| 00:00 Uhr

Wenn ein „Mauserche“ auf den Teller kommt

Saarbrücken. Manchmal reichen bloß ein paar Hundert Meter – und schon heißt etwas ganz anders. Ein neuer Sprachatlas dokumentiert vorbildlich die Dialektvielfalt der Regionen Saarpfalz, Pfalz und Rheinhessen. Oliver Schwambach

Mundart bedeutet Farbigkeit. Gäbe es allein das Hochdeutsche, es wäre von Flensburg bis Garmisch ein Einerlei. Im Dialekt aber blüht Vielfalt, so unterschiedlich wie Menschen Dinge beim Namen nennen. Der "Wortatlas für Rheinhessen, Pfalz und Saarpfalz", den der Mainzer Sprachwissenschaftler Georg Drenda als Ergebnis sechsjähriger Forschungsarbeit vorgelegt hat, spiegelt das am Beispiel von 96 Begriffen aus dem Alltagsleben höchst informativ.

Der Dialektforscher fragte nach Begriffen für Essen, Trinken, Haushaltsgegenstände, Tiere und Pflanzen. Heimatforscher und Museen der Region unterstützen ihn bei der Erhebung. In den Blick nahm Drenda die Regionen Rheinhessen, Pfalz und Saarpfalz. Aus saarländischer Perspektive zwar nur ein schmaler Streifen im Osten des Landes, mit dem Fokus auf Orte wie Rubenheim , Bexbach, Oberwürzbach, Altheim und Gersheim. Aber gerade der Vergleich mit der nahen Pfalz macht den Reiz aus. Auf Sprachkarten übersichtlich dokumentiert zeigt sich, dass sich Sprache nur bedingt an Landesgrenzen hält. Die Übergänge sind fließend, aber an seinem Dialektbegriff etwa für die Hagebutte könnte man einen Sprecher ortsgenau zuordnen. "Arschkrätzelche" heißt es etwa in Gersheim, "Arschgrezche" nur ein paar Kilometer weiter in Altheim . Und fährt man noch weiter östlich, etwa nach Waldfischbach, wird daraus ein "Arschkitzelche". Weshalb die Pfälzer die abführende Wirkung der Hagebutte weniger derb auf den Punkt bringen, das allerdings lässt auch der Sprachatlas offen. In Rheinhessen hatten die Befragten vielfach gar kein Dialektwort mehr für die rote Frucht parat. Wohl auch, weil man dort nahe an städtischen Ballungsräumen lebt.

Reizvoll auch, wie unterschiedlich der Feldsalat aufgetischt wird, vom "Mauserche" (Rubenheim ) über "Fileppcher" rund um Kaiserslautern zum "Wingertsalat" bei Landau (von Wingert für Weinberg) reicht das. Auch hier überwiegt nahe Mainz der hochdeutsche "Feldsalat". Die Stadt bekommt dem Dialekt offenbar schlecht. Verdienstvoll auch, dass Drenda den aktuellen Erhebungen Erfassungen gegenüberstellt, die vor 80 Jahren entstanden. Man kann also sehr präzise verfolgen, wie sich Sprachgewohnheiten wandeln.

"Wortatlas für Rheinhessen, Pfalz und Saarpfalz": Georg Drenda, Röhrig-Universitätsverlag, 360 Seiten, 29,80 Euro.