Hilfe im zermürbenden Alltag

Hilfe im zermürbenden Alltag

Saarlouis. "Wir haben gemerkt, wie groß die Not der Eltern war." So fasst Dorothea Drewitz vom Gesundheitsamt Saarlouis knapp zusammen, warum im Landkreis Saarlouis seit über zehn Jahren das Thema ADHS ernst genommen wird. Schon im Jahr 2000 begann Drewitz, Fortbildungen für Kindergärten und Schulen zu organisieren

Saarlouis. "Wir haben gemerkt, wie groß die Not der Eltern war." So fasst Dorothea Drewitz vom Gesundheitsamt Saarlouis knapp zusammen, warum im Landkreis Saarlouis seit über zehn Jahren das Thema ADHS ernst genommen wird. Schon im Jahr 2000 begann Drewitz, Fortbildungen für Kindergärten und Schulen zu organisieren. Bald entstand die Idee zum Arbeitskreis ADHS: "Es war ein Versuch, alles zu bündeln, zu vernetzen, um Kindern eine schnellere Hilfe zu verschaffen." Der Arbeitskreis ADHS bringt bis heute Erzieher, Lehrer, Ergotherapeuten, Kinderärzte, Kinderpsychologen und -psychiater zusammen.Selten ist eine Kooperation wie die zwischen Gesundheitsamt und einer Elterninitiative. Parallel zum Arbeitskreis gründete Petra Gerten aus Dillingen, betroffene Mutter, 2001 eine Selbsthilfegruppe: Die Elterninitiative ADHS, Regionalgruppe Saarlouis. "Im Saarland gab es damals nichts", erzählt Gerten. Daran hat sich nicht viel geändert: Nach Angaben des Bundesverbandes ADHS Deutschland ist die Saarlouiser derzeit wieder die einzige Elterngruppe im Saarland.

Eltern reagieren zunächst oft ablehnend, wenn Erzieher oder Lehrer das Thema ADHS ansprechen, plötzlich von Kinderpsychiater und Lernbehinderung die Rede ist. "Viele wollen es nicht wahrhaben, schämen sich", weiß Gerten. Ein Abend in der Elterngruppe ist dann eine Erleichterung: "Zum ersten Mal können sie erzählen, was mit dem Kind los ist, ohne dass es bewertet wird. Sie merken, dass es anderen ebenso geht." Erfahrenere Betroffene können Tipps zum Umgang mit den Kindern geben, Ärzte oder Therapeuten empfehlen. 15 bis 20 Mütter und Väter kommen regelmäßig zu den Treffen. Um immer auf dem neuesten Stand der Forschung zu sein, besucht Petra Gerten oft Fortbildungen. "Wir haben Kinder schon begleitet von der Grundschule bis zum Berufsleben", erzählt sie. Neue Eltern in der Gruppe profitieren von dieser langen Erfahrung. "Und sie sehen, dass es durchaus Möglichkeiten gibt, ADHS zu meistern."

Viele Familien tun sich schwer, mit der Störung ihrer Kinder offen umzugehen. Schuld daran sind die Vorurteile gegenüber ADHS, die aus Unwissen entstehen, meint Drewitz: "Schlechte Erziehung - das ist ein Schuh, den sich Eltern anziehen müssen. Dass ADHS-ler auf eine normale Erziehung kaum reagieren, können sich viele nicht vorstellen."

Manche Eltern treibt der Alltag an den Rand der Verzweiflung, weiß Gerten: "Bei ADHS-Kindern fängt man jeden Tag neu an. Immer und immer wieder müssen die Grenzen gezogen werden. Jede Kleinigkeit wird zum Kampf: das Zähneputzen, die Hausaufgaben, das Aufräumen. Das ist zermürbend."

