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Industriekultur
„Warum sind Industriedenkmäler Altlasten?“

Die Gebläsehalle in Differdange. Hier soll das luxemburgische Science-Center einziehen. Saarbrücker HTW-Studenten hatten Ideen zur Umnutzung.
Die Gebläsehalle in Differdange. Hier soll das luxemburgische Science-Center einziehen. Saarbrücker HTW-Studenten hatten Ideen zur Umnutzung. FOTO: ReFakt/Köehler / ReFakt
Saarbrücken. HTW-Professor Köehler ist besorgt, denn es herrscht Stillstand in der Industriekultur-Entwicklung. Von Cathrin Elss-Seringhaus
Cathrin Elss-Seringhaus

Er kennt Industriebrachen im Hafen von Livorno, in Sevilla oder in Troyes oder hat sich mit der Umnutzung leer stehender Kasernen in Thionville befasst – Bauen im Bestand ist ein Schwerpunkt-Thema von Professor Klaus-Dieter Köehler (65). Seit 1991 lehrt er Architektur und Bauingenieurwesen an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Saar (HTW), im März geht er in Ruhestand – und er sorgt sich um das, was er im Bereich Industriekultur seit 13 Jahren aufgebaut hat: „ReFakt“. Das ist ein internationales Kooperations-Netzwerk von fünf Hochschulen in Florenz, Sevilla, Nancy, Brünn und Saarbrücken. Jährlich findet ein Workshop mit Studenten statt, Partner sind Behörden, Städte, Unternehmen. Zwischen 10 000 und 30 000 Euro kostet ein Projekt. Köehler selbst will noch den Workshop 2018 leiten, der sich mit dem Rundlokschuppen in Berlin-Pankow (1893) beschäftigt. Das Berliner Zentrum für Industriekultur zeigt sich darüber in einem Brief höchst erfreut: Der Workshop könne dazu beitragen, die Bedeutung gegenüber dem Eigentümer und der Öffentlichkeit zu steigern und womöglich ein „größeres Engagement bezüglich der Erhaltung“ auszulösen.



Es geht also nicht um realistische Umnutzungs- und Sanierungspläne, die die Workshops bringen, sondern um Aufmerksamkeits- und Imagezuwachs. „Wir liefern keine Lösungen, sondern aktivieren das Nachdenken über die Flächen“, sagt Köehler. Er hofft, dass sein Lehrstuhl-Nachfolger bereit ist, „ReFakt“ fortzuführen. Laut Köehler wurde der Teilaspekt Industriekultur bei der Ausschreibung nicht berücksichtigt. Zwar wird an der HTW Industriekultur durch einen externen Lehrbeauftragten abgedeckt, aber anders als etwa im sächsischen Freiberg gibt es im Saarland keinen Industriekultur-Masterstudiengang.

Doch immerhin ein an der HTW durch Köehler entwickeltes industriekulturelles Know-How, Ideen- und Kontakt-Potenzial. Doch nachgefragt wurde und wird letzteres hierzulande nicht. Erst ein Mal, zum Start der ReFakt-Workshop-Serie 2005/2006, haben die Studenten im Saarland gearbeitet, im Völklinger Weltkulturerbe. Köehler hält für dieses Objekt ein Weiterdenken über die 2020 abgeschlossene Sanierungsphase und die museale Ausrichtung hinaus für überlebensnotwendig, um neue Geldquellen zu erschließen. Seine Perspektive: die Einrichtung einer Forschungs- und Weiterbildungs-Institution für Sanierungstechniken, ein Technologiezentrum für Industriekultur, mit getragen von großregionalen Partnern, etwa dem Science Center in Differdange (Luxemburg). Studien- und Seminargebühren könnten Einnahmen bringen.



Rund zwei Jahre alt ist diese Idee. Außer einem Werbe-Flyer kam nichts zu Stande. „Industriekultur ist hier nur verbal in“, so Köehler. Er beobachtet einen „Stillstand“. Seiner Meinung nach fehlt eine grundsätzliche Entscheidung und Haltung der Politik zum Industrie-Erbe: „Ist es Last oder Chance?“ Mit dem kürzlich vollzogenen Wechsel der Zuständigkeit aus dem Wirtschafts- ins Kultusministerium verbindet der HTW-Professor keinerlei Erwartungen, unabhängig davon, dass er Minister Ulrich Commerçon (SPD) Engagement zubilligt. Einen „Ruck“ könne dies alles allein deshalb nicht auslösen, meint er, weil sich die Regierung nicht auf das „Wohin“ geeinigt habe, kurz: „Weil es keine Richtung gibt. Ich halte den neuen Zuschnitt für nahezu bedeutungslos.“

Dabei, meint Köehler, sei die Industriekultur ein Junktim der Großregion, also auch bestens geeignet, um europäische Projektegelder zu generieren. Vor allem aber sieht er sie als Markenkern: „Dass wir auf diesem Feld Erfahrungsvorsprung haben, muss man niemandem erklären, das nimmt uns jeder sofort ab.“ Köehler, der aus Stuttgart stammt, kann nur den Kopf schütteln darüber, wie wenig das Saarland aus seiner einzigartigen Historie macht. Die Industriedenkmäler oder auch die ehemalige französische Botschaft (Pingusson-Bau) würden als „Altlasten“ wahrgenommen und nicht als Identitätsstifter und Identitätsstabilisatoren.

Klaus-Dieter 
Köehler
Klaus-Dieter Köehler FOTO: Köehler