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An den saarländischen Hochschulen kann auch ohne Abitur studiert werden

Beruflich Qualifizierte : Auch ohne Abitur ins Medizinstudium

Nicht nur schulische Bildung öffnet die Tür zum Campus. Auch wer in seinem Job versiert ist, kann den Sprung an die Uni schaffen.

Ohne Abitur studieren? Ja, das ist möglich und die Zahl der Menschen, die sich das zutrauen, hat sich im Zeitraum von 2007 bis 2017 vervierfacht, hat das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) errechnet. Wer sich die Zahlen genauer anschaut, erkennt aber zweierlei: Die Zahl der Studenten ohne Abitur ist mit rund 60 000, was 2,1 Prozent der gesamten Studentenschaft in Deutschland entspricht, doch eher gering.

An der Universität des Saarlandes gab es im Wintersemester 2017 laut statistischem Landesamt 104 Studenten, die sich beruflich für das Studium qualifiziert hatten. Selbst ein Medizin- oder Pharmaziestudium ist ohne Abitur möglich und wird weit öfter auf diesem Weg angetreten, als gemeinhin angenommen. Wie das CHE berichtet, stehen Medizin und Gesundheitswissenschaften mit 11,5 Prozent der Studienanfänger ohne Abitur bundesweit an dritter Stelle, hinter den Ingenieurwissenschaften, in denen jeder Fünfte der Studenten ohne Abi eingeschrieben ist, und den Sozial-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, die mehr als die Hälfte der Studenten ohne schulische Hochschulreife studieren.

Im Saarland ist dagegen fast jeder Fünfte beruflich qualifizierte Studienanfänger im medizinischen und gesundheitswissenschaftlichen Bereich eingeschrieben. Die Humanmedizin ist dabei mit 14 Prozent am beliebtesten, Gesundheitswissenschaften und Zahnmedizin machen die restlichen sechs Prozent aus.

Marco Zilles, 35, und Georgios Politis, 32, haben diesen, wie sie sagen nicht immer einfachen, aber lohnenswerten Weg im Fach Humanmedizin beschritten. Beide sind älter als der Durchschnittsstudent und stehen als Väter schon mitten im Leben. Zum Studienstart mussten sie erst mal den Sprung ins kalte Wasser wagen und ihren Vollzeitberuf kündigen, was ein großer Schritt für sie war. „Wenn man vorher Geld verdient hat, muss man schon ziemlich aus der eigenen Komfortzone heraus“, sagt Zilles.

Marco Zilles studiert jetzt im 10. Semester. Das vorklinische Studium in den ersten vier Semestern hat er an der Uni Mainz absolviert, bevor er zur Saar-Uni gewechselt ist. Zilles war zuvor zehn Jahre lang Physiotherapeut im Krankenhaus und hatte dort eine unkündbare Stelle. Seine Mutter betrachtete es zunächst skeptisch, dass er diese für ein Studium aufgeben wollte. Heute stehe sie voll und ganz hinter ihm, da sie sehe, dass das genau das Richtige ist. „Ich bin ihr sehr dankbar, denn in den Ferien und am Wochenende passt sie oft auf meine Kinder auf“, so Zilles. Sohn und Tochter, 10 und 12 Jahre alt, leben derzeit bei ihm. Im Studienalltag sei das nicht immer ganz leicht. „Ich lerne viel zu Hause. Während des Praktikums in der Klinik regeln die Kinder den Alltag aber ganz gut alleine.“ Sie seien schon sehr selbständig und hätten Verständnis dafür, wenn er lernen müsse.

Seine Freunde seien positiv überrascht von seiner Entscheidung gewesen und hätten ihn unterstützt „Die wussten alle, dass das Studium mein Traum war“. Eigentlich habe er immer studieren wollen, in seiner Jugend habe er allerdings nach der mittleren Reife die Schule beendet: „Naja, da kam das Leben dazwischen“, so Zilles.

Georgios Politis, der seit sechs Semestern an der Saar-Universität studiert, hat eine Ausbildung zum Krankenpfleger gemacht und arbeitet seit vielen Jahren auf einer Intensivstation, vorher hauptberuflich, jetzt als Werkstudent nebenbei. „Eigentlich wollte ich Polizist oder Lehrer werden, aber im Zivildienst habe ich gemerkt, dass mir die Arbeit im Krankenhaus Spaß macht“, so Politis. Er habe dann während der Ausbildung sein tieferes Interesse für die Medizin entdeckt und von Kollegen und Vorgesetzten Zuspruch bekommen, noch zu studieren.