Erst wenn nichts anderes mehr greift, wird über Medikamente gesprochen, betont Gerten. "Unsere Erfahrung ist: Die Eltern sind erstmal dagegen, sie haben Bedenken und Vorbehalte." Gerade deswegen ärgert es sie, wenn in der Öffentlichkeit Eltern von ADHS-Kindern so dargestellt werden, als würden sie ihre Kinder mit Tabletten "ruhigstellen", weil sie zu anstrengend seien. "Dabei ermöglicht es diesen Kinder oft erst, ihre Fähigkeiten zu entwickeln", sagt Drewitz. "Man muss abwägen: Wie sehr leidet das Kind? Oder auch: Droht die Familie an der Belastung zu zerbrechen?" In solchen Fällen können Medikamente, die nie Einzelmaßnahme sind, eine Hilfe sein.

"Wenn die Störung früh erkannt wird, wenn die Eltern gut und früh informiert werden, wenn Kita und Schule kooperieren, wenn das Kind mit einer Therapie begleitet werden kann, dann ist ADHS zu händeln", sagt Drewitz. Weitere Unterstützung bieten zum Beispiel Integrationshelfer im Schulalltag oder ein Erziehungsbeistand im Familienleben. "Ideal ist es, wenn auf allen Ebenen zusammengearbeitet wird", meint Drewitz.

Aber dieser Idealfall ist schwierig umzusetzen. Überforderte Lehrer, monatelange Wartezeiten bei Kinderpsychologen und - psychiatern, zu wenige Integrationshelfer, lange Antragszeiten und bürokratische Hürden belasten die Eltern zusätzlich - die Behandlung bedeutet einen großen Organisationsaufwand. "Bis die Diagnose steht, haben die Eltern schon einen Terminmarathon hinter sich", sagt Gerten.

"Man muss sich darüber klar werden, dass das Problem einen lebenslang begleiten wird", sagt Gerten. Auch im Erwachsenenalter haben ADHS-ler noch Schwierigkeiten, etwa mit Selbsteinschätzung und Zeitmanagement. "Dabei sind das tolle Kinder, mit einzigartigen Eigenschaften: Sie sind an allem interessiert, aufgeschlossen, haben einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, sind sehr hilfsbereit, kreativ, originell und rhetorisch geschickt", sagt Drewitz. "Diese Stärken gilt es für sich auszunutzen."

Die Elterngruppe trifft sich immer am ersten Mittwoch im Monat, im Pfarrheim St. Ludwig Saarlouis, Pavillonstraße 23. Die Treffen sind kostenlos, unverbindlich und für alle offen. Nächster Termin ist am Mittwoch, 4. Juli, 19.30 Uhr.

Stichwort

Die Aufmerksamkeitsdefizit-Störung AD(H)S ist eines der häufigsten chronischen Krankheitsbilder bei Kindern und Jugendlichen. Von der genetisch bedingten Wahrnehmungsstörung sind etwa zwei bis sechs Prozent aller Kinder in Deutschland betroffen. Die hyperaktive Formwird meist früh erkannt. ADS (ohne Hyperaktivität) ist die seltenere Form; die introvertierten Kinder fallen oft nicht auf, bis Lern- und Leistungsprobleme auftreten. nic

Hintergrund

Einige Kinder mit ADHS werden schon in der Kita auffällig, die meisten erst in der Schule. Hat der Lehrer einen Verdacht auf ADHS, verweist er die Eltern zunächst an den Schulpsychologischen Dienst. Der führt erste Tests durch und verweist gegebenenfalls weiter an einen Kinder- und Jugendpsychiater. Dieser braucht mehrere Termine und Gespräche mit Eltern, Lehrern und dem Kind, um eine Diagnose zu stellen. "Bis die Störung feststeht, kann es bis zu einem Jahr dauern", weiß Petra Gerten aus Erfahrung.

Petra Gerten leitet die Selbsthilfegruppe Elterninitiative ADHS in Saarlouis. Fotos: Seeber.
Kinder mit ADHS fallen meist erst in der Schule auf. Doch mit der richtigen Behandlung können sie ihren Alltag meistern. Foto: dpa.

Bei der Behandlung von ADHS ist Elternarbeit das Wichtigste von mehreren Modulen. ADHS-Kinder brauchen klare Strukturen, feste Regeln und Rituale. Die Elterninitiative Saarlouis bietet zum Beispiel "Elterntrainings" an. nic

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