu qualifizieren. 82 Studenten ist das bisher gelungen. Der Test prüft Mathematik-Kenntnisse auf dem Niveau des saarländischen Abiturs. Vor dem tatsächlichen Studienbeginn liegt jeweils ein zwei- bis dreisemestriger Deutschkurs mit abschließendem Sprachtest. lec

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