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Die Waldschenke in Bierbach
Hexeheisje, Jagdhütte, Notquartier

In der heutigen Waldschenke am Weiher im Grohbachtal gingen schon viele unterschiedliche Menschen ein und aus. Fotos: Wulf Wein
In der heutigen Waldschenke am Weiher im Grohbachtal gingen schon viele unterschiedliche Menschen ein und aus. Fotos: Wulf Wein
Blieskastel. Heute ist die Waldschenke zwischen Forellenweiher und Spielplatz ein beliebter Treffpunkt im Bierbacher Wald. Kaum einer weiß noch, welch eine interessante Vergangenheit sie hat. Kerstin Rech

Um die Geschichte der Waldschenke im Blieskasteler Stadtteil Bierbach von Beginn an erzählen zu können, muss man ins vorvorige Jahrhundert zurück, als es in Bierbach noch Gänsehirtinnen gab. Der Platz, an dem die Bierbacher Gänse in den 1880er Jahren von der Bas Stollebett und später von der Bas Lawallkatt gehütet wurden, war jener Ort im Wald, wo heute die Waldschenke steht. Dort im idyllischen Grohbachtal befand sich, versteckt hinter Fichten, die ärmliche Gänsehütte, in der die Hirtinnen unter heutzutage kaum mehr vorstellbaren Umständen hausten. Die Hirtinnen verstanden sich auf das im Volksmund sogenannte "Brauchen", was nichts anderes war, als das Anwenden von Heilkräutern und das Murmeln geheimnisvoll klingender Beschwörungsformeln. Sie besserten so ihr klägliches Einkommen ein wenig auf, denn sie wurden von den Dorfbewohnern oft gerufen, wenn jemand krank geworden war und die ärztliche Kunst nicht mehr auszureichen schien.

Wohliges Gruseln

Trotzdem oder gerade deswegen waren sie zeitlebens Außenseiterinnen im Dorf. Man hielt sie für Hexen, und die Gerüchte verstummten nie, dass bei der Gänsehütte seltsame Rituale zelebriert wurden. Ein wohliges Gruseln begleitete die Kinder, die im Wald Brennholz sammeln mussten und an der Gänsehütte, die von ihnen "Hexeheisje" genannt wurde, vorbeikamen. Ganz Mutige besuchten die Hirtinnen in ihrer Hütte und ließen sich am offenen Feuer schaurige Geschichten vom unheimlichen Permes (eine Art Teufelsgestalt) und anderen Wesen erzählen, die seit Urzeiten im Bierbacher Wald zu Hause waren.

Etwa zur gleichen Zeit, als die Bas Lawallkatt die Gänse im Bierbacher Wald hütete, verließ der damals 16-jährige Christian Fleisch sein Heimatdorf St. Gallenkirch im Montafon. Die Alpenregion, heute reich durch den Tourismus, gehörte damals zu den ärmsten Gegenden Europas. Nicht wenige Montafoner mussten daher ihr Glück anderswo suchen. Christian Fleisch suchte es in Paris, wo er das Handwerk des Stuckateurs erlernte und in diesem anspruchsvollen Metier bald sehr erfolgreich war. Nach ein paar Jahren, das neue Jahrhundert hatte schon längst begonnen, zog es ihn wieder zurück in seine österreichische Heimat. Sein Weg führte ihn über Saarbrücken. Was ihn letztendlich dazu veranlasste, sich hier niederzulassen, bleibt Spekulation.

Jedenfalls gründete er die Firma Sarit-Industrie Christian Fleisch GmbH und wurde zu einem erfolgreichen Unternehmer. Der passionierte Jäger lernte auf der Suche nach einer Jagdpacht das Dorf Bierbach und den wunderschönen Wald kennen, der ihn an seine österreichische Heimat erinnerte. Er erwarb dort die Pacht und ließ im Jahr 1906 an der Stelle, wo einst die Gänsehütte stand, eine schöne Fläche roden und darauf einen kleinen Fischweiher anlegen sowie eine Jagdhütte aus Holz bauen. Sein Refugium nannte er "Christians Ruhe im Grohbachtal". An dem Tag, als die Jagdhütte eingeweiht wurde, war das gesamte Dorf auf den Beinen. Christian Fleisch und sein Gefolge wurden am Bahnhof von den Bierbachern mit einer Musikkapelle begrüßt. Alle zusammen zogen in einer fröhlichen Prozession vom Bahnhof in den Wald und zur Jagdhütte hinauf, wo ein jeder von dem neuen Jagdpächter festlich bewirtet wurde.

Im Laufe der nächsten Jahre verbrachte Christian Fleisch seine freie Zeit immer wieder gerne auf seiner Pacht und ließ die Holzhütte nach und nach mit Steinen ausbauen, so dass sie einen recht behaglichen Charakter bekam. 1934 trennte er sich von "Christians Ruhe im Grohbachtal" und verkaufte sie an den Saarbrücker Apotheker Ludwig Tschunky. Noch wurde die Hütte als Jagdhütte genutzt. Doch das sollte sich schon bald ändern.

Während des Zweiten Weltkrieges war der Hauptbahnhof Saarbrücken ein wichtiger Verschiebebahnhof und daher ab 1942 immer wieder Ziel alliierter Bombenangriffe. Viele Saarbrücker verloren dabei ihr Zuhause. So auch die Familie Staat, die im letzten Kriegsjahr 1945 ausgebombt wurde. Willi, Irma und ihre beiden Kinder Willi und Karin hatten aber dass Glück, dass die Schwester von Willi Staat mit Ludwig Tschunky bekannt war, der der Familie die Hütte im Grohbachtal als Notunterkunft zur Verfügung stellte.

Wasser aus dem Bach

Der damalige Bierbacher Gemeinderat erlaubte der Familie zwar im Wald zu wohnen, stellte aber eine Bedingung. Die Staats durften ihre Lebensmittelmarken nicht in einem der Bierbacher Geschäfte eintauschen, da auf Grund der knappen Versorgungslage kurz nach dem Krieg die vorhandenen Lebensmittel kaum für die Dorfbewohner ausreichten. Als sich die Lage entspannt hatte und langsam wieder Normalität herrschte, war dieses Verbot natürlich obsolet, und die Staats wurden Kunden im Gemischtwarenladen meiner Großeltern.

Die Hütte im Grohbachtal, obwohl mittlerweile durch Anbauten größer als in ihren Anfangsjahren, zwang die Familie Staat, besonders die Mutter Irma, zu häufigem Improvisieren. Es gab zwei winzige Kammern, einen niedrigen Speicher und eine Küche. Die Lebensmittel wurden unter einer Falltür im Boden aufbewahrt. Es gab weder Strom noch fließendes Wasser. Das musste aus dem nahen Bach geholt werden. Damit die Hütte nachts nicht völlig auskühlte, stellten die Staats Schlamm her, ein Gemisch aus Kohleresten und Wasser, das auf den Ofen gelegt wurde. Wenn Irma Staat die Hütte verließ, um im Dorf einzukaufen, zog sie, da es keinen Schlüssel gab, die Türklinke ab und versteckte sie unter einem Baumstamm. In diesen Jahren war das Gelände um die Hütte wieder so verwildert wie zur Zeit der Gänsehirtinnen, und die Bierbacher Kinder sprachen wieder, wie Generationen zuvor, vom "Hexeheisje".

1954 zog die Familie Staat zurück nach Saarbrücken, und die Gemeinde Bierbach übernahm das Gelände. Es wurde erneut gerodet, und ein Kinderspielplatz mit Rutsche, Kettenschaukel, Karussell und Sandkasten wurde angelegt. Der kleine Weiher wurde zu einem großen Forellenteich ausgebaut. Die Hütte war zunächst gedacht als Unterkunft für den Spielplatz-Aufseher. Bald schon zog es jedoch viele Wanderer und Spaziergänger ins Grohbachtal. Daher bot es sich an, die Hütte bewirtschaften zu lassen. Stolz, Sornberger und Strobel hießen die ersten in einer langen Reihe von Pächtern. Ende der 1990er Jahre erhielt die Hütte dann den Namen Waldschenke. Der änderte sich nur ein wenig, als der Bierbacher Angelsportverein die Hütte übernahm und ihr den "Vornamen" Fischerhütte gab.

Adresse: Fischerhütte Waldschenke, Eckstraße, 66440 Blieskastel-Bierbach, Tel.: (0 68 42) 31 67.

Öffnungszeiten: täglich außer montags von 14 bis 20 Uhr, samstags von 11 bis 20 Uhr.



Zum Thema:

Zur Person Kerstin Rech stammt aus Blieskastel und ist Autorin von Kriminalromanen, die hauptsächlich im Saarland spielen. In ihren Büchern verwendet die Schriftstellerin, die heute in Stuttgart lebt, gerne Sagen und Legenden aus ihrer Heimat. Aus diesem Grund beschäftigt sie sich auch gerne mit der Saar-Geschichte und saarländischen Geschichten. in

Der Bierbacher Wald ist ein beliebtes Naherholungsgebiet.
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