Auch Familie und Freunde unterstützen ihn dabei, wenn auch nicht alle verstehen könnten, dass er sich freiwillig den Stress aufbürdet, so Politis. Seine Tochter ist jetzt 13 Jahre alt und lebt bei ihrer Mutter, die Verständnis für seine Situation aufgebracht und ihm bei der Unterhaltsregelung entgegen gekommen sei.

Um eine fachgebundene Studienberechtigung zu erhalten, also eine, die nur für das Wunschfach Medizin gilt, mussten Zilles und Politis eine mindestens zweijährige Ausbildung nachweisen und wenigstens zwei weitere Jahre hauptberuflich im erlernten oder einem ähnlichen Beruf gearbeitet haben. Der Notendurchschnitt im Ausbildungszeugnis durfte dabei nicht schlechter als 2,5 sein. Da die Studienplätze für das Fach Medizin zentral vergeben werden und es einen Numerus clausus gibt, brauchten die beiden eine mit der Studienberechtigung verbundene Note. Diese setzte sich aus der Ausbildungsnote und dem Ergebnis des Gesprächs mit einer Fachkommission zusammen und wurde auch von dieser festgelegt.

Die Kommission entscheidet zunächst darüber, ob eine vorläufige Zulassung erteilt werden kann. Im Fach Medizin wird nach vier Semestern kontrolliert, ob die Studenten mindestens zwei Drittel der vorgegebenen Studien- und Prüfungsleistungen erbracht haben. Das ersetzt in der Medizin eine gesonderte Eignungsprüfung, die bei anderen Studiengängen durchgeführt werden kann. Erst danach galten sie als reguläre Vollzeitstudenten.

Marco Zilles und Georgios Politis bereuen nicht, das Studium erst auf Umwegen und später im Leben angefangen zu haben. Politis sagt: „Leute, die aus dem Beruf kommen, haben eine ganz andere Motivation.“ Auch Zilles sieht darin vor allem einen Vorteil. Kommilitonen, die im praktischen Jahr zum ersten Mal mit Patienten in Kontakt kämen und dann erst merkten, dass sie Berührungsängste haben, seien ihm gegenüber im Nachteil. Zudem trete man als erwachsener Mensch Professoren entspannter gegenüber und könne besser mit Prüfungssituationen umgehen, so Politis.

Das Alter ist aber nicht nur von Vorteil. „Die anderen Studenten brauchen oftmals weniger Zeit in der Vorbereitung von Prüfungen“, sagt Zilles. Politis stimmt zu: „Wenn man gerade aus einer Lernphase kommt, wie das bei Abiturienten meist der Fall ist, ist der Einstieg ins Studium schon leichter.“ Beide sagen, sie hätten die ersten Semester, in denen es viel um Physik, Biologie und Chemie gehe, ohne Youtube nicht geschafft. Erklärvideos auf der Plattform, vor allem die Reihe „Simple Physics“, hätten ihnen bei der Vorbereitung enorm geholfen, so Zilles und Politis. Was die anderen gerade erst in der Oberstufe gelernt hatten, mussten sie sich selbst aneignen.

Zudem müssen beide nebenbei arbeiten, um sich das Studium zu finanzieren. Das Bafög reicht für sie zum Leben nicht aus. Durch ihre langjährige Berufstätigkeit, können sie aber auch jetzt schon im medizinischen Bereich arbeiten und sind nicht wie andere Studenten auf Promo- oder Kellnerjobs angewiesen. Politis arbeitet weiter auf der Intensivstation und macht im Monat zwischen vier und sechs Diensten. Zilles arbeitet etwa 15 Stunden monatlich in Homburg in der Orthopädie und ist als zweiter Assistent bei Operationen dabei. Der Vorteil sei, dass er dabei viel lerne und schon Kontakte knüpfe.

Beide haben für die Zeit nach dem Studium ein klares Ziel vor Augen. Marco Zilles möchte eine eigene Orthopädie-Praxis eröffnen und Georgios Politis könnte sich vorstellen, künftig auf der Neugeborenen-Intensivstation als Arzt zu arbeiten. Zilles sagt: „Jeder, der sich mit dem Gedanken trägt noch zu studieren, sollte es machen. Politis ergänzt: „Es ist ein Aufwand, der sich definitiv lohnt.“