1. Saarland

Heiraten am laufenden Band

Heiraten am laufenden Band

Karlsbrunn. Der gestrige 12. 12. 2012 war als Hochzeitstag in der Beliebtheit der Deutschen nicht zu überbieten. In der gesamten Republik legten Standesbeamte und Geistliche Sonderschichten ein, um alle Heiratswilligen auch zusammenzuführen

Karlsbrunn. Der gestrige 12. 12. 2012 war als Hochzeitstag in der Beliebtheit der Deutschen nicht zu überbieten. In der gesamten Republik legten Standesbeamte und Geistliche Sonderschichten ein, um alle Heiratswilligen auch zusammenzuführen. In der Gemeinde Großrosseln wurde dem Schnapszahlen-Termin sogar noch eine weitere Besonderheit abgewonnen: Erstmals war es möglich, im ehemaligen Jagdschloss in Karlsbrunn vor den Standesbeamten zu treten. Das Paar, das diese Chance ergriff, stammt aus der Gemeinde: Die 24-jährige Eva Quinten aus Karlsbrunn, die in der Curamed-Klinik arbeitet, und der 28-jährige Saarstahl-Mitarbeiter Yves Müller aus Dorf im Warndt kennen und mögen das 1769 von Fürst Ludwig von Nassau-Saarbrücken als Lustschloss und Jagdresidenz erbaute Schlösschen seit längerem. Wer, wenn nicht sie, sollte beim Heiraten also den Anfang machen? Der Termin war auf 11 Uhr festgelegt. Dass es nicht um 12 Uhr klappte, was die Datumssymbolik auf die Spitze geschraubt hätte, lag nach Auskunft aus der Schar der Hochzeiter daran, dass die Beamten dann leider Mittagspause hätten. Bürgermeister Jörg Dreistadt dagegen versicherte, dass man das "auch hinbekommen" hätte, wenn es gewünscht worden wäre. Sei es drum, da vor der Tür und hinter dem Haus im Forstgarten sechs Grad minus herrschten und die Spaßvögel das locker auf minus 12 Grad zusammenrechneten, war die Zahlenwelt im Lot. Außerdem ging die barocke Standuhr im neu eingerichteten Trauzimmer eine Stunde vor. Schlag 12 also schritt Dreistadt zu einer der angenehmsten Amtshandlungen, die ein Verwaltungschef ausüben darf, und verhalf dem jungen Paar in den Ehestand. Am Nachmittag folgten drei weitere standesamtliche Trauungen in dem Haus.In Großrosseln heiraten jährlich etwa 25 bis 30 Paare. Der Gemeinde wäre es nicht unlieb, wenn möglichst viele dafür das Jagdschloss wählten. Nicht wegen der 66 Euro "Aufgebühr", die in der Außenstelle gegenüber einer Hochzeit auf dem Standesamt fällig werden. Es geht darum, das denkmalgeschützte Gemäuer, dessen Zukunft nach dem Auszug des Saarforstes vage ist, mit Leben zu erfüllen und ihm einen festen Platz im kulturellen Leben zuzuweisen. Um Trau- und Empfangszimmer (fürs Warten und Sekttrinken) zu bewerben, wurden dank Hilfe des Regionalverbandes Saarbrücken barocke Möbel und Einrichtungsgegenstände platziert. Man habe versucht, "mit wenigen Mitteln etwas Schönes" zu bieten, so Kerstin Gillet, Mitarbeiterin des Standesamtes. Die Räume sind schlicht, wirken wegen des Parkettbodens und der niedrigen Decke gemütlich und freundlich. An den Wänden hängen einige Scherenschnitte (Silhouetten), laut Gillet zu Barockzeiten das Mittel, sich künstlerisch verewigen zu lassen. Die Hochzeiten werden als "Mariage à la Silhouette" beworben. Die Hochzeiter können während der Zeremonie die Blicke in den Forstgarten schweifen lassen, wo im übrigen beste Möglichkeiten für Fotografien bestehen. "Mit wenigen Mitteln Schönes bieten."

Kerstin Gillet, Standesamt

Hintergrund

Das neue Trauzimmer, das die Gemeinde Großrosseln im barocken Jagdschloss Karlsbrunn eingerichtet hat, ist der erste Schritt zu einer Neunutzung des Denkmals. Wie weitere Schritte aussehen könnten und wer sie wann geht, ist aber offen. Der Saarforst-Landesbetrieb hat sich als Nutzer und Eigner zurückgezogen; der Bau ist nun in Landesbesitz.

Acht Trauungen waren gestern in der Gebläsehalle im Völklinger Weltkulturerbe angesetzt. Das Jawort gaben sich hier auch Doris Hoffmann (46) und Ralf Kaufmann (46, Foto). Oberbürgermeister Klaus Lorig fungierte als Standesbeamter, und Maria Kaufmann und Gabriel Schmitz waren als Trauzeugen dabei. hj/Foto: Jenal
Das Trauzimmer ist neu. Doch sonst ist immer noch offen, was aus dem historischen Jagdschloss in Karlsbrunn wird. Foto: Oliver Dietze

Seit 2009 sind mehrere Konzepte für Sanierung, Umbau und Nutzung des Jagdschlosses erarbeitet worden. Landes-Finanzierung, zunächst zugesagt, fiel bald dem Rotstift zum Opfer. Derzeit sucht vor allem die Gemeinde nach Wegen, Förderung aus dem europäischen Leader-Programm für das Schloss-Projekt zu gewinnen. dd