Anbitur-Rede 2022 „Was ist unsere Rolle in dieser neuen, militärisch und rhetorisch aufgerüsteten Zeit?“

Meinung | Blieskastel · Tausende junger Menschen haben im Saarland gerade ihr Abiturzeugnis bekommen, der Start in einen neuen Lebensabschnitt. Zur Abi-Feier gehört traditionell auch die Abitur-Rede. Stellvertretend hier (in Auszügen) die Rede von Leander Denzer, der am Von-der-Leyen-Gynasium in Blieskastel sein Abitur abgelegt hat. Zugleich ein Essay über den Begriff der Freiheit.

 Leander Denzer hat am Von-der-Leyen-Gymnasium in Blieskastel Abitur gemacht.

Leander Denzer hat am Von-der-Leyen-Gymnasium in Blieskastel Abitur gemacht.

Foto: Leander Denzer

Liebe Lehrerinnen und Lehrer, liebe Eltern, Großeltern, Geschwister, Verwandte und Freunde, meine lieben Mitschülerinnen und Mitschüler,

„Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten:“ Wir kennen diese erschütternde Erkenntnis nicht nur aus Bertolt Brechts Gedicht „An die Nachgeborenen“. Vielmehr trägt jeder von uns diesen Satz nun schon seit Monaten mit sich. Brecht wandte sich in seinem Gedicht an uns, die wir seiner Generation nachfolgen. Er glaubte, er müsse uns eine Welt verständlich machen, die von Fanatismus und Kriegsgebrüll erfüllt ist. (...) Er glaubte, dass alle Menschen heute, fast ein Jahrhundert nachdem er diese Verse niedergeschrieben hat, in Frieden und miteinander leben würden. Er hat sich getäuscht.

Ich bin mir sicher, einige von Ihnen würden heute von mir lieber etwas anderes hören (...) Sie meinen, der heutige Tag, der Abschluss unserer Schullaufbahn, hättet nichts mit den Dingen zu tun, von denen ich spreche. Und ich gebe Ihnen recht. Bis heute waren wir nur Schüler, siebzehn, achtzehn Jahre jung, wir haben noch nichts von der Welt gesehen und nur wenig von ihr verstanden. Was dort draußen in der nahen Weite geschieht, steht kaum in einer Verbindung zu dem, was wir bis heute getan haben. (...)

Ab heute müssen wir uns ernsthaft Gedanken machen, wie wir in dieser Welt agieren wollen. Viel mehr als ein achtzehnter Geburtstag steht doch der Schulabschluss für den Übertritt in das Erwachsenenleben. Was ist unsere Rolle in dieser neuen, militärisch und rhetorisch aufgerüsteten Zeit? Müssen wir tapfer sein? Mutig? Kampfbereit? Vaterlandstreu? Ich kann diese Fragen nicht beantworten, aber ich kann nur hoffen, dass wir alle uns intellektuell damit auseinandersetzen und nicht einfach die Antworten anderer übernehmen. (...)

Das Abiturzeugnis, das wir heute ausgehändigt bekommen, ist nicht die größte Auszeichnung, die wir in unserem Leben erhalten werden. (...) Aber dieses läppische Stück Papier, das wir heute in die Hand gedrückt bekommen, eröffnet uns die Möglichkeit, unseren Wünschen und Hoffnungen nachzugehen. Es ermöglicht uns, wirklich frei zu sein, befreit aus der Geiselhaft des Klassenzimmers, befreit von den Vorstellungen unserer Eltern, befreit von unliebsamen Fächern und vielleicht auch von einigen unliebsamen Menschen. (...)

Ich spreche nicht von einer Freiheit, die amerikanische Präsidenten gerne propagieren, nicht von der Freiheit zu tun und zu lassen, was man will. Ich spreche von der Freiheit, Entscheidungen zu treffen, die gut und richtig sind.

Sich dieser Freiheit bewusst zu werden, bedarf es Geduld, sich an ihr auf richtige Weise zu bedienen, bedarf es Reife, sich ihrer zu bemächtigen, bedarf es Willen. Und um diese Qualitäten zu erlernen, brauchen wir Bildung.

Stellen wir uns einmal vor, das Erlernen des freien Denkens und guten Handelns wäre oberstes Ziel einer schulischen Karriere. Dann wäre das Abiturzeugnis die Beglaubigung dafür, dass ein Schüler dieses Ziel erreicht hat und jetzt frei sein kann.

Ich wünschte, ich könnte hier verkünden, dass wir in der Schule zu frei denkenden und zum guten Handeln befähigten Menschen erzogen wurden. Und ich kann zu meiner Freude sagen, dass viele unserer Lehrerinnen und Lehrer sich zumindest Mühe gegeben haben.

Aber wen würde ich anlügen? Auch ich habe 12 Jahre lang auf schlecht verputzte Wände gestarrt, während Lehrer versucht haben, Wissen in unseren Kopf zu pressen, von dem andere Menschen denken, es wäre wichtig für uns, sei es aufgrund überholter Traditionen oder um uns bereit zu machen für die leistungs- und gewinnorientierte Welt, für die wir unser restliches Leben nun opfern sollen.

Nein, auch wenn offenbar ein schulisches Zeugnis notwendig ist, um uns als befähigt auszuzeichnen, gute Entscheidungen zu treffen, Geduld, Reife und Willen, einen moralischen Kompass und dadurch Freiheit finden wir besser außerhalb der Schule. Die Freiheit finden wir in unserem Bücherschrank, in unseren Playlisten, auf Sportplätzen, bei unseren Familie oder im Freundeskreis. Die Freiheit finden wir dort, wo wir lernen, was es bedeutet, menschlich zu sein.

Nutzen wir also unsere neu gewonnene Freiheit! Suchen wir unseren Platz in dieser Welt, helfen wir anderen, ihren Platz zu finden und wenn wir feststellen müssen, dass es den gewünschten Platz noch nicht gibt, dann schaffen wir ihn uns. Lassen wir uns nicht aufhalten von Gepflogenheiten, die angeblich unabdingbar sind, hinterfragen wir Althergebrachtes, zerschlagen wir Traditionen und räumen die tausend Jahre alte Rumpelkiste unserer Weltgemeinschaft auf (...)

Denn Freiheit ist nicht nur etwas persönliches. Wer sich für frei hält, übernimmt Verantwortung für sein Handeln und für die Folgen seiner Taten. Der freie Mensch hat eine Verantwortung für die Menschheit, dass seine Freiheit anderen Menschen nicht schadet, dass seine Handlungen darauf gerichtet sind, allen Menschen Gutes zu tun. Und glaubt nicht, dass ihr niemandem schadet, wenn ihr nichts tut. Die alten Griechen hatten einen Ausdruck für Personen, die sich von öffentlichen Angelegenheiten fernhielten. Sie nannten diese Leute „Idiotes“, der Begriff „Idiot“ hat sich gehalten. (...)

Verschließen wir also nie die Augen vor der Dunkelheit unserer Zeit. Verteidigen wir mit sanfter Kraft, was uns schützenswert erscheint. Bekämpfen wir mit gleichem Einsatz das alte Verkrustete sowie die aus der Asche des Überkommenen auflohende neue Flamme der dunklen Gewalt. So tauchen wir auf aus der Flut, in der das wirklich Vergangene untergehen muss, so bereiten wir den Boden für Freundlichkeit, so setzen wir den Samen für eine wirklich neue, wirklich bessere Zukunft. (...) Das alles kann heute beginnen. (...)

Leander Denzer ist 18 Jahre alt und wohnt in Niederwürzbach. Demnächst will er ein Lehramtsstudium aufnehmen – in den Fächern Deutsch, Musik und Philosophie. Außerdem macht er eine Ausbildung zum nebenamtlichen Kirchenmusiker.