"Hier ist einfach Leben pur"

"Hier ist einfach Leben pur"

Die Lebenshilfe St. Wendel hat in den vergangenen Jahrzehnten eine enorme Entwicklung genommen. Heute arbeiten hier 650 Mitarbeiter. Seit 20 Jahren ist Hermann Scharf Geschäftsführer. Im SZ-Gespräch blickt er zurück und nach vorn.

St. Wendel. "Wir müssen uns den behinderten Menschen annehmen, sie beschäftigen. Wir müssen jeden in seiner Behinderung fordern und fördern." Das ist das Credo von Hermann Scharf, einer der beiden Geschäftsführer der Lebenshilfe St. Wendel. Und das schon seit 20 Jahren. Denn seit 1. September 1992 ist der Oberthaler Geschäftsführer der Lebenshilfe.Vor 20 Jahren beschäftigte die Lebenshilfe 48 Mitarbeiter. Sie kümmerten sich in der Tagesstätte um geistig behinderte Menschen, arbeiteten in der Frühförderung und im Kindergarten. Hinzu kamen Verwaltung und Fuhrpark. 20 Jahre später arbeiten bei der Lebenshilfe St. Wendel 650 Mitarbeiter. Es gibt Wohnheime mit 130 stationären Plätzen. Im selbstbestimmten Wohnen leben 60 Behinderte. Die Tagesförderplätze summieren sich auf etwa 100. Neben dem integrativen Kindergarten mit 80 Plätzen gibt es vier integrative Kinderkrippen mit 40 Plätzen. Die Frühförderstelle betreut 200 Kinder. In den Freizeitgruppen sind 200 Behinderte aktiv. Hinzu kommt die Familienhilfestelle.

Darüber hinaus arbeiten seit zehn Jahren Behinderte auf dem Wendelinushof, ein Projekt unter der Trägerschaft des Werkstattzentrums für Behinderte Spiesen-Elversberg (WZB). Auch in den anderen Werkstätten der WZB sind Behinderte aus dem St. Wendeler Land beschäftigt. Mittlerweile ist die St. Wendeler Lebenshilfe auch im Landkreis Merzig-Wadern aktiv, sogar über die Landesgrenze hinweg in den Landkreisen Kusel, Birkenfeld und Bad-Kreuznach.

"Die Geschichte der Lebenshilfe im St. Wendeler Land ist eine Erfolgsgeschichte", freut sich Hermann Scharf. Gegründet wurde sie 1966 von Eltern behinderter Kinder. Noch heute leitet der Vorstand des Trägervereines die Geschicke ehrenamtlich. Hermann Scharf war 1992 der erste hauptamtliche Geschäftsführer.

2001 kam Scharf als CDU-Politiker erstmals in den saarländischen Landtag. Seitdem hat er seine Stelle bei der Lebenshilfe auf eine halbe reduziert. Seitdem gibt es einen zweiten Geschäftsführer, bis zu seinem Tod 2009 war das Klaus Schreiner, heute ist es Peter Schön.

Trotz Doppelbelastung, dass er seine Aufgabe bei der Lebenshilfe aufgeben könnte, kommt für den Christdemokraten nicht in Frage: "Ich bin jeden Tag bei der Lebenshilfe und motiviert wie an meinem ersten Arbeitstag", betont er. Und: "Hier ist einfach Leben pur." Es mache ihm viel Spaß, mit Peter Schön und den Mitarbeiter die Lebenshilfe weiterzuentwickeln.

Bei der Arbeit mit Behinderten hat sich in den vergangenen 20 Jahren viel geändert. Bis Ende 1992 waren Schwerstbehinderte im damaligen Landeskrankenhaus in Merzig untergebracht. "Weggesperrt", sagt Scharf. Ab Januar 1993 wurden diese auf die Landkreise verteilt. In St. Wendel entstanden in der Urweiler Mühle die ersten Wohnheimplätze. In einer eigenen therapeutischen Wohngruppe wurden Behinderte aus dem Landeskrankenhaus untergebracht.

Die Behinderte fördern, beschäftigen, mit ihnen arbeiten, sie, soweit wie möglich, in das gesellschaftliche Leben integrieren. All das, was heute selbstverständlich ist, wurde in den letzten 20 Jahren entwickelt und immer mehr ausgebaut. Wer hätte vor 20 Jahren zum Beispiel daran gedacht, dass geistig behinderte Menschen weitgehend alleine in einer Wohnung leben können. Selbstbestimmtes Wohnen war damals ein Fremdwort. "Wir wollen allen Behinderten ein gutes Leben ermöglichen", so Scharf. 30 Millionen Euro hat die Lebenshilfe in der Region in den zwei Jahrzehnten investiert. Größere Neubauprojekte sind jetzt nicht mehr vorgesehen. "Das, was wir haben, wollen wir erhalten und in kleinen Schritten ausbauen", erklärt der Geschäftsführer.

Trotz aller Freude, eines bedrückt Hermann Scharf: "Alle Plätze in allen Bereichen sind belegt. Es gibt zum Teil lange Wartelisten." Da Nein-Sagen zu müssen, das belaste ihn. Scharf: "Der Kostendruck ist einfach spürbar".

Dass dieser nicht zu groß wird, dafür setzt sich der CDU-Politiker im Landtag ein. Der Sozialexperte ist im neuen Landtag Vorsitzender des Sozial- und Gesundheitsausschusses.