1. Saarland

Heimatgrüße vom Pik Lenin

Heimatgrüße vom Pik Lenin

Da oben hast Du nichts zu suchen." Es waren verzweifelte Signale, die Patrick Klemmers Körper sendete. Doch der Kampfgeist des St. Ingberter Bergsteigers ignorierte die Warnhinweise. Nie zuvor hat der 38-Jährige seinen Körper stärker herausgefordert als in diesem Sommer. Und nie zuvor stieg Patrick Klemmer höher hinaus

Da oben hast Du nichts zu suchen." Es waren verzweifelte Signale, die Patrick Klemmers Körper sendete. Doch der Kampfgeist des St. Ingberter Bergsteigers ignorierte die Warnhinweise. Nie zuvor hat der 38-Jährige seinen Körper stärker herausgefordert als in diesem Sommer. Und nie zuvor stieg Patrick Klemmer höher hinaus. Dem 6059 Meter hohen Chulu Far East in Nepal, den Klemmer im Herbst 2010 bezwang (wir berichteten), folgte jetzt eine Expedition ins zentralasiatische Pamir-Gebirge, das sich die Volksrepublik China, Tadschikistan, Afghanistan und Kirgistan teilen. Das Ziel: der Gipfel des 7134 Meter hohe Pik Lenin.In dieses Abenteuer der mittelschweren Kategorie stürzte sich Klemmer mit vier weiteren Bergsteigern. Drei kamen aus Bayern und Baden-Württemberg, ein weiterer aus der Pfalz. "Aber er war trotzdem in Ordnung", scherzt der St. Ingberter.

Der Pik Lenin ist der zweithöchste und bekannteste Berg dieses Hochgebirges. Der höchste Berg dieser Gegend ist mit 7495 Metern der Pik Ismoil Somoni, der zu Sowjetzeiten auf Namen wie Pik Stalin und später Pik Kommunismus hörte.

Der Name Pik Lenin hat den Zusammenbruch der Sowjetunion überlebt - und anscheinend nicht nur der. Die Gruppe hielt sich gerade im Basislager Achik Tash auf, als draußen ein Militär-Jeep hielt. "Ein stämmiger Soldat stieg aus, begleitet wurde er von einem deutschsprachigen Kameraden, der wiederum seine Kalaschnikow dabei hatte", erinnert sich Klemmer. Der Grund des Besuchs: Weil am Pik Lenin die Grenze zwischen Kirgisistan und Tadschikistan verläuft, brauchen alle Bergsteiger eine Genehmigung - doch sie fehlte bei einem Mitglied der deutschen Expedition.

So ist das: Noch bevor das Abenteuer richtig starten konnte, galt es also erst einmal die Nerven zu behalten. Und das längst nicht nur während des Soldaten-Besuchs. Auf der Reise von Frankfurt/Main über Istanbul in die kirgisische Hauptstadt Bischkek blieb das Gepäck in der türkischen Metropole stecken. Erst mit dreitägiger Verspätung traf die mit rund 4000 Euro recht wertvolle Fracht ein. Blieben also noch 17 Tage, um den Gipfel zu erzwingen.

Doch einfach drauf los zu marschieren, um am Abend das nächsthöhere Lager zu erreichen - so einfach ist das Bergsteigen nicht. Seit 27 Jahren ist Patrick Klemmer im Geschäft, er hat in dieser Zeit 23 Berggipfel von mindestens 4000 Metern Höhe bestiegen, deshalb gilt er als sehr erfahren. Und diese Erfahrung ist lebenswichtig. "Es ist ganz wichtig, dass man hoch und runtergeht, sonst macht der Körper irgendwann nicht mehr mit." Geht es zu schnell zu hoch, kann ein Lungenödem auftreten. Das Höhenprofil, nach dem die Expeditionsteilnehmer deshalb aufsteigen, gleicht dem einer Bergetappe bei der Tour de France - auch hier geht's oft steil bergauf, zwischendurch aber auch wieder steil herab. Und das bis zu 16 Stunden täglich, mit rund 15 bis 20 Kilogramm Gepäck auf den Schultern. Logisch, dass abends jeder nur noch in seinen Schlafsack kriechen will. Doch so schnell geht es nicht. Klemmer: "Man ist schon relativ kaputt, muss aber zunächst Eis und Schnee hacken, den Zeltplatz präparieren und eine Kleinigkeit essen. Auf dem Speiseplan standen meist Reise-Lunch-Pakete. Das sind Beutel, deren Inhalt mit Wasser aufgekocht wird, ähnlich wie eine Fünf-Minuten-Terrine. "Durch den Sauerstoffmangel arbeitet der Verdauungstrakt langsamer, deshalb braucht man nicht viel zu essen." Umso wichtiger ist das Trinken. Vier Liter Tee sollten es schon sein.

Die Tagesetappen starteten in den Morgenstunden, meist zwischen fünf und sieben Uhr bei totaler Dunkelheit. "Zu dieser Uhrzeit war das Eis noch richtig fest gefroren", erinnert sich Patrick Klemmer. Bei diesem Pensum ist jede Sekunde Schlaf Gold wert. Ungemütlich wird's, wenn die Nachtruhe unterbrochen wird - genau das ist in 6100 Metern Höhe in der Nacht vor dem Anstieg zum Gipfel passiert: "Plötzlich hat das ganze Zelt gewackelt, wie bei einem Erdbeben. Tatsächlich muss wohl irgendwo in der Nähe eine Lawine heruntergekommen sein."

Nicht nur deshalb wurde der letzte Tag so richtig ungemütlich, lag doch das "Messer", die schwierigste Stelle der gesamten Expedition, noch vor den fünf Deutschen. "Da geht es auf einer Strecke von 70 Metern in 50 Grad Neigung nach oben." Bei etwa 6800 Metern stieß dann auch Klemmer an seine Grenzen. Weil mit jedem Höhenmeter der Sauerstoffgehalt immer kleiner wurde, benötigte Klemmer immer mehr Atempausen - allein die letzten 200 Höhenmeter dauerten etwa zwei Stunden. Die körperliche und psychische Herausforderung erreichte ihren Höhepunkt. "Ich bin drei Marathons gelaufen, aber jede Tagesetappe am Berg ist schlimmer", vergleicht Klemmer. Eine gute konditionelle Verfassung ist die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Expedition. In Form bringt sich der St. Ingberter in der Heimat - etwa durch Winterbegehungen in voller Bergsteiger-Montur auf den Stiefel.

Kurz darauf war es dann soweit, der Gipfel endlich erreicht. "Wir haben uns gratuliert, uns kurz umarmt, das Gipfelglück genossen und ein paar Fotos gemacht." Hier hat Patrick Klemmer sein Wort gehalten. Im Gepäck war wieder der St. Ingberter Stadtwimpel dabei, diesmal aber auch eine Deutschlandfahne mit Saarlandwappen. Nach nicht einmal zehn Minuten begann schon wieder der Abstieg. Im vorgeschobenen Basislager in 4400 Metern Höhe wurden die fünf Deutschen mit Krimsekt und einer Torte begrüßt. In diesen gut ausgestatteten Lagern bot es sich an, via Internet und Satellitentelefon Kontakt mit der Heimat aufzunehmen. Trotzdem: Eitel Sonnenschein wollte sich nicht so recht einstellen. Während des Abstiegs regnete es plötzlich bis zu handtellergroße Steine. Verletzt wurde zum Glück niemand. Zudem erfuhr die Gruppe vom Schicksal einer russischen Bergsteigerin, die sie im ABC-Lager kennengelernt hatten. Vier Tage später wurde sie am Pik Ismoil Somoni von einer Eislawine getroffen und tödlich verletzt.

Anschließend reiste die Gruppe noch durchs Land, schließlich war es Klemmers erster Besuch in der früheren Sowjet-Republik Kirgisistan. Ziel war der Issyk-Kul-See, wo die Badehose Daunenjacken und Bergsteigerschuhe ersetzte.

Unter die Schwimmer will Patrick Klemmer aber nicht gehen. "Kurz nach unserem Abstieg dachte ich: Einmal auf 7000 Meter und nie wieder - das habe ich aber nach zwei Tagen schon wieder verworfen." In den nächsten Jahren wird er wohl des Öfteren in den Alpen zu sehen sein, aber auch das Himalaya-Gebirge bleibt ein Thema. Unweigerlich kommt dabei auch der Mount Everest ins Gespräch. Klemmer: "Da bin ich realistisch - das ist zu gefährlich." Vielleicht sehen wir den St. Ingberter Wimpel ja irgendwann vom Gipfel des sechsthöchsten Berges der Erde, dem Cho Oyu. Der ist noch einmal schlappe 1000 Meter höher als der Pik Lenin. "Ich bin drei Marathons gelaufen, aber jede Tagesetappe am Berg ist schlimmer."

Patrick Klemmer, Bergsteiger