Heute bin ich nicht allein

Heute bin ich nicht allein

Kirkel. An diesem Mittwochvormittag liegt Kirkel unter einer dicken Schneedecke. Trotz des Wetters sitzen im Jochen-Klepper-Haus fast 30 Senioren an zwei langen Tischreihen. Heute wollen sie das machen, was bei vielen im Alltag die Ausnahme ist: ein gemeinsames Mittagessen einnehmen. Sie leben allein, ihre Partner sind gestorben, ihre Familien leben weit weg

Kirkel. An diesem Mittwochvormittag liegt Kirkel unter einer dicken Schneedecke. Trotz des Wetters sitzen im Jochen-Klepper-Haus fast 30 Senioren an zwei langen Tischreihen. Heute wollen sie das machen, was bei vielen im Alltag die Ausnahme ist: ein gemeinsames Mittagessen einnehmen. Sie leben allein, ihre Partner sind gestorben, ihre Familien leben weit weg. Die in die Jahre gekommenden Herrschaften sitzen in freudiger Erwartung vor den gedeckten Tischen. Anneliese Buchringer ist bereits seit vielen Jahren Witwe. Sie ist nach dem Tod des Mannes zu ihren Kindern nach Kirkel gezogen. Doch auch ihre beiden Kinder starben sehr früh. "Es ist eine große Umstellung, plötzlich allein zu leben", sagt die 83-Jährige. Und wenn sie das sagt, so scheint sie sich immer noch nicht wirklich damit abgefunden zu haben. Kaum einer, der heute gekommen ist, wird sagen, er lebe gern allein. In einer Gesellschaft, die immer älter wird, ist Alterseinsamkeit ein zentrales Thema der Zukunft. Im Jahr 2008 lebten im Saarland 179 200 Menschen allein, ermittelte das Statistische Landesamt in einer Stichprobe. 70 000 Saarländer sind verwitwet, davon leben 64 000 in Einpersonenhaushalten.Weil gerade ältere Menschen vom Alleinsein betroffen sind, hat Gemeindepfarrer Florian Geith den regelmäßigen gemeinsamen Mittagstisch ins Leben gerufen. "Uns ist aufgefallen, dass auch in Kirkel viele Menschen alleinstehend oder verwitwet sind. Damit ist häufig Alterseinsamkeit verbunden", sagt Pfarrer Geith und fügt an: "Hier ist die Kirche gefragt, dem etwas entgegenzusetzen". Gesagt, getan: Beim Mittagstisch kann jeder, ob jung oder alt, jeden Mittwoch ab 12.30 Uhr gemeinsam mit anderen essen. Das Essen liefert das Haus Schlossberg. Eine Mahlzeit kostet 4,80 Euro. Darin enthalten sind ein Hauptgericht, Nachtisch, Getränke und Kaffee. "Heute gibt es kleine Schweinshaxe mit Wirsing und Kartoffelbrei", begrüßt Pfarrer Geith die Hungrigen. "In seniorengerechten Portionen, und die Männer können sich Nachschlag holen", sagt Geith und erntet zustimmendes Nicken von den männlichen Herrschaften. Beim Essen sind sie lieber Mann, statt altes Eisen. Geith nennt die Anwesenenden "Pioniere". In Limbach gibt es im ASB-Seniorenzentrum Leibs Heisje einen Mittagstisch, aber in Kirkel habe es so etwas noch nicht gegeben. Nach einem kurzen Tischgebet fangen alle an zu essen. Saßen bisher die meisten eher abwartend nebeneinander, lockert sich jetzt die Stimmung. Es wird geredet und gelacht. Viele kennen sich seit vielen Jahren. Liesel Mackert ist mit ihrem Mann Ernst gekommen. Sie sind jetzt 65 Jahre verheiratet und haben schon gemeinsam die Schulbank gedrückt. Um sie herum sitzen viele ehemalige Klassenkameraden. Alle Jahrgang 1922. Sie freuen sich, dass sie sich wiedersehen. Und so steht die Geselligkeit für die meisten im Vordergrund. "Ich bin froh über die Abwechselung und komme mal raus aus meinen vier Wänden", sagt Anneliese Buchringer. Eine Freundin hat sie heute mitgenommen. Bei diesem ersten Mittagstisch war die älteste Teilnehmerin 98 Jahre alt. Viele sind um die 85 Jahre alt. Helga Neuschwander ist eine der fünf Helferin an diesem Tag. "Es muss sich erst alles einspielen, und ich hoffe, dass wenn es sich rumgesprochen hat, auch Jüngere ihren Weg herfinden", sagt sie. Fast alle, die sich im Vorfeld angemeldet haben, seien gekommen. Helga Neuschwander hat wegen des Wetters drei Senioren mit ihrem Wagen abgeholt. Die Meisten wollen wiederkommen. Meinung

Man ist, mit wem man is(s)t

Von SZ-Redaktionsmitglied Fabian Bosse Wer es gewohnt ist, mit der Familie, dem Partner oder mit den Freunden zu essen, der merkt erst, wie schön das ist, wenn er einmal allein vor seinem Teller sitzt. Man mag es sich gar nicht vorstellen, das jeden Tag machen zu müssen. Der Anteil der Menschen, für die das Alleinsein zum Alltag gehört, nimmt zu. Aufgrund des demografischen Wandels wird Alterseinsamkeit zukünftig ein zentrales Thema in unserer Gesellschaft. Mittagstische reagieren auf diesen Trend und übernehmen angesichts dieser Entwicklung eine wichtige Funktion. Sie holen die Menschen aus ihrem Alltag, geben das Gefühl von Zugehörigkeit und zeigen anderen: "Hallo, ich bin noch da". Warum einen Mittagstisch nicht in den Alltag integrieren? Warum nicht die Mittwochs-Mittagspause im Jochen-Klepper-Haus verbringen?

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