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Ende des Ersten Weltkriegs in der Region
„Ich nahm den Browning mit“

Das Ende des großen Krieges in der Region: Französische Wachposten (rechts) stehen in Saarbrücken. Vielerorts in der Region entstand eine Art Machtvakuum, weil nicht klar war, wer das Sagen hatte.
Das Ende des großen Krieges in der Region: Französische Wachposten (rechts) stehen in Saarbrücken. Vielerorts in der Region entstand eine Art Machtvakuum, weil nicht klar war, wer das Sagen hatte. FOTO: picture-alliance / akg-images / dpa Picture-Alliance/akg-images
St. Wendel. Das Ende des Ersten Weltkriegs in der Region ist nur bruchstückhaft dokumentiert. Die Erinnerungen des damaligen St. Wendeler Landrats Hermann Sommer geben aber einen plastischen Eindruck. Von Cathrin Elss-Seringhaus
Cathrin Elss-Seringhaus

„Am 11. November kommt die Nachricht, dass der Sozialdemokrat Scheidemann, seit kurzem kaiserlicher Staatssekretär – vielleicht zu spät geworden – die Deutsche Republik ausgerufen habe. Ich bin also auf einmal politischer Beamter einer von Sozialdemokraten verwalteten revolutionären Republik. Am selben 11. November erfahren wir, dass an allen Fronten Waffenstillstand eingetreten ist, die genauen Bedingungen ahnt niemand. Ich selbst als Landrat erfahre sie einen Monat später. Je mehr in Innerdeutschland bald alles durcheinander geht, desto mehr erlischt meine Verbindung dorthin. Allein auf mich angewiesen, schalte und walte ich bald nur noch nach eigenem Gutdünken weiter. (...)



Schon eine ganze Weile nach dem Waffenstillstand beginnen Gruppen von Soldaten auf der Bahn und Landstraße vor meinem Hause vorbei von der Front zum Rhein zu fluten. Es waren Ausreißer aus der Etappe, in der nicht die wertvollsten Teile der Armee gesteckt hatten. Dauernd sah man die hässlichsten Bilder. Die Soldaten hatten sich ihre militärischen Abzeichen abgerissen und dafür rote Fetzen angeheftet. Nach diesen Ausreißern kam geschlossen die Etappe meist auf der Landstraße. (...) Für Sonntag, den 11. November, hatte ich schon Ende Oktober die übliche Sonntagsvolksversammlung für mehrere Gemeinden, darunter unsere größte Bergarbeitergemeinde Marpingen, angesagt. Meine Beamten fragten mich, ob wir sie des allgemein in Deutschland siegenden Umsturzes wegen nicht absagen sollten. Ich antwortete, dass mir dies mit Recht als ein Zeichen von Freiheit ausgelegt werden könnte. Ich hielte zur Wahrung der Würde meines politischen Staatsamts für erforderlich, dass ich führe. Anders läge die Sache für meine Hilfsarbeiter. Ich stelle jedem anheim, hier zu bleiben. Niemand bleibt zurück. Ich nahm den Browning mit. (...)

Anders in Marpingen: Der große Saal Schulter an Schulter gefüllt von hunderten von Menschen. Erregte Stimmung. (...) Ich empfehle, den Blick nicht rückwärts, sondern vorwärts zu richten, in die wahrscheinlich ohnedies schwere Zukunft. Nach Westen zu schauen, woher bald die Franzosen einmarschieren werden. Kurz vor Schluss meldet mir besorgt und warnend der Gendarm, es wären ein paar unheimliche Kerle, wahrscheinlich aus Saarbrücken, im Hausgang, es wären offenbar Revolutionäre. (...) Aber draußen am Auto treten mir die drei fremden Leute entgegen. Sprechen mich in wenig freundlichem Ton an. In Deutschland und Saarbrücken sei die alte Staatsgewalt gestürzt. (...) Auf Verlangen räumte ich bis zum Zusammentritt dieses großen „Rats“ dem St. Wendeler Arbeiter- und Soldatenrat ein kleines Zimmer im Landratsamt ein. Dort verteilten seine Vertreter bald rote Armbinden mit entsprechendem Aufdruck und schrieben eine Unzahl Ausweise. (...)



Meine letzte amtliche Berührung mit dem Deutschen Reich war, dass sich in diesen Tagen plötzlich zwei Militärbeamte, Proviantamtsleiter, mit der Mitteilung meldeten, sie hätten den Auftrag, für den Rückmarsch der Front in St. Wendel zwei große Proviantämter einzurichten und mir zu übergeben. Die Proviantzüge würden sofort eintreffen; sie bäten mich, ihnen geeignete Räume zur Verfügung zu stellen. Ich hätte die Herren umarmen können, die in tadelloser militärischer Haltung vor mir standen! (...)

Irgendjemand, der sie schon gesehen hat, erzählt strahlend, dass die Truppen, die viereinhalb Jahre draußen stritten und litten, in tadelloser Ordnung anmarschieren. Plötzlich kommt Leben in die Stadt St. Wendel: „Unsere Truppen kommen!“ In Scharen ziehen die Kinder hinaus ihnen entgegen, kleine schwarzweißrote Fähnchen in der Hand oder Tannenreiser. Wer eine deutsche Fahne hatte, hing sie zur Straße hinaus. Allen Soldaten war anzusehen, welche Freude ihnen der freundliche Empfang machte: Hier war doch zum ersten Mal die wirkliche, die liebe deutsche Heimat; im benachbarten Lothringen, das sie gestern verlassen hatten, hatte kein freundlicher Blick sie begrüßt. (...)